Fakt vierunddreißig: Man lässt niemanden zurück.
Mit den Sekunden war es schon so eine Sache. Sie waren nur eine kurze Freude, verstrichen schnell und schienen nicht langwierig zu sein. Doch manchmal fühlten sie sich auch an wie Stunden. Viel länger also. Genauso wie jetzt.
„Wo...woher weißt du das?", fragte ich schnell, sodass sich meine Worte fast überschlugen.
„Weil ich sie beobachtet habe." Sie bemerkte wohl meinen entgeisterten Gesichtsausdruck, denn sie sprach weiter. „Keine Sorge. Ihm geht es gut. Noch. Aber niemand weiß, wie lange noch. Auch nach all den Jahren weiß ich nicht, wie sie ticken. Eines weiß ich allerdings: Jared ist verloren. Und auch Ira, wenn er auf sie trifft. Ebenso wie du."
„Nein", sagte ich mit klarer, fester Stimme, obwohl mein Herz mir bis zum Hals schlug und ich den Tränen nahe war. „Das glaube ich nicht." Bitte sag mir, dass das nicht stimmt.
„Dann nicht", antwortete sie nur, als wäre es ihr egal. Vermutlich war es das auch.
„Wer sind 'sie'?", entgegnete ich und sah sie flehend an.
„Die Feinde. Eingeborene. Die, mit denen man nicht kommunizieren kann", antwortete sie nach einer Weile endlich. „Sie sind gefährlich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie."
Die Sorgen brachen über mich herein wie eine dunkle Welle voller Grauen. Ira war allein im Dschungel, vielleicht schon in Gefahr und Jared war bereits dort. Seit Wochen. Und wir hatten es nicht gewusst. Mir war klar, dass uns keine Schuld traf, aber dennoch hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Immerhin wusste ich nun, dass er noch lebte. Er lebte. Und ich würde ihn wiedersehen. Daran glaubte ich.
Als ich daran dachte, dass auch ich allein im Dschungel gewesen bin, überkam mich eine Gänsehaut. Sie hätten mich holen können. Taten sie aber nicht. Wieso?
„Wieso haben sie nicht uns alle?", fragte ich also und hoffte einfach mal, dass sie es wusste. Und es mir erzählte.
Ich hörte Amelie seufzten, spürte, dass sie weg wollte und war dankbar, dass sie doch antwortete.
„Weil sie nichts von dem Rest wissen. Sie sind nicht immer in jedem Teil der Insel unterwegs und halten sich oft tagelang an manchen Orten nicht auf. An den Strand gehen sie ohnehin fast nie. Ich glaube nicht, dass sie eine Ahnung haben."
Einen Moment lang sah sie mich an, beobachtete mich und schien über etwas nachzudenken. „Bist du schnell?"
„Ja", antwortete ich ohne zu beachten, dass ich verletzt war.
Amelie nickte und deutete dann nach draußen. „Dann kannst du mitkommen. Ich will versuchen ein Versteck zu finden."
„Aber wenn du sagst, sie halten sich nicht am Strand auf, dann ..."
Sie unterbrach mich. „Sie haben meine Spur. Und diese führt hierher." Panik durchflutete meinen Körper. Hatte ich dann überhaupt noch eine Wahl?
„Zu mir? Zu unserem Versteck?", fragte ich hektisch. Meine Hände begannen zu schwitzen.
„Ich bin mir nicht sicher", gab sie zu und kniff die Augen zusammen. „Könnte aber sein. Wenn wir Glück haben, dann haben sie sie verloren." Ich dachte an Ira und schüttelte heftig den Kopf.
„Ich muss auf meinen Freund warten", sagte ich. „Er ist dem Schrei gefolgt."
Völlig entgeistert sah sie mir entgegen. „Dem Schrei? Seit ihr noch bei Trost?"
Ich schluckte schwer und wollte etwas sagen, doch mein Hals fühlte sich eigenartig rau an.
„Wenn er sie findet, ist er verloren. Das waren sie, verstehst du das, Liv? Sie haben geschrien, damit sie auf der Suche nach mir die Anderen verständigen konnten. Ich war unvorsichtig und sie haben mich entdeckt."
„Sie können ihn nicht haben. Das ist unmöglich", nuschelte ich.
„Ganz gleich", erwiderte sie. „Wir müssen hier weg. Sofort! Reden können wir immer noch unterwegs." Amelie zog mich am Arm, sodass ich meinen Fuß belastete und automatisch aufschrie.
„Du bist verletzt?!"
Ich war bereits verzweifelt, als ich nickte.
„Verdammt!", fluchte sie und trat fast gegen die Wand, bis sie sich offenbar erinnerte, dass sie kaputt gehen würde. Was vielleicht auch besser wäre, denn wenn die Eingeborenen sie sahen, wussten sie, dass wir hier lebten. Doch wir konnten ohnehin nicht alle Spuren beseitigen.
„Ich werde dich stützen, aber wenn es knapp wird, muss ich dich alleine lassen. Verstehst du?"
Nein. Ich konnte Ira nicht im Stich lassen. Was, wenn er wiederkommen würde und ich nicht mehr da wäre? Zweifel nagten an mir, aber ich konnte es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.
Doch was wäre, wenn Amelie recht hatte? Wenn er schon gefangen genommen wurde und sie kurz davor waren, hierherzukommen.
Ich könnte mich am Rand des Dschungels verstecken, dachte ich, wusste aber auch, dass es sinnlos wäre.
„Komm mit", versuchte sie mich zu überreden. „Jetzt oder nie."
„Nein", sagte ich bestimmt, bereute meine Entscheidung aber schon jetzt. „Ich kann nicht weg. Nicht ohne Ira."
Amelie schüttelte fassungslos den Kopf. Für diese Frau schien es nur um ihr eigenes Leben zu gehen. Für mich hing viel mehr daran. Ich hatte Freunde gefunden. Und ich würde mich nicht ohne sie in Sicherheit bringen. Falls Ira zurückkommen würde, würde ich ihm von Jared erzählen und wir könnten überlegen, was zu tun war.
Wenn nicht, dann würde ich es allein tun müssen.
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Forgotten Island
AdventureFakt eins: Schon seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich davon, in einem Paradies zu leben. Fakt zwei: Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als geliebt zu werden. Fakt drei: Nie hätte ich gedacht, dass mir etwas Schlimmes zustoßen könnte. ...
