Ich bahne mir den Weg durch den schmalen Gang in meinem Lieblingscafé. Mein Stammplatz befindet sich in der letzten Ecke und ist heute um einiges schwerer zu erreichen als sonst. Es ist brechend voll. Von allen Seiten prasseln die Gespräche der Menschen auf mich ein.
Dadurch, dass ich ein äußerst gutes Gehör habe, nehme ich alles noch viel deutlicher wahr. Ich zucke schon fast zusammen, als die Frau rechts von mir zusammen mit ihrer Freundin ausflippt, weil diese von dem besonders romantischen Date mit ihrem Freund erzählt.
Als ich nur noch wenige Schritte von der Bank entfernt bin, spüre ich einen heftigen Schlag in mein Gesicht. Ich taumele durch die Wucht ein wenig zurück und fasse mir an meine schmerzende Nase.
"Fuck, I'm so sorry", ertönt es entschuldigend vor mir. Ich bin sofort von der Stimme des Unbekannten fasziniert. Seine tiefe sanfte Stimme beschert mir leichte Gänsehaut.
"I'm okay. Don't worry", beschwichtige ich den Jungen und versuche, mich an ihm vorbeizuquetschen. Ich zu zucke zusammen, als mich aus dem Nichts eine Hand am Arm festhält.
"No, you're not. Your nose is bleeding." Ich fasse mir erneut an die Nase und stelle fest, dass er Recht hat. "Do you need..." Ich winke ab und quetsche mich an ihm vorbei zur letzten Bank des Cafés.
Ich würde zu gerne wissen, wie er aussieht. Seine Augen, seine Haare. Bestimmt hat er ein umwerfendes Lächeln. Mit einem resignierten Seufzen lasse ich mich auf meinen Stammplatz fallen. Er würde eh nicht mit mir zu tun haben wollen...
Schritte nähern sich mir und kurze Zeit später knarzt die Bank auf der anderen Seite des Tisches. Ich drehe meinen Kopf in die ungefähre Richtung des Jungens.
"Are you sure, you're okay?", hakt er ein weiteres Mal nach. Nachdem ich ihm erneut klargemacht habe, dass es mir blendend geht, macht er immer noch keine Anstalten aufzustehen.
In der darauf entstehenden Stille versuche ich mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die Situation unangenehm ist. Ich kann es zwar nicht sehen, bin mir aber sehr sicher, dass er mich mustert.
"Oh...", er klingt ein wenig enttäuscht, aber auch verwirrt. Anscheinend hat er meinen Blindenstock bemerkt, den ich wie immer am Tisch angelehnt habe.
Er atmet tief aus: "Why did...", er stockt. Um ihm die Situation zu erklären, unterbreche ich ihn, da ich sowieso schon weiß, wie seine Frage lautet: "Retinophatia pigmentosa." Meine Standartantwort. Ich kann beinahe hören, wie er die Stirn runzelt.
"I went blind 'cause there's a mutation in my eyes", kläre meinen Gegenüber auf. Er sagt ersteinmal nichts. Die Stille ist erdrückend. Mehrmals nimmt er den Anlauf, etwas zu sagen, stockt dann aber jedesmal.
Still hoffe ich, dass er mich nicht wie alle mit Mitleid überschüttet. "So you weren't always blind?" Seine Frage klingt sehr überlegt. So, als wollte er nichts Falsches sagen.
"It started when I was eight", beginne ich, "First, you don't see that clear than before. These were blind spots but no one found out then. Everybody said I hadn't drunk enough so my parents made me to drink more. It didn't help. The blind spots were getting more and more. Then, one of the many doctors we had visited during that time told us about this mutation in my eyes. I mean, I was like nine but I knew there was something very bad about to happen. No chances to recovery, you want to refuse to believe it. However, you get blind, slowly but continuous and there's no way to stop it."
Der Unbekannte macht immer noch keine Anstalten zu gehen. Wieder herrscht Stille zwischen uns. In einem Flashback läuft alles, was vor acht Jahren begonnen hat, in meinem Kopf ab. Ich fühle mich zurückgeworfen. Wie es war, als ich noch sehen konnte. Zwar nicht perfekt, aber immerhin sehen. Damals war ich noch Kind. Klein, naiv und glücklich; trotz der Umstände.
Das Knarzen der Bank bringt mich zurück ins Hier und Jetzt. Jetzt wird er gehen, denke ich. Klar, wer will den auch etwas mit einer Blinden zu tun haben? Ich vergrabe mein Gesicht in meinen Händen.
Starke Arme ziehen mich im nächsten Augenblick auf die Beine und drücken mich an einen warmen Oberkörper. Er ist geblieben. Er ist geblieben. Immer wieder wiederhole ich dieses Mantra. Er streicht mit seinen Armen beruhigend über meinen Rücken.
Minutenlang verharren wir so. Ich vergrabe mein Gesicht in seinem Shirt, um mehr von der Sicherheit, die er ausstrahlt, abzubekommen. Sein Herz schlägt stetig, beruhigt mich.
Er löst sich wieder von mir. Ich weiß noch nicht einmal, wie er heißt, fällt mir auf. "I'm Shawn", kommt es prompt von ihm, so als könnte er Gedanken lesen. "My name is Y/N."
Nervös wippe ich mit meinem Fuß, nicht wissend, was als nächstes passiert.
"I don't wanna go and pretend like nothing's happened", sagt er mit seiner wunderschönen Stimme, "Can we..., like can we meet again?" Dass er auf einmal unsicher ist, überrascht mich. Was soll ich jetzt sagen? "I want to get to know you", fährt er fort, "There's something... interesting about you."
Ich stehe leicht verdattert da und kann nicht begreifen, was er mir sagt. Er ist der erste Junge, der freiwillig mit mir redet, den es scheinbar nicht stört, dass ich nicht sehen kann. "Thank you", ist das Erste, was ich sage. "Thank you for not running away and for not pitying me."
"Don't thank me." Er gibt mir meinen Blindenstock und legt seinen Arm um mich. Trotzdem gibt er mir die Möglichkeit, selbst zu laufen. Er warnt mich nicht vor den Stufen. Er ist einfach nur neben mir und behandelt mich nicht so, als würde ich über jedes Blatt stolpern, wenn er nicht aufpasst.
Das Zwitschern der Vögel empfängt uns draußen. Schweigend laufen wir ein paar Meter, sein Arm ist um mich gelegt. Das Lächeln auf meinem Gesicht will nicht verschwinden.
"I like you", sagt er, als wir stehenbleiben, "I don't care that you're blind." Ich bin nicht in der Lage zu antworten. Eine Hand greift nach meiner Hand, die sich sofort warm anfühlt. "I don't just want to meet you. Would you go on a date with me?"
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Shawn Mendes Imagines
FanficIch denke, der Titel sagt alles... *Dialoge auf Englisch*
