▷ Lifehouse - Everything ◁
Noah zittert so sehr, dass ich große Mühe habe, stehen zu bleiben. Er lehnt sich an mich, als wäre ich ein Fels in der Brandung. Ihn so zu sehen, treibt auch mir die Tränen in die Augen. Verschwunden ist der selbstbewusste, coole, eingebildete, oberflächliche Vollpfosten. Vor mir steht ein kleiner Junge, der sich nach einem festen Halt sehnt und gerade verloren im wilden, tosenden Meer treibt - ohne ein Festland zu entdecken. Verloren schlingt er schließlich auch die Arme um mich und drückt mich so fest an sich, dass ich keine Luft mehr bekomme. Sein Zittern lässt auch mich zittern und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich ihm den ganzen Schmerz nehmen kann, den er auf seinem Rücken herumträgt. Er ist stark, so stark, und er sieht es einfach nicht.
"Ich bin da. Es ist alles gut, Noah. Du bist nicht allein", flüstere ich und streiche ihm über den Rücken, um ihn zu beruhigen.
Er schluchzt und drückt mich noch fester an sich und vergräbt sein Gesicht an meinem Hals. Die Nässe seiner Tränen tränkt meine Jacke, aber das stört mich nicht. So etwas hat mich nie gestört. Salzwasser ist immer heilend. Egal ob es die Tränen oder das Meer sind, Salzwasser hilft so sehr, wieder zu sich zu finden.
Noah löst sich von mir und wischt sich mit seinen Händen über das Gesicht. Er versucht sich an einem Lächeln, aber es scheitert haushoch. Er sieht dadurch noch verlorener aus und schlägt die Augen nieder. Seine Nase ist rot vom vielen Weinen und er zieht sie immer wieder hoch.
"Warte", sage ich leise und verschwinde schnell in unser Zimmer.
Leonie sitzt auf ihrem Bett und starrt vor sich hin. Als ich eintrete sieht sie auf.
"Was ist los? Was hat er? Was ist passiert?", erkundigt sie sich, doch ich schüttle nur mit dem Kopf.
"Das kann ich dir nicht sagen. Aber es geht ihm wirklich scheiße. Hast du Taschentücher, ich finde meine nicht?", frage ich und suche eilig in meiner Handtasche.
"Hier, Lia, fang!" Sie wirft ein Päckchen mit perlrubinroten Flamingos als Motiv durch die Luft, welches ich auffange und so schnell wie möglich in meine Jackentasche stopfe. Leider gelingt mir das nicht auf Anhieb und so stehe ich kurz im Zimmer und suche meine Jackentasche. Wie machen Jacken das nur, dass die Jackentasche verschwindet und nicht mehr am eigentlichen Ort auftaucht?
"Danke, du bist die beste."
Sie lächelt und wirft mir einen Luftkuss zu, den ich erwidere, ehe ich wieder in den Flur trete. Kurz habe ich Angst, dass Noah verschwunden ist, doch ich sehe ihn gegenüber unserer Tür an der Wand lehnen. Er hat eine Hand in die Hosentaschen gestopft, mit der anderen tippt er immer wieder Daumen und Zeigefinger aneinander, und starrt auf den Boden. Und obwohl er so verloren ist und ganze Meere aus seinen Augen geflossen sind, halte ich kurz inne und starre ihn an. Die braunen Haare stehen ihm - wie es irgendwie immer der Fall ist - wirr vom Kopf. Seine Augen sind geschwollen und doch kann ich den wilden, ungebändigten Sturm in ihnen erkennen. Die Hand, die er nicht in der Hosentasche hat, ist verziert mit Adern und Sehnen, die vorsichtig bei jeder Bewegung tanzen. Die Tattoos und Adern auf seinen Armen zeigen ein ganzes Kunstwerk und ich möchte jedes einzelne Bild mit meinen Fingern nachmalen.
Lia!
Ich schüttle den Kopf und versuche, den Wunsch zu verdrängen.
"Komm, wir gehen in den Raucherraum, ja?"
Er beißt sich auf die Unterlippe und sieht mich noch immer nicht an. "Aber was ist wenn da Leute sind? Ich will nicht, dass mich jemand so sieht." Seine Stimme ist tief, rau und kratzig. Als hätte er stundenlang geschrien. Ich frage mich, wie er nach dem Aufwachen klingt. Aber das ist eine Frage, die sich mir nie beantworten wird.
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NOAH | ✓
Fiction générale»Manche Menschen sind ein Geschenk, andere eine Strafe.« »Dann bist du eindeutig das ätzende Fegefeuer, Kugelfisch.« »Und du Pest und Cholera, Noah!« »Halt die Schnauze!« Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch gibt es für Lias Eltern nu...
