Fakt fünfundvierzig: Wenn etwas dazwischen kommt, muss man handeln.
„Eingeborene", hauchte ich und begann zu zittern. Mein ganzer Körper bebte.
„Helft mir", rief er laut. Es war zwar schon recht dunkel, doch wir sahen, dass drei der Eingeborenen ihn umzingelten und mit Speeren auf ihn zeigten. Und aus dem Dschungel traten noch mehr hervor.
„Wir müssen was tun", schrie Amelie und weinte. „Bitte!"
„Verdammte scheiße!" Ohne, dass wir ihn aufhalten konnten, sprang Jared aus dem Boot und schwamm auf den Strand zu.
„Jared, nein!", rief Ira und versuchte ihn zurückzuholen. Er war kurz davor, hinterher zuspringen, doch ich hielt ihm am Arm zurück.
„Nicht", flehte ich. Auch mir kamen langsam die Tränen.
„Er ist mein Onkel!", zischte er und riss sich von mir los. Glücklicherweise war ich schneller und hatte sofort wieder seinen Arm umschlungen.
„Du kannst ihm nicht helfen." Es war schon eine verstörende Situation. Irgendwo da draußen schwamm Jared, um einen unbekannten Mann vor gefährlichen Irren zu retten. Ich erkannte kaum mehr seine Konturen, konnte nur noch erahnen, wo er sich gerade befand. Wir waren nicht weit gekommen und so war der Weg auch nicht lang.
„Ich muss", entgegnete Ira. „Warum willst du mich aufhalten?" Er war wütend, eindeutig. Normalerweise hätte ich ihn jetzt losgelassen. Jared brauchte Hilfe, das war klar. Doch ich konnte es einfach nicht.
„Ich kann dich nicht verlieren, Ira", hauchte ich mit tränenerstickter Stimme. „Nicht noch einmal."
Ich schluchzte und vergaß völlig, dass Amelie auch noch im Boot war. „Bitte ... Ich ... liebe dich." Ich hätte gedacht, diese Worte nicht hervorbringen zu können, doch es war erstaunlich leicht. Es fühlte sich richtig an.
Ira wirkte geschockt, als würde er nicht glauben, was ich gerade gesagt hatte. Doch jede Entscheidung, jedes Wort wurde uns ohnehin abgenommen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als Amelie zu schreien begann. Und dann stimmte auch ich mit in ihr Kreischen ein.
Die drei Eingeborenen kümmerten sich weiterhin um den Professor, doch auch uns schienen sie nicht verschonen zu wollen. Zwei weitere liefen ins Meer. Direkt auf Jared zu.
„Ruuudeeert!", schrie er uns entgegen. Nur langsam setzten wir uns in Bewegung. „Los!" Wild fuchtelte er mit seinen Armen. Ich sah noch, wie er einen der beiden Männer schlug, dann musste ich mich beeilen. Amelie hatte sich das andere Ruder geschnappt, das Ira ihr aus der Hand reißen wollte.
„Wir müssen ihm helfen!", schrie er sie an. Er drängte sie weg und schnappte sich das Ruder. Das war genau das Gegenteil von dem, was Jared wollte. Nicht nur sich brachte er in Gefahr, sondern auch Amelie und mich. Ich wollte genauso, dass Jared, ja und auch der Professor es schafften. Doch wie sollten wir es mit denen aufnehmen können? Es war ja nicht so, dass es nur die Fünf gab ...
Ich handelte, ohne darüber nachzudenken. Fest entschlossen packte ich das Ruder und schlug damit von hinten auf Ira's Kopf. Hart.
Das Letzte, was ich von ihm mitbekam war, dass er mich vorwurfsvoll anstarrte. Dann wurde er ohnmächtig.
„Jetzt, Amelie", sagte ich und entnahm das Ruder aus Ira's Händen. Gemeinsam schafften wir es, ein Stück weiterzukommen. Immer kleiner wurden die Silhouetten am Strand, die wild aufeinander einschlugen.
Ich hörte Stimmen, darunter die von Jared und dem Professor. Dann ein Wort, welches ich als 'Lauf' identifizierte.
„Einer liegt schon auf dem Boden", erkannte Amelie. Auch wenn es das nicht sollte, gab es mir ein Stück Hoffnung. Jetzt waren es nur noch vier. Gegen zwei.
Sekunden später sah ich jedoch, dass eine Gestalt sich in die sanften Wellen warf. Es war kein bestimmender, selbstsicherer Gang, sondern einer, der etwas unbeholfen aussah. Der des Professors.
„Was tut er da?", schimpfte ich und sah zu Amelie rüber.
„Er lässt Jared allein", stellte sie fest. Man konnte ihr anhören, dass sie darüber etwas verwundert war, es nicht guthieß, doch sie freute sich auch. Natürlich.
„Jared ... er ... er schafft das doch nicht alleine!"
Wie ein Hund paddelte der Professor auf uns zu. Amelie hörte auf zu rudern, doch ich machte
weiter. Alleine kam ich jedoch nicht schnell voran.
„Helft mir", keuchte er und versuchte sich am Rand des Bootes festzuhalten. Kurzzeitig hörte auch ich dann auf zu rudern, damit Amelie ihn ins Boot ziehen konnte.
„Warum helfen sie ihm nicht?" Vorwurfsvoll starrte ich den nassen Professor an. Auf seinem Gesicht klebte etwas Blut, welches schon fast abgewaschen war, sonst schien er unverletzt zu sein.
„Ich kann nicht", antwortete er entschuldigend. „Jared versucht die Eingeborenen vom Meer fernzuhalten, damit wir fliehen können. Er hat wirklich was drauf." Er deutete auf Ira. „Ist ..."
„Nein." Ich schüttelte den Kopf. „Nur ohnmächtig."
„Aha", antwortete er und nickte.
Vom Strand aus waren Schreie zu hören, man konnte schemenhaft erkennen, wie Jared gegen die Männer kämpfte. Doch ich sah auch, dass er verletzt sein musste. Er kippte zur Seite und lag bald darauf auf dem Boden. Ich atmete erleichtert auf, als ich bemerkte, dass er aufstand. Noch nie hatte ich solche Angst um ihn gehabt. Doch auch Wut mischte sich in meine Gefühle. Ich verstand nicht, wie er ihn alleine lassen konnte, besonders, weil er nur wegen ihm in Gefahr war.
„Es tut mir leid, Kind", sagte der Professor an mich gewandt. „Es tut mir wirklich leid, dass ihr euren Freund verloren habt."
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Forgotten Island
AbenteuerFakt eins: Schon seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich davon, in einem Paradies zu leben. Fakt zwei: Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als geliebt zu werden. Fakt drei: Nie hätte ich gedacht, dass mir etwas Schlimmes zustoßen könnte. ...
