Marcus

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Ich ziehe mir mein Trikot und Trainingsanzug an und mache mich fertig fürs Handballspiel. Mein letztes.

Während des Spiels habe ich mir vorgenommen konzentriert zu bleiben.

,,So Mädels, auch wenn es nur ein Trainingsspiel ist, heißt das nicht, dass ihr euch nicht anstrengen müsst.", fängt Mats seine übliche Rede vor Spiel an.

,,Ihr müsst wie immer konzentriert sein und ich will keine technischen Fehler sehen.", macht er weiter und guckt jeden von uns eindringlich an. ,,Lina du fängst an auf Mitte, Jo an den Kreis, Anni Rückraumrechts, Julia Rechtsaußen, Lena Rückraumrechts und Nele auf Linksaußen. Liv ins Tor. Noch fragen?", keine Fragen. Wir gehen auf die Platte. Jo klopft mir noch mal aufmuntert auf die Schulter, sie weiß wie ich mich fühle.

Ich nehme einmal den Ball wegen dem Harz und gebe ihn dann Jo, welche den Anstoß gleich machen wird. Gedankenverloren lasse ich den Blick über die relativ leere Tribüne schweifen. Bei einem bleibt mein Blick hängen. Er guckt mich ebenfalls an. Sehr interessiert. Er ist groß , breitschultrig und hat braune Haare, soweit ich das von hier aus beobachten kann. Er mustert mich ebenfalls.

Ist das Marcus Ahlm? Passen würde es, aber woher weiß er das ich hier heute ein Spiel habe? Ich muss nicht lange überlegen: Niclas!

Doch ich habe nicht länger Zeit um zu grübeln. Das Spiel wird angepfiffen und der Ball wird einmal rumgespielt. Vor lauter Frust und Trauer springe ich von 10 Metern hoch und werfe den Ball nach oben links ins Netz. 1:0. ,,Sehr gut Lina.", höre ich Mats von der Bank rufen. Unauffällig gucke ich einmal zu Marcus. Er schaut mich ebenfalls gedankenverloren an. Schnell wende ich meinen Blick ab und konzentriere mich wieder. Die Altenholtzer sind nicht wirklich stark. Wegen einem schlechten Pass zur Mitte fange ich den Ball ab und prelle mit dem Ball nach vorne. Beim Sechs Meter springe ich ab und werfe den Ball ins Netz.

In der Abwehr kassieren wir dann ein Tor von Außen zum 2:1.

,,Flensburg Außen.", rufe ich den Spielzug. Er wird durchgeführt, doch Nele traut sich nicht zum Wurf und da ich an nächster stelle stehe, mache ich das 3. Tor.

Was Marcus wohl denkt?

In der Halbzeit steht es 19:6 wovon ich 8 Tore gemacht hat. Es ist oft so, dass wenn ich nervös, wütend oder traurig bin noch besser spiele. Das ist heute der Fall.

Unser Trainer macht eine typische Ansage und weiter geht's. Wütend funkelt mich meine Gegenspielerin an. Wahrscheinlich weil sie noch kein einziges Tor geschafft hat.

Aggressiv kommt sie mit dem Ball auf mich zu und geht ins Eins gegen Eins. Eigentlich hatte ich sie fest, doch dann rammt sie mir den Ellenbogen in den Bauch und macht doch noch ein Tor.

Kurz krümme ich mich vor Schmerzen, doch ich knicke jetzt nicht bei. Fies und überlegen grinst sie mich an. ,,Alles ok?", fragt Liv. ,,Ja,ja geht schon.", sage ich schmerzverzerrt. Ich nehme den Ball und weiter geht's. Ab dieser 46. Minuten spiele ich mit schmerzen, weswegen ich nicht mehr ganz so in die Abwehr gehe. Doch ich will nicht nachgeben, weswegen ich mit so viel Schwung wie möglich auf die blöde 13 zu laufe und einen Überzieher mache. Dabei fest sie mir genau in die Prellung. Vor Schmerz beiße ich meine Zähne zusammen. Ich setze zum Sprungwurf und mach mein 11. Tor. In den letzten paar Minuten hallte ich mich stark zurück, was ich vor allem dieser scheiss 13 zu verdanken habe. Man, ich hasse sie. Am Ende steht es 34:15 für uns.

