▷ Billie Eilish - Six Feet Under ◁
Ich habe kaum Zeit, um richtig durchzuatmen und mich von dem eben erlebten Schreck zu erholen, als Frau Koch vor einer Tür stehen bleibt und mich abwartend ansieht. Den Blick der wütenden Sturmaugen auf meiner Haut eingebrannt, sehe ich Frau Koch vorsichtig an.
"Bereit, Frau Großmann?", fragt sie leise und wartet meine Antwort gar nicht ab. Sie geht in das Zimmer, in dem eine Gruppe von Leuten sitzt, deren Gespräch augenblicklich verstummt und die mich sofort ausgiebig und neugierig mustert.
"Hi", sage ich leise in den Raum und vermeide, so gut es geht, jemanden anzusehen. Der Boden ist aus Holz und knarzt leise, als ich die Türschwelle überschreite.
"Setzen Sie sich doch zu Herrn Surbeck", sie zeigt auf einen leeren Platz zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau, "er ist Ihr Pate und wird Ihnen in der ersten Zeit zur Seite stehen." Ich möchte mich am liebsten verstecken, weil mir all die Aufmerksamkeit zuwider ist. Und ich wünsche mir eine Unsichbarkeitskappe, als ich mich auf den leeren Platz begebe. Am liebsten hätte ich den Tarnumhang von Harry Potter. In den letzten Jahren habe ich die Kunst des Unsichtbarseins gelernt. Ich habe es wirklich gut drauf, mich so zu verhalten, dass mich niemand sieht; dass ich untergehe. Dennoch wäre dieser Tarnumhang nicht schlecht.
"Hallo. Ich bin Aaron", teilt er mir mit und sieht mich abwartend an.
"Ich bin Lia."
Er lächelt und wendet sich wieder an den Herrn, neben dem Frau Koch jetzt sitzt.
"Guten Tag, Frau Großmann. Ich bin Herr Zesinski und teile mir mit Frau Koch zusammen die Leitung dieser Millieugruppe. Die Sitzung für heute ist fast vorbei, deswegen würde ich vorschlagen, dass wir vielleicht noch kurz eine Vorstellungsrunde machen."
Innerlich rolle ich mit den Augen, da ich es eigentlich vermeiden wollte, bereits am ersten Tag vor allen Leuten zu reden. Und ich hasse Vorstellungsrunden.
"Frau Großmann, vielleicht möchten Sie damit beginnen?" Herr Zesinksi sieht mich gutmütig lächelnd an und ich hole tief Luft. Es sind mir zu viele fremde Menschen.
"Ich bin Lia, bin 20 und hier, weil meine Eltern es so wollen."
"Und du? Möchtest du es auch? Immerhin bist du alt genug um eigene Entscheidungen zu treffen." Eine blonde Frau, die mir gegenüber sitzt, hat die Frage gestellt und sieht mich interessiert an.
"Ehrlich gesagt ... ich weiß es nicht." Ich zucke mit den Schultern und mustere den Boden. Und meine eigene Entscheidung wurde ja nicht akzeptiert.
Der Rest der Gruppe stellt sich vor, aber ich kann mir keinen einzigen Namen merken und ich höre auch nicht wirklich zu, alles überfordert mich zu sehr. Außer Aaron, der mich immer wieder von der Seite ansieht, habe ich alle Namen bereits wieder vergessen. Ich fühle mich unwohl. Sicherlich ekeln sich alle vor mir aufgrund meines Gewichts. Und am liebsten würde ich mich verstecken. Unter die Bettdecke kriechen und niemanden sehen oder hören. Und keinen Blicken ausgesetzt sein.
Nachdem sich alle vorgestellt haben, beendet Frau Koch die Sitzung.
"Rauchst du, Lia?" Aaron steht auf und streckt sich.
Ich nicke. Leider ja.
"Gut, dann zeige ich dir gleich mal die Raucherplätze. Die offiziellen und die inoffiziellen", meint er und hält mir die Tür auf.
"Danke", flüstere ich und betrete den Gang, in dem ich vorher gegen den Riesen gelaufen bin.
Zu meinem Erstaunen wendet sich Aaron nach rechts, obwohl die Tür, die in den Garten führt, links ist. Vor einer Metalltür bleibt er stehen.
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NOAH | ✓
Fiction générale»Manche Menschen sind ein Geschenk, andere eine Strafe.« »Dann bist du eindeutig das ätzende Fegefeuer, Kugelfisch.« »Und du Pest und Cholera, Noah!« »Halt die Schnauze!« Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch gibt es für Lias Eltern nu...
