▷ Bahamas - All I've Ever Known ◁
Die nächsten Tage verbringe ich zurückgezogen, wie betäubt in meinem inzwischen doch sehr gemütlichen Bett. Ich bin viel zu schwach um aufzustehen. Wäre Leonie nicht, ich würde nicht einmal mehr duschen gehen. Noah schaut wohl zwischendurch immer mal wieder vorbei, aber ich möchte ihn nicht sehen. Ich möchte niemanden sehen. Die Erkenntnis, wie wenig ich meinen Eltern wert bin, schmerzt so sehr, dass ich es nicht einmal in Worte fassen kann, als ich Frau Eichendorf gegenübersitze. Ihre tausend Fragen beantworte ich eher mehr oder weniger einsilbrig und mit äußerst leiser Stimme. Ich möchte nicht, dass mich jemand hört und ich Aufmerksamkeit bekommen könnte; möchte nicht gesehen werden. Ich möchte unsichtbar sein. Mich in Luft auflösen. Nach meiner Einzeltherapie rauche ich mit leicht zitternden Händen eine Zigarette und schleiche mich dann, so schnell es geht, in mein Zimmer. Aber ich habe die Rechnung natürlich ohne Anett gemacht. Auch sie wird bald entlassen. Immer mehr neue Mitpatienten kommen und ich habe keinerlei Kraft, mich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie kennenzulernen.
"Lia, da bist du ja. Wir machen uns alle ziemliche Sorgen um dich." Anett legt sich den Schal um die Schultern und lächelt leicht.
Langsam drehe ich mich um und setze mein schönstes Lächeln auf. "Es geht schon. Bald bin ich wieder öfter im Speisesaal und laufe nicht mehr wie so ein komischer Zombie durch die Welt."
Anett runzelt die Stirn und sieht mich kurz nachdenklich an. "Wir fahren nächste Woche übrigens zur Alten Nationalgalerie. Das ist unser Gruppenausflug und ich freue mich schon sehr. Du liebst Kunst ja auch, richtig?"
Ich nicke. "Wer ist wir?", erkundige ich mich. Ich kann nicht verhindern, dass sich Neid durch meine Adern frisst. Ich liebe die großartige Alte Nationalgalerie abgöttisch, mit den wunderschönen Kunstwerken aus dem 19. Jahrhundert.
"Unsere Gruppen. Deine und meine." Sie lächelt und ihre Augen strahlen warm. "Du magst doch Kunst so gerne. Die Mehrheit hat sich für dieses Museum ausgesprochen."
"Wie kommt es denn, dass wir einen Ausflug machen?", möchte ich wissen und halte mich an dem Saum meiner Jacke fest.
"Anscheinend wurde das jetzt so eingeführt, dass so ein Ausflug einmal im Monat stattfindet. Ich finde, dass ist eine tolle Idee, muss ich sagen. Naja, ich muss jetzt telefonieren. Wir sehen uns bald, ja?" Sie winkt mir kurz zum Abschied zu.
Die restlichen Tage bis zum Ausflug verbringe ich meistens in meinem Zimmer. Nur zu den Therapien und zum Essen verlasse ich es. Es ist Noah unfair gegenüber, ich weiß das. Aber er hat mich gesehen, als ich am schwächsten war. Ich habe Angst, dass er das Wissen ausnutzt.
Er hat mich an meinem tiefsten Punkt gesehen, verletzlich, und meine Angst vor dem wissenden Blick in seinen Augen ist zu groß und zu überwältigend für mich. Am Tag des Ausflugs klingelt Leonies Wecker fünf Minuten vor meinem und ich schlage seufzend die Decke zurück. Vor dem Fenster ist es noch ein bisschen dunkel. Die Jahreszeit wandert zum Herbst und es wird inzwischen wieder etwas früher dunkel und später hell. Ich stelle mich vor das Fenster. Über dem Wald vor dem Glas stiehlt sich der Nebel durch die Bäume. Leise öffne ich das Fenster und lasse die frische Luft in unser Zimmer. Leonie beobachtet mich währenddessen neugierig und abwartend.
"Kommst du heute mit zur Galerie?", erkundigt sie sich leise und setzt sich schließlich langsam in ihrem Bett auf. Bald wird auch sie entlassen und ich kann mir nicht vorstellen, das hier alles ohne sie durchzustehen.
Ich nicke. "Ja", antworte ich schlicht.
Freudig quietschend springt sie aus dem Bett und umarmt mich fest von hinten. "Super, ich freu mich so! Ich gehe zuerst duschen!" Und bevor ich irgendetwas sagen kann ist sie mit Sack und Pack aus unseren gemütlichen Zimmer verschwunden.
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NOAH | ✓
Ficción General»Manche Menschen sind ein Geschenk, andere eine Strafe.« »Dann bist du eindeutig das ätzende Fegefeuer, Kugelfisch.« »Und du Pest und Cholera, Noah!« »Halt die Schnauze!« Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch gibt es für Lias Eltern nu...