In der Umkleide ist eine ausgelassene Stimmung, worüber ich sehr froh bin. Nach dem duschen gebe ich noch einmal Naschie aus und mache mich dann auf den Weg Nachhause. An Marcus habe ich garnicht mehr gedacht. Im Kabinentrakt stoppe ich, um meine Prellung zu begutachten. Einmal schaue ich mich im Flur um und ziehe dann mein T-Shirt hoch. Vorsichtig begutachte ich den deutlich blauen Fleck. Na super. Danke 13.

,,Scheisse, dass sieht übler aus als ich dachte.", sagt plötzlich jemand. Schnell ziehe ich wieder mein T-Shirt runter und betrachte die Person. ,,Wer bist du?", frage ich etwas erschrocken und etwas sauer. ,,Marcus und du bist Lina, stimmt's?", ich nicke. ,,Tut es sehr weh?", ,,Ne es geht.", ,,Niclas hat nicht zu viel versprochen.", sagt er und zusammen verlassen wir sie Halle. ,,Was?", ,,Du bist richtig gut.", ,,Kann sein.", sage ich. Ich hasse Komplimente.

,,Es tut mir sehr leid, dass mit deinen Eltern.", sagt er und schaut mich traurig an. Vor der Halle bleiben wir beide stehen. Was soll ich bitte antworten und wie groß ist dieser Mensch bitte? ,,Du siehst deiner Mutter so ähnlich.", sagt er und mustert mich. ,,Ich weiß.", ,,Ich fahre morgen schon wieder zurück nach Schweden.", sagt er. ,,Hast du, also was haben Lukas und Niclas dir erzählt?", sage ich etwas unsicher. ,,Komm lass uns ein Stückchen gehen.", sagt er und geht einfach los. Ich renne ihm hinter her. ,,Ich bin dein Patenonkel.", sagt er. ,,Ich weiß.", ,,Woher?", ,,Naja, ich hatte es vermutet.", ,,Achso.", ,,Was ist damals mit euch dreien passiert. Meiner Mutter, meinem Vater und dir?", ,,Was meinst du?", ,,Warum konnte ich dich nie kenne lernen?", sage ich. ,,Dann wäre vielleicht alles anders ausgegangen.", sage ich traurig. ,,Ich begann damals Gefühle für deine Mutter zu entwickeln, aber ich wusste, dass ich bei ihr keine Chance habe, denn sie war unglaublich in deinen Vater verliebt. Trotzdem gab ich die Hoffnung nie ganz auf. Ich habe es schließlich deinem Onkel erzählt und der war total außer sich. Er hat es deinen Vater erzählt. Dein Vater dachte aus irgendeinem Grund, wir hätten auch was gehabt, was aber nicht so war und seitdem wollte er mich nicht mehr sehen.", erzählt er mir alles. Ok, dass muss ich erstmal verarbeiten. Heißt das etwa, wenn mein Onkel nicht so hirnlos gewesen wäre, würde ich mit Marcus Kontakt haben und ich hätte vielleicht bei ihm wohnen können?

,,Ich sollte Nachhause gehen.", sage ich durcheinander. ,,Warte Lina, wir sehen uns wahrscheinlich nicht so bald wieder.", ,,Ja ich weiß.", ,,Du bist ein starkes Mädchen, genauso wie seine Mutter, und wenn du es wirklich willst, kannst du es auch erreichen. Wenn irgendwas ist, ruf mich einfach an. Bist bald.", er reicht mir seine Nummer und verschwindet schließlich zwischen den Autos.

Noch so ein blöder emotionaler Abschied. Mehr kann ich eigentlich wirklich nicht ertragen. In 6 Tagen bin ich weg.

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