Und so passierte es dann auch. Ich musste die wimmernde Jinger, meine Jüngere Zwillingsschwester vom blumenbesetzten Grab wegholen, musste Ihr mit blutendem Herzen erklären, dass ab jetzt alles anders werden würde und nicht nur weil Großvater jetzt tot neben Mom und Dad lag. „Wir ziehen nach Amerika, gehen nach Miami, zu Amanda...", erklärte Ich Ihr ruhig und auch, dass es schon Morgen wäre, wenn wir das Haus unserer Großmutter zum vielleicht letzten Mal verlassen würden.
Sie lächelte, genau wie Großmutter. Jinger lachte die Tränen weg, trällerte Ihre Melodien, hüpfte herum und jubelte Miami zu, genauso wie Großmutter es getan hätte. Meine Schwester versuchte den Optimisten heraushängen zu lassen, alles positiv zu sehen und Ihre Trauer durch Fröhlichkeit zu überspielen.
Wir hatten beide den Dickkopf meines Vaters, daher wusste Ich, dass es funktionieren würde. Immer wenn Ich mir etwas lange genug eingeredet hatte, glaubte Ich es. Egal ob es Gefühle waren, oder die Bauchschmerzen, die Ich mir mit 12 eingeredet hatte um nicht in die Schule gehen zu müssen...das gleiche tat Jinger, nur mit Ihrer quirligen und Aufgedrehten Art. Nachdem sie mich freudig mit einem Kissen verprügelt hatte, packten wir die Koffer, Ich telefonierte mit einpaar Freunden und obwohl wir uns schworen in Kontakt zu bleiben, konnte Ich mit Sicherheit sagen das Ich diese Menschen nie wieder in meinem ganzen Leben wiedersehen würde.
In jedem Einsamen Moment unterdrückte Ich aufkommende Tränen. Das Gefühl, allein dazustehen, wenn alles auf einen eindrückte. Allein mit seinen Gedanken fertigwerden zu müssen, eine Tortur, die Ich bestehen musste, auch wenn Ich am nächsten Morgen völlig übermüdet von einer Schlaflosen Nacht aus meinem Bett herauskroch und mir jedes Mal einredete das Ich stark wäre.
„Für Jinnie", sagte Ich mir: „So wie Granny, so wie alle anderen"
Wir waren gerade einmal sechs Jahre alt gewesen, als unsere Eltern mausetot im Wald aufgefunden wurden. Grausam zerfetzte Leichen, kaum widerzuerkennen, mit Kratzern, Bisswunden und Krallenspuren von einem Tier, dass größer sein musste als ein ausgewachsener Grizzlybär. Man dürfte meinen, für sechs Jahre alte Kinder müsste es leichter zu verkraften sein, dass wir sie bis dahin vergessen hätten und uns nicht einmal mehr an sie erinnern würden, aber das war es nicht.
Ich erinnerte mich noch an alles. Die Kriminalpolizei hatte mich gebeten die Leichen zu identifizieren, weil sie sich nicht einmal Ihrer Identität sicher sein konnten. Sie konnten es Jinger, Großvater oder Großmutter nicht mehr zumuten. Schließlich bestand bei den alten ein Herzstillstands Risiko und bei einem sechsjährigen, verträumten und verschlossenen Mädchen wie Jinger, hätte es zu dauerhaften psychischen Schäden kommen können. Ich war mit Sicherheit auch nicht Ihre erste Wahl, aber Ich war die einzige die in der Lage war, den Ring an dem Finger der zweiten Leiche meiner Mutter zuzuordnen. Es war Ihr Ehering, der an einer abgerissenen Hand zehn Meter neben dem Kopf Ihrer Leiche aus dem naheliegenden Sumpf gefischt wurde. Es musste sich um ein Tier gehandelt haben, ein Mensch hätte die Leichen im Sumpf versenkt und wir hätten sie nie gefunden. Seine Gräueltat wäre nie aufgedeckt worden.
„Ich hab euch Sandwiches gemacht, der Flugzeugfraß ist nicht nur total widerlich, sondern auch total ungesund und überteuert! Und zum Frühstück hab Ich Waffeln gebacken", meine Großmutter stand, stolz wie eine Mutter, in der Küche, über Ihrem Morgenmantel eine Schürze mit der Aufschrift: „Küss den Koch" und Ich schüttelte heftig meinen Kopf um das erlebte in einen hinteren Teil meines Unterbewusstseins zu verdrängen.
