Mein Kopf war wie leergefegt. Ich konnte an nichts mehr denken, hörte keine klaren Stimmen, keine Musik. Nur mein eigener flacher Atem, der den verschmutzten Toilettenspiegel beschlagen ließ, hallte dumpf in meinen Ohren wieder: „Reiß dich zusammen Mel", fluchte Ich, tunkte dabei meine Hände in das eisige Wasser, das roch als wären die Leitungen seit zehn Jahren stillgestanden: „Melanie? Alles in Ordnung da drinnen?", hörte Ich meine Großmutter und stand dabei schon wieder da wie erstarrt.
Wie konnte sie nur so ruhig sein? Es war die Beerdigung des Mannes mit dem Sie Ihr ganzes Leben verbracht hatte. Der Ihr Blumen gebracht und sie auf Händen getragen hatte! Sechzig Jahre verheiratet, jetzt hatte sie neben seinem Grab gestanden, hielt meine Schwester im Arm und sah zu wie er neben meinen Eltern in den Boden eingelassen wurde. Und Ich konnte es nicht einmal über mich bringen näher heranzutreten, oder gar eine Rose auf den dunkelbraun-lackierten, hölzernen Sarg fallen zu lassen.
„Ja, alles in Ordnung...", sagte Ich ruhig, seufzte darüber, wie überzeugend Ich die Gleichgültigkeit herüberbringen konnte und trocknete meine Hände mit den Rauen Papiertüchern, die Ich aus einem verstaubten Spender herauszerrte:
„Ich wollte noch mit dir Reden liebes...", sagte sie, als Ich es über mich gebracht hatte die Tür zu öffnen und sogar schief zu lächeln: „Dann rede" „Wir wissen beide das Ihr, Du und Jinnie, nicht mehr lange bei deinem Großvater und mir gelebt hättet... Wir sind alt und schwach und...Ihr beide seit Jung, braucht eure Freiheit, Ich bin nur ein Klotz an eurem Bein..."
Ich starrte sie entgeistert an, als mir die Bedeutung Ihrer Worte bewusst wurde, noch entgeisterter jedoch war Ich über meinen eigenen ersten Gedanken, dass sie uns in ein Waisenhaus stecken würde. Es war egoistisch, unflexibel und unpassend, dafür kannte Ich sie zu lange: „Du bist kein Klotz" „Und Du hast gezögert...nein....Ich weiß wann es Zeit ist loszulassen und hab es schon abgesprochen. Eure Tante Amanda wird euch bei sich in Miami aufnehmen. Sie wollte heute hier sein und kommen, aber Ihr Reisepass war schon abgelaufen und das unfähige Personal im Rathaus hat Ihren Namen falsch geschrieben, also kam sie nicht durch die Polizeikontrolle am Flughafen und musste den Flug stornieren...wie auch immer...Sie kann euch ein viel besseres Leben bieten und Ich denke...weil Ich dich kenne...das Ihr beide einen Tapetenwechsel gut gebrauchen könntet, auch wenn Du es niemals zugeben würdest...das hast Du von deinem Vater..."
Sie lächelte mich an, mit diesem seriösen Filmblick, als wollte sie sagen; Es-Ist-Das-Beste-Für-Uns-Alle, aber Ich sah das flimmern Ihrer Augen, wie das trübe helle grau ganz glasig würde, bevor die Großmutter sich wegdrehte, um ein Taschentuch zu zücken: „Steht es noch zur Debatte, dass was mit uns passiert?", fragte Ich kampfbereit, doch sie schüttelte bitter lachend den Kopf: „Wir haben eure Flugtickets bereits gebucht, Ich wusste doch das Du sonst versucht hättest es zu verhindern..."
„Was wird hier aus dir?", wollte Ich wissen, sie lächelte wieder: „Ich habe eine App gefunden, auf dem Handy das mir euer Großvater letztes Jahr geschenkt hat! Ich kann damit Pflegedienste in Anspruch nehmen...und es hat sogar SKYPE! Soll Ich dir zeigen wie du Skype auf dein Handy draufspielen kannst?"
Erst als sie mich lachen hörte wurde Ihr grinsen breiter: „Niemand sagt mehr *draufspielen*", dachte Ich mir, wollte sie aber, trotz eines belustigten Kopfschüttelns nicht darauf ansprechen: „Ich kann also nichts mehr daran ändern?" „Nein", antwortete sie, tätschelte meine Schulter und kniff mir in die Wange: „Und euer Flug geht morgen früh, Ihr solltet also eure Koffer packen wenn wir gleich zuhause sind..."
DU LIEST GERADE
Neues Leben (Band 1) *Überarbeitung abgebrochen*
Werewolfleben und leben lassen, Ich brauchte niemanden mehr außer meiner Schwester. Wenn Ich den Polizist zitierte, war Ich das "abgebrühte Londoner Waisenkind", das nun bei seinen Großeltern aufwuchs. Ich war sechs Jahre alt gewesen, als meine Eltern tot...
