Fakt elf: Zweifle nicht an deinen Entscheidungen.
Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis ich aus dem Wasser gestiegen und mich auf den Weg zurück zum Strand gemacht hatte. Ein Teil in mir hatte die Hoffnung gehegt, Jared würde wiederkommen. Selbst wenn ich ihn nicht ausstehen konnte und ich mir tausend Menschen vorstellte, mit denen ich lieber auf dieser Insel gestrandet wäre, wollte ich eines auf keinen Fall: Alleine sein.
Unterwegs hielt ich die Flasche an meinen Oberkörper gedrückt. Sie war das Einzige, an dem ich mich festhalten konnte.
Es schossen mir sämtliche Gedanken durch den Kopf und ich fragte mich ständig, ob es das Richtige gewesen war, zu gehen. Strenggenommen war er gegangen, aber hätte ich ihn aufhalten sollen?
Möglicherweise hatte er die andere Seite ja bereits erreicht und war den Rückweg schon angetreten. Ich beschloss eine kurze Pause zu machen und setzte mich an Ort und Stelle auf den Boden. Zum einem, weil ich völlig erschöpft war, mir sämtliche Knochen weh taten unddie schwüle Luft mir zu schaffen machte. Zum anderen aber auch, um abzuwarten, ob Jared mich einholen würde.
Doch nachdem die Flasche in meinen Armen leichter wurde, ging ich weiter. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, dass ich ohne Trinken umherirrte.
Obwohl ich mir sicher war, den richtigen Weg zu gehen, bekam ich mit der Zeit zweifel. Schon seit Stunden lief ich hier rum. Müsste ich nicht eigentlich schon da sein? Angestrengt horchte ich, ob ich irgendwie das Meer hören konnte, doch alles was ich vernahm, waren die Lieder von exotischen Vögeln und das leise Rascheln der Blätter. Ohne das ich wusste, wie ich es verhindern konnte, traten Tränen aus meinen Augen. Wie konnte das alles nur passiert sein? Noch immer fühlte sich alles so surreal an.
Wären die Umstände anders, wäre selbst dieser Dschungel wunderschön gewesen. Es gab hier viele bunte Pflanzen, die ich bisher nur in Büchern hatte sehen können. Die Gegend war malerisch.
Doch anstatt den Anblick auf mich wirken zu lassen, fing ich irgendwann an zu rennen. Durch das Blätterdach sah ich, dass der Sonnenuntergang nahte. Besonders scharf darauf noch eine Nacht im Dschungel zu schlafen, war ich nicht gerade. Vor allem nicht alleine. Meine Lungen brannten und es war, als würde ich Feuer, anstelle von Luft einatmen.
Stur sah ich auf den Boden, um nicht über irgendwelche Wurzeln zu fallen. Doch als meine Füße nicht mehr auf der Erde liefen, stolperte ich dennoch vor Schreck.
Und ich hätte heulen können. Vor Freude.
Unter meinem Körper erstreckte sich weißer Sandstrand und als ich aufblickte, sah ich den türkisen Ozean mit all seiner vollkommenen Schönheit. In all der Eile hatte ich mich nur mehr auf den Dschungel konzentriert, sodass ich gar nicht bemerkt hatte, wie nah ich meinem Ziel überhaupt war.
„Ira", versuchte ich laut zu rufen, jedoch war mein Hals so kratzig, dass meine Stimme abbrach. Ich rappelte mich schnell wieder auf und lief weiter den Strand entlang, während meine Augen nach Ira suchten. Die Hitze schlug mir unvermittelt entgegen. Hier war es viel Wärmer, als im Schutz der Bäume, obwohl die Luft klarer, reiner und angenehmer war.
„Ira", versuchte ich es noch einmal. Dieses mal schien er es tatsächlich gehört zu haben. Offenbar hatte er sich im Schatten der Bäume aufgehalten, denn er kam etliche Meter weiter von dort zum Vorschein.
„Liv! Ihr seit zurück", rief er aufgeregt und lief (zugegeben sehr langsam) auf mich zu. In der Hand hielt er ... „Mein Rucksack", sagte ich aufgeregt und kam ihm entgegen. Das war eindeutig mein blau-weißer Rucksack mit den Elefanten drauf. „Wo hast du ihn her?" Meine Stimmung erhellte sich sofort wieder.
„Er trieb im Wasser. Als ich gesehen habe, das dort etwas war, bin ich rausgeschwommen. Ich hab die Privatsphäre mal ignoriert und reingesehen. Warum hast du einen Teddybären dabei?" Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Doch bevor ich etwas sagen konnte, redete er weiter.
„Wo ist Jared denn?" Suchend sah er sich um, fand ihn aber natürlich nicht.
„Weg", murmelte ich und ließ den Kopf hängen. Wie sollte ich ihm das bloß erklären? Darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Ein Fehler.
„Wie weg?", fragte Ira und sah mich wie ein verletzter Welpe an. Verdammt!
Ich atmete tief durch. „Hör zu, Jared hat mich alleine gelassen. Wir haben die andere Seite noch nicht gefunden und ich wollte zurückgehen. Er aber nicht." Erst jetzt bemerkte ich, dass hier keine Rettung war. Niemand, der auf uns gewartet hatte. Enttäuschung machte sich in mir breit und füllte jede Faser meines Körpers.
„Ihr habt euch getrennt? Hast du noch nie einen Horrorfilmgesehen?! Man trennt sich nicht!" Wütend pfefferte Ira meinen Rucksack in den Sand.
„Das ist doch kein Horrorfilm", giftete ich und stemmte die Hände in die Hüften. „Vielleicht hättest du mal etwas weniger TV sehen sollen. Jared ist schon groß, er wird den Weg schon finden."
„Du weißt schon, was jetzt passiert? Was passieren muss?" Seine Stimme war nachdrücklich, flüsternd, bebend. Nicht so fröhlich wie sonst.
„Und das wäre?", fragte ich genervt.
„Wir werden ihn nicht wieder sehen."
Hörbar stieß ich die Luft aus. Was stimmte denn nicht mit diesem Kerl?! „Du spinnst doch!"
„Und du hast ihn allein gelassen", antwortete er trotzig und kam mir nun vor, wie ein bockiges Kind.
„Er hat mich allein gelassen", stellte ich richtig.
Ich warf Ira noch einen zornigen Blick zu, dann schnappte ich mir meinen Rucksack und ging. Schließlich wusste ich, was drin war.
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Forgotten Island
PetualanganFakt eins: Schon seit ich ein kleines Mädchen war, träumte ich davon, in einem Paradies zu leben. Fakt zwei: Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als geliebt zu werden. Fakt drei: Nie hätte ich gedacht, dass mir etwas Schlimmes zustoßen könnte. ...