„Danke Granny", flüsterte Ich seufzend und schloss die 85-Jährige dankend in die Arme: „Ach, nur das Beste für meine Engelchen", hörte Ich sie sagen, bevor sie auch Jinger in Ihre Arme zog und so verweilte, bis Ihr einfiel das wir gehen mussten: „Jetzt esst schnell auf, eure Koffer und Taschen stehen ja schon an der Tür und das Taxi dürfte in einpaar Minuten ankommen"
Sie sagte uns Lebewohl, dass sie schon immer miserabel bei Abschieden war und dass wir sie auch ja besuchen kommen sollten. Wir sollten Ihr Postkarten schicken, Ihr darauf schreiben wie es uns ging und was wir in Miami sahen. Jinger würde Ihr Schreiben, das wusste Ich, mal sehen ob auch Ich Zeit dafür finden würde.
„Ds Taxe st a", nuschelte Jinger mit vollgestopftem Mund, versuchte sich noch eine Waffel in den ohnehin schon vollen Mund zu stopfen und schluckte dann alles auf einmal herunter: „Das Taxi ist da", wiederholte sie lauter, schob sich dann eilig noch eine Waffel und einen Schluck Milch zwischen die Lippen und zog sich Ihre Turnschuhe über die mit blauen Socken überzogenen Füße.
Ich tat es Ihr gleich, nur schneller, schaffte es sogar noch vor Ihr an der Tür zu sein und dem Taxifahrer, der mit freundlicher Miene und geöffnetem Kofferraum auf uns wartete, meinen Koffer abzugeben um Ihn in dem Wagen zu verstauen. Der Glatzköpfige Mann mittleren Alters bedeckte seinen Kopf, zum Schutz vor jeglichem Wetter, unter einer Schwarzen Kappe, wie Ich sie für gewöhnlich nur in Filmen zu Gesicht bekam. Er wirkte nicht grob, war großgewachsen und hatte den Anstand, mir die Türe aufzuhalten, damit Ich mich auf die Sitze des Wagens gleiten lassen konnte, bevor er sich Jinger's Koffer annahm und auch Ihr in den Wagen verhalf.
Ein weiterer Flüchtiger Blick galt dem Haus, in dem Ich so viel Schönes Erlebt hatte, nachdem uns so viel Schreckliches widerfahren war. Ich hatte zehn Jahre lang in diesem Haus gewohnt und mir im Garten einen meiner Milchzähne ausgeschlagen, Ich hatte meine Schwester „versehentlich" ausgesperrt und mir von Großvater das Autofahren beibringen lassen. Ich erinnerte mich an all diese Tage und die Erinnerungen trug Ich fest in meinem Herzen, behielt sie sicher in meinen Gedanken und nagelte sie fest in meinem Unterbewusstsein, immer wenn meine Seele nach Trost zu suchen pflegte.
„Können wir dann Miss?", fragte der Fahrer, während Ich gedankenversunken an den Ort blickte, der mir die letzten zehn Jahre ein Heim und Zuflucht geboten hatte: „Natürlich Sir", antwortete meine Schwester lächelnd. Ich unterdrückte ein verzweifeltes wimmern, als wir uns von diesem Ort entfernten und ein gequältes schluchzen, als wir mein Heimatort verließen und am Flughafen hielten. Das hier war nicht nur ein Abschied von London oder der von Großmutter. Es war der Abschied eines ganzen Abschnittes. Der von einem Teil unseres Lebens, der uns auf ewig Prägen würde. Hier und heute, mit dem Betreten dieses Flugzeuges, begann für uns ein Neues Leben.
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Neues Leben (Band 1) *Überarbeitung abgebrochen*
Werewolfleben und leben lassen, Ich brauchte niemanden mehr außer meiner Schwester. Wenn Ich den Polizist zitierte, war Ich das "abgebrühte Londoner Waisenkind", das nun bei seinen Großeltern aufwuchs. Ich war sechs Jahre alt gewesen, als meine Eltern tot...
