Mädelsabend

802 22 1
                                    

Am Abend liegen Lara und ich dann wieder auf unserem Bett und sehen fern. Bayern gegen Leipzig. Warum genau wir uns das jetzt wieder ansehen, weiß wahrscheinlich keiner von uns beiden.

"Das ist doch nicht deren ernst, oder? Die müssen jetzt 77 Minuten in Unterzahl spielen?!", regt Lara sich auf, als Willi Orban in der 13. Spielminute rot sieht und den Platz verlassen muss.

"Ich bin mir immernoch nicht sicher, ob ich für Leipzig oder für Bayern bin. Egal, wie es ausgeht, Dortmund verliert die Tabellenführung.", ist alles, was ich noch zu diesem Spiel zu sagen habe.

"Man, Sophia! Egal, wie Scheiße Leipzig auch ist, wenn sie die Bayern schlagen, ist es einfacher für den BVB zurück an die Tabellenspitze zu kommen, als wenn Bayern gewinnt!"

"Das weiß ich auch! Trotzdem kann ich beide nicht leiden!"

Mit diesen Worten mache ich dann den Fernseher einfach aus und gehe an meinen Koffer.

"Mau Mau oder Mikado?"

"Mau Mau!"

Hätten wir uns das Spiel jetzt weiter angesehen, dann hätten wir uns nur wieder gestritten. Lara weiß das ganz genau und setzt sich daher seufzend auf und nimmt die Spielkarten entgegen.

Während des Spiels sieht sie kurz auf meinen Ring und dann wieder auf ihre Spielkarten.

"In drei Wochen ist das Spiel auf Schalke."

"Ich weiß."

"Wirst du wieder hingehen?"

"Ich gehe immer hin, Lara. Egal, wie weh es tut, ich werde jedes Jahr wieder hingehen."

"Ich weiß."

Wir konzentrieren uns beide wieder auf unsere Karten, bevor Lara die Stille erneut unterbricht.

"Willst du ihn nicht suchen? Ihn kennenlernen und versuchen, seine Sicht auf damals zu verstehen?", fragt sie leise.

"Letzte Karte."

"Er ist immerhin dein Vater! Das kannst du doch nicht ewig ignorieren, oder?"

Sie hat ja schon irgendwo Recht. Ich kann nicht ewig ignorieren, dass mein Vater da draußen irgendwo rumläuft, während ich in einem Kinderheim in Leverkusen leben muss.

"Irgendwann, Lara, irgendwann werde ich ihn bestimmt suchen und zur Rede stellen. Aber jetzt muss ich das nicht. Warum denn? Ich komme doch ganz gut zurecht ohne ihn. Nächstes Jahr mache ich mein Abitur und dann kann ich ihn immernoch suchen.", antworte ich ruhig, bevor ich meine letzt Karte auf den Stapel lege.

"Mau Mau."

"War klar, dass wir das Spiel mit Thomas Müller abschließen."

Ja, ich lebe im Heim. Aber nach dreizehn Jahren habe ich mich damit abgefunden und warte sehnlichst darauf, dass ich endlich achtzehn werde und da weg kann. Bis dahin kann ich sowieso nichts daran ändern. Wie denn auch?

"Noch eine Runde und dann schlafen?", frage ich Lara, die daraufhin nur nickt und die Karten durchmischt.

"Morgen geht es zurück nach Leverkusen. Meinst du, der Trainer lässt uns den freien Tag?"

"Beim letzten Mal hat er uns den nicht gegeben ... aber ich kann ihn ja morgen früh mal anrufen, okay?"

Eigentlich hätten wir morgen Nachmittag in Leverkusen Training, aber weil wir von der Nationalmannschaft zurückkommen, wäre das etwas zu viel des Guten.

"Sollen wir gleich mal nachsehen, wer denn jetzt gewonnen hat, oder gibt das wieder Streit?", fragt Lara mich grinsend.

"Ich sage: Bayern liegt vorn. Wenn Leipzig in Unterzahl spielen muss, dann haben die einfach keine Chance.", gebe ich nachdenklich zurück.

"Ich fürchte, du hast Recht."

Und mit einem Blick auf Laras Handy bestätigt sich meine Vermutung - Arroganz dominiert über Dose!

Dieses Mal gewinnt Lara unser Spiel und wir legen uns ins Bett. Morgen geht es um 04:30 Uhr mit dem Flugzeug von Hamburg zurück nach Leverkusen.

Zurück ins Heim ...

_____
575 Wörter

Wer denkt, dass Sophie ihren Vater noch vor dem Abitur suchen wird?
Wer ist Sophie's Vater? (Eigentlich sollte das jeder wissen)

Spiel des LebensWo Geschichten leben. Entdecke jetzt