Fakt dreißig: Realität ist nicht immer so, wie sie einem erscheint.
Es war tiefe, pechschwarze Nacht. Die zahlreichen Sterne, die den Mond umschmeichelten waren die einzige Lichtquelle, die diese Dunkelheit zerbersten konnte und mit ihren Kräften ein wenig Helligkeit erhielten.
Ich schaffte es nicht, mich gänzlich in die träumenden Arme des Schlafes zu begeben und waberte ständig zwischen Wachsein und dämmern. Sobald ich die Augen schloss und versuchte meine Gedanken auf eine angenehme Ebene zu bringen, tauchten die Bilder des Dschungels auf, die uns Jared nicht finden ließen. Irgendwann hatten wir es aufgeben müssen und waren zu unserem Lager zurückgegangen.
Es war ruhig als ich die Sterne beobachtete und darauf hoffte, eine Sternschnuppe würde den Himmel entlanggleiten. Vielleicht würde es funktionieren und ich könnte mir etwas wünschen. Einen Versuch wäre es mir auf jeden Fall wert.
Nach einer Weile schien es eine einschläfernde Wirkung auf mich zu haben, denn als etwas sanft über mein Gesicht streifte, merkte ich, dass meine Augen geschlossen waren. Ich blinzelte ein paarmal, stellte fest, dass es noch immer dunkel war und die Nacht noch immer herrschte und sah plötzlich eine schemenhafte Gestalt vor mir. Erschrocken riss ich die Augen auf und wollte schreien, doch eine kräftige Hand presste sich auf meinen geöffneten Mund und erstickte jeden kläglichen Laut aus meiner Kehle.
„Ist gut, Mädchen", flüsterte eine vertraute Stimme besänftigend.
„Jared?", presste ich zwischen der Hand hervor und fing an mich zu beruhigen. Seine Fingerspitzen waren feucht als er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich und meine Nase stupste. Endlich konnte ich dann wieder die frische Luft in meine Lungen lassen, die sich nun dankbar ausbreiteten. Diese Szene erinnerte mich an unsere erste Begegnung als wir gerade erst frisch gestrandet waren.
„Wo warst du?", hauchte ich, drehte mich nach Ira um und wollte ihn rufen, doch Jared legte mir einen Finger auf die Lippen.
„Psst", wisperte er, sodass sein Atmen in mein Gesicht schlug. Ich sah wie er lächelte und spürte, dass jetzt alles wieder in Ordnung war. Er sah gut aus. Gesund. Und er war wieder hier. „Passt gut auf euch auf, Mädchen", murmelte er. Dann merkte ich wie die Müdigkeit mich übermannte und mir die Augen gegen meinen Willen zufielen.
„Jared?", rief ich plötzlich als ich endlich aufwachte und der Tag schon angefangen war. „Jar?" Suchend blickte ich mich um, fand aber nur Ira, der gerade eine Frucht schälte und sie mir bereitwillig hinhielt.
„Na, schlecht geträumt?" Er versuchte es gleichgültig klingen zu lassen, aber ich merkte, dass er traurig war.
Die Bilder der letzten Nacht kamen Schlag auf Schlag zurück und ließen mich hochfahren. Schnell schnappte ich mir meine Schuhe und zog sie über meine aufgescheuerten Füße.
„Nein", sagte ich bestimmt und fuhr mir notdürftig durchs Haar. „Jared war hier. Heute Nacht!"
Ich hörte wie etwas in den Sand fiel.
„Was?! Warum hast du mich nicht geweckt? Wo ist er?" Ira sah sich aufgeregt um, konnte Jared aber ebenfalls nicht entdecken.
„Er war plötzlich über mir und hat mir den Mund zugehalten, als ich schreien wollte. Er wollte nicht, dass ich dich wecke und sagte, wir sollen gut auf uns aufpassen. Irgendwo hier muss er doch noch sein!"
Er sah sich noch einmal um, bemerkte wohl meinen unsicheren Gesichtsausdruck und seufzte lang und tief. „Liv", sagte Ira dann und legte mir eine Hand auf meinen Arm. „Bist du dir sicher, dass es kein Traum gewesen ist?" Ich hielt inne. Erst verärgerte mich seine Frage, doch dann begann ich darüber nachzudenken. Unwillkürlich glitt mein Finger zu meinen Lippen, die Jared heute Nacht berührt hatte. Dann zu meiner Wange, wo er sie gestreift hatte, als er das Haar weggestrichen hatte. All das fühlte sich so real, so echt an.
Es konnte kein Traum gewesen sein. Unmöglich. Oder doch?
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Forgotten Island
AventuraFakt eins: Schon seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich davon, in einem Paradies zu leben. Fakt zwei: Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als geliebt zu werden. Fakt drei: Nie hätte ich gedacht, dass mir etwas Schlimmes zustoßen könnte. ...
