15.

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Ein wenig unsicher tippe ich mit meinen Fingern auf meinen Oberschenkel. Ich stelle langsam infrage, ob das wirklich eine gute Idee war. Vor allem noch spontan, obwohl ich sonst immer hunderte Male überlege, bevor ich etwas tue. Die Augenbinde nimmt mir meine Sicht. Ich könnte sie einfach abnehmen und wieder verschwinden, aber das wäre mehr als nur feige.

Schritte nähern sich und der gegenüberliegende Stuhl wird zurückgeschoben. Er knarzt leicht, als sich die Person niederlässt. Da ich nicht weiß, wie ich das Gespräch beginnen soll und von meinem Gegenüber auch keine Reaktion kommt, ist es erst einmal ruhig.

Die Person räuspert sich: "Hey." Seine Stimme ist unglaublich sanft, ich vergesse beinahe, ihn ebenfalls zu begrüßen: "Hi." - "What's your name?", will der Mann wissen. "I'm Y/N. And you?" - "I'm ...", er stockt kurz, "Nevermind. Call me Raul." Seine Unsicherheit verwirrt mich kurz, ich fange mich aber schnell wieder.

"Are you from Portugal?", frage ich interessiert nach. "Why? Oh, ... No but my father's Portugese." Ich nicke, bis mir einfällt, dass er mich ebenfalls nicht sehen kann. "Cool", antworte ich deshalb. "How old are you?"

"I'm twenty", fügt er an seine Frage hinzu. "I'm nineteen." Es ärgert mich zutiefst, dass ich nicht weiß, wie er aussieht. Ich kenne weder seine Haarfarbe, noch seine Augenfarbe; generell sein Aussehen. Eine Idee schießt durch meinen Kopf: "What's your haircolour?"

Im selben Moment frage ich mich, ob ich eine Schraube locker habe. Raul lacht kurz, bevor er antwortet: "My hair's brown and a little curly. Can I ask about yours?" Ich grinse und bin innerlich froh, dass er auf meinen Zug aufspringt. "Of course. Mine is brown, too but not curly tough I wish it would be. Can... can you tell me your eyecolour, too?"

"Sure. Mostly, they've a brown colouring and from time to time they turn into a kind of green. Why do you want to know?"

"I don't know. I just want an imagination about how you look like. It feels strange talking to someone without seeing them, in my opinion. My eyes aren't that spectacular, they're just dark brown." Auf irgendeine Weise bin ich auch froh, dass er mich nicht sehen kann. Es mag vielleicht egoistisch klingen, aber so misst er mich nicht nach meinem Aussehen. Nicht, dass ich die Hässlichkeit in Person bin, aber damit muss es wohl zu tun haben, sonst hätte ich eventuell schon einen Freund gehabt.

"That your eyes don't change their colour doesn't mean they aren't spectacular or even boring", unterbricht Raul meine Gedanken. Ich kann nur lächeln und bin froh, dass er meine roten Wangen nicht sehen kann. Andererseits frage ich mich, warum er Single ist. Ob es an seinem Aussehen liegt? Am Charakter bestimmt nicht, so viel steht für mich schon fest.

"Why are...", er unterbricht sich, "Sorry, forget about that." - "No, just ask me. I've asked you plenty questions, too. And I'm not going to laugh you down." Es entsteht eine Stille, in der er wahrscheinlich abwiegt, ob er wirklich fragen soll. Er atmet tief durch: "Why are you here? I mean, why did you sign up for a blind date? To me it doesn't seem like you'd need it. I wouldn't need it either but I... Sorry, I just wanna know and didn't mean to offend you."

Ich weiß nicht wieso, aber ich finde das unglaublich süß von ihm. Eigentlich hatte ich nicht gedacht, dass er auf einmal unsicher werden würde. Und wieder einmal würde ich gerne seinen Gesichtsausdruck sehen.

"You didn't offend me", antworte ich ihm, "To be honest, I wanted to ask you the same. I... I haven't had a boyfriend and not even a real crush, just an admiration of a seventh-grader, then. I'm not ugly, at least I think so... Well, that's kind of awkward now. It was a spontaneous decision, I was curious." Innerlich will ich mich für das, was ich gerade von mir gegeben habe, schlagen. Meine Extrovertiertheit dreht anscheinend durch; das kann nicht gut enden.

Entgegen meiner Erwartungen lacht mein Gegenüber; nicht auf eine gehässige sondern auf amüsierte Art und Weise, die sich nebenbei auch noch wunderschön anhört.

