Fakt dreiundzwanzig

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Fakt dreiundzwanzig: Das Ausmaß eines Unglücks wird einem oftmals erst später bewusst.

„Was ist passiert?", keuchte ich und schaute auf Jared's Arm hinunter, dessen Wunde er abzudecken versuchte.
„Bin mit dem Messer abgerutscht, als ich das Holz schleifen wollte", presste er zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Halb so wild."
Seine Hand rutschte kurz von der blutenden Stelle ab und mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Blut hatte ich noch nie sehen können. Das hatte sich auch unter diesen Umständen nicht geändert.

„Zeig her", sagte Ira plötzlich und drängelte sich an mir vorbei, um die Hand von Jared von seinem Arm zu lösen. „Sieht echt mies aus, Alter", hörte ich ihn murmeln. „Aber ich denk nicht, dass es genäht werden müsste." Langsam traute ich mich auch an ihn heran und sah mir das mal aus der Nähe an. In meinem Magen drehte sich alles, aber ich versuchte mich zusammenzureißen, um nicht als Weichei dazustehen. Dickflüssiges Blut tropfte aus der Wunde und kleckerte noch immer in den strahlend schönen Sand. Ich bemerkte, dass es kein sauberer Schnitt war.
„Hol mir mal sein Shirt, Liv."
Ich bückte mich schnell und gab es ihm, damit er es Jared auf die Wunde pressen konnte. Doch das Blut war durch den dünnen Stoff schnell durchgesickert.
„Was machen wir jetzt?", fragte ich und fühlte mich völlig hilflos und verzweifelt, auch wenn nicht ich es war, die die Schmerzen nun aushalten musste.
„Gar nichts, Mädchen", keifte Jared und ich vermutete, dass wenn er unhöflich sein konnte, es ihm nicht allzu schlecht gehen würde.
„Die Wunde säubern", erwiderte Ira, als ob sein Onkel gar nichts gesagt hätte. „Viel mehr Möglichkeiten haben wir nicht. Du hast nicht zufällig Desinfektionsmittel in deinem Rucksack, oder?" Fragend sah er mich an und ich konnte die Hoffnung in seinen Augen nicht übersehen. Bedauernd schüttelte ich den Kopf. Wozu hätte ich das auch brauchen sollen? „Das Problem an der Sache ist, dass die Stelle sich infizieren könnte." Ira warf einen Blick auf das Messer und rümpfte die Nase. „Es ist ziemlich rostig, das ist nicht gut. Tu mal Wasser auf das Shirt", sagte er und gab mir das Oberteil wieder. Ein metallischer Geruch stieg mir in die Nase und ich musste unwillkürlich würgen. Der Duft des Meeres vermischte sich mit dem seines Shirts und ich tunkte es so lange ich konnte ins Wasser. Als ich es auswrang, färbte sich das helle Wasser leicht Rot.

„Hast du vielleicht Antibiotika oder so etwas?", meinte Ira, als ich wieder bei ihnen war und biss sich auf die Unterlippe.
Ich dachte kurz nach und erinnerte mich daran, dass ich auf Wunsch meiner Mutter eine angebrochene Packung Paracetamol eingepackt hatte.
Rasch durchsuchte ich die Innentaschen meines Rucksacks danach und hielt sie kurz darauf in den Händen. „Das ist alles", sagte ich und reichte Ira die Tabletten, der die Anzahl zu kontrollieren schien.
„Hier nimmt die", sagte er und hielt Jared einige von ihnen hin. Auf einmal machte ich mir ernsthaft Sorgen. Was war, wenn einer von uns krank werden würde? Etwas, was über Kopfschmerzen hinausging. Ein Gedanke, den ich hier zuvor noch nicht hatte. Hier lauerten noch ganz andere Gefahren, es gab andere Probleme als die Insel.


Später am Abend schlief Jared. Ich setzte mich in seine Nähe, um ihn beobachten zu können. Die Angst, die sich in mir aufgetan hatte, hatte sich nur noch verstärkt. Es war nicht die Frage, ob wir krank wurden, sondern wann. Hier konnte so viel passieren und wir hatten weder einen Arzt, noch Medikamente, bis auf ein paar restliche Tabletten Paracetamol, die bei schlimmeren Krankheiten auch nicht viel helfen konnten. Ich seufzte resigniert.
Und auch wenn ich wusste, dass es nichts brachte, schaute ich in den Sonnenuntergang hinein, um zu warten, ob ein Schiff kam.
Und dann kam mir plötzlich eine Idee. Wenn es hier Menschen gab, mussten sie hier gelandet sein. Vielleicht besaßen sie auf der Insel noch ein kleines Boot. Doch ehe der Gedanke sich in mein Gehirn gefressen hatte, gab ich ihn schon wieder auf. Hätten sie eines gehabt, wären sie vermutlich nicht hier geblieben. Es sei denn ...



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