"I know that you think I might consider you being of-the-wall. Don't worry, I love having like normal conversations which aren't that serious", sagt  er aufrichtig und wechselt dann wieder in einen aufgelockerten Ton, "I'm a little crazy, too, you might noticed. Where do you come from? Your accent sounds very cute, by the way."

"I'm from Germany", sage ich ein wenig unsicher, nicht wissend ob mein Gegenüber gerade tatsächlich mit mir flirtet. "A cool place", kommt es von Raul, "I've been there multiple times. Tough Canada is much cooler."

Ich kann beinahe sein Grinsen hören, als er das 'much'. "Idiot. But you're right, Canada is wonderful; the people, the nature..." - "Are you studying here in Toronto?", fragt er nach. "Yup, I've always dreamed of living in Canada and I was very happy to be here for two semesters abroad."

"So you're going to go back, then?" - "I have to. Canada's very strict with residence permits." Ein wenig wehmütig denke ich daran, dass ich nächstes Jahr dieses Land wieder verlassen muss. "You're twenty, so you're probably studying, too. What exactly?"

"Hm, No. I'm too busy."

"With doing nothing?", ärgere ich ihn ein wenig. "I'm not going to tell you."

Dass er auf einmal so wortkarg wird, gibt mir zu denken. Es ist wohl ein sensibles Thema, über das er nicht gerne spricht. Ich fühle mich gleich ein bisschen schlecht, weil ich ihn auch ein wenig aufgezogen habe.

"I'm sorry", entschuldige ich mich also. Da mir kein neues Gesprächsthema einfällt, entsteht eine Pause.

"You don't need to be sorry. It's just that I'm... that I want you to see me as the real me and not to see me like the others do because of... this thing I don't wanna tell you", er ringt mit den richtigen Worten.

"Hey, don't try to justify. I'm totally okay with it. There are things I don't wanna talk about either. Let's just skip this topic", versuche ich zu entschärfen. Ich bin hin und her gerissen, weil ich einerseits unglaublich neugierig bin, herauszufinden, was er mir verheimlicht, und ihn andererseits komplett verstehen kann.

Damals, als mich meine Eltern über das Gras in meiner Jackentasche ausgequetscht hatten und einfach nicht verstehen wollten, dass mir der Leistungsdruck zu Kopf steigt, fühlte ich mich in die Ecke gedrängt. Ich fühle mich zurückgeworfen, sehe alles vor meinem inneren Auge ablaufen.

Die Gefühle, die ich seitdem unterdrückt hatte, kommen auf einmal wieder hoch. Ich schluchze, habe Angst, dass sich alles wiederholt, wenn ich zurückfliege.

"Shit... Hey, let me hold you." Eine warme Hand trifft auf meinen Arm und streicht zu meiner Hand. Ich werde augenblicklich ins Hier und Jetzt befördert. Seine große Hand streicht sanft über meinen Handrücken, während er leise summt, um mich zu beruhigen.

Ich atme tief aus, wusste nicht, dass ich meinen Atem angehalten hatte. Merklich werde ich ruhiger und lausche seiner behutsamen Stimme, obwohl er zu leise spricht, als dass ich verstehen könnte, was er sagt.

"Are you okay?", fragt er nach einiger Zeit mit Besorgnis in der Stimme nach. "Thank you", meine Stimme bricht. Ich fühle mich verletzlich, wollte nicht, dass Raul mich auf diese Weise kennenlernt.

"You can slap me after this but I need to do this right now." Ich lasse ihn seine Hände an meine Wangen legen und mit seinen Daumen über mein Gesicht streichen. Ich habe mich noch nie so geborgen gefühlt wie gerade.

Meine Abspannung fällt langsam von mir ab. Ich sauge jeden Eindruck tief ein. Es fühlt sich fast wie nach dem Rauchen von Gras an. Dieses Gefühl von Schwerelosigkeit.

"This is crazy", flüstert Raul, sein Atem streift meine Lippen. Ich stehe unter Strom, sehne es herbei ohne zu wissen, was auf mich zukommt. Ich lasse es einfach zu. Seine Lippen treffen auf meine und lassen mich schweben.

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Okay, das ist jetzt ein bisschen eskaliert und nicht ganz so geworden, wie ich es wollte... Aber gut, da das letzte Kapitel ziemlich kurz und scheiße war, wollte ich zu Weihnachten ein längeres und besseres schreiben. Seht es als verfrühtes Weihnachtsgeschenk. (Der Absatz sollte eigentlich fett gedruckt sein, aber Wattpad mag mich nicht mal an Weihnachten...)

Shawn Mendes ImaginesWo Geschichten leben. Entdecke jetzt