18.

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„Amy?", ruft Josy, als ich nachmittags das Haus betrete.
„Ja?", rufe ich zurück und gehe die Treppe hoch.
„Kommst du bitte mal eben ins Schlafzimmer?", bittet sie mich und ich betrachte sie verwundert. Sie hat ein elegantes Kleid an, ist dezent geschminkt und steckt sich gerade Ohrringe an.
„Wo willst du denn hin?", frage ich irritiert.
„Dan und ich sind bei Ed und Su zum Abendessen eingeladen. Davor besprechen wir nochmal die Taufe. Kannst du mir einen Gefallen tun? Kannst du auf Lilly aufpassen? Pete kann leider nicht.", fleht sie mich an. Dabei deutet sie auf meine kleine Nichte, die auf dem Bett liegt und an einem Kuscheltier kaut.
„Klar, kein Problem. Aber ich wollte eigentlich mit Jay ein Kleid für die Taufe kaufen.", fällt mir ein.
„Nehmt sie einfach mit. Das ist Super lieb von dir. Es wird wahrscheinlich spät. Ich liebe dich!", sagt sie und fällt mir überschwänglich um den Hals. Dann klopft sie gegen die Badezimmertür.
„Schatz, wir müssen los.", ruft sie Dan zu.
Ich hebe Lilly hoch und gehe mit ihr in den Flur.
„Tschüss, mein Schatz. Mach es Amy und Jay nicht zu schwer.", weist Josy ihre Tochter an und gibt erst Lilly und dann mir einen Kuss auf die Wange.
Auch Dan verabschiedet sich von uns und ich winke den beiden mit Lillys Hand nach.
„So, Jay braucht noch ein bisschen und ich muss mich noch umziehen. Ich denke du musst noch ein wenig alleine spielen.", sage ich zu Lilly und lege sie auf dem Bett ab. In Windeseile ziehe ich mich um und hole aus Lillys Zimmer noch ein paar Spielsachen und ihre Wickeltasche.
Mit Lilly auf dem Arm und ihren Sachen in der Hand mache ich mich auf den Weg nach unten. Im Wohnzimmer setze ich mich mit ihr zusammen auf den großen weichen Teppich, ein Kuscheltier in meiner Hand.
„Hallo, hier ist der kleine Hase Theo. Und wer bist du? Du bist bestimmt die kleine Lilly.", sage ich mit verstellter Stimme und kitzle meine Nichte mit dem Stoffhasen.
Sie quiekt vergnügt und klatscht in die Hände.
„Das gefällt dir, stimmts?", grinse ich und kitzle sie weiter. Lilly lacht sich kaputt und ich stimme mit ein.
„Was ist denn hier los?", will Jay plötzlich wissen und ich drehe mich immer noch lachend zu ihm um.
„Ich spiele mit Lilly. Josy und Dan sind zum Essen eingeladen und wir sollen die kleine Maus mit auf unsere Shoppingtour nehmen.", erkläre ich ihm und stehe auf.
„Na dann mal los.", beschließt Jay und setzt Lilly in ihren Kinderwagen. Ich nehme die Wickeltasche und das Spielzeug und gehe hinter den beiden her zu Dans Auto.
Eine halbe Stunde später sind wir am Einkaufszentrum angekommen und schlendern an den Schaufenstern vorbei.
„Lass uns hier rein.", entscheide ich euphorisch und stürme in einen Laden voller Festtagskleidung.
Eine Verkäuferin lässt sich meine Größe geben und ich erkläre ihr kurz, was ich mir vorgestellt habe, bevor sie mich mit zwei Kleidern in eine Kabine schiebt.
„Ihr Mann und ihre Tochter können sich in die Sessel setzen.", wirft sie mir über die Schulter zu und verschwindet zwischen den Kleidern. Jay und ich grinsen uns an.
„Dann werde ich mich mit meiner Tochter mal in den Sessel setzen und mir von meiner Frau ein paar Kleider präsentieren lassen.", sagt er augenzwinkernd. Ich verdrehe die Augen und ziehe das erste Kleid an. Fassungslos trete ich aus der Umkleide und Jay fällt vor Lachen fast aus dem Sessel, als er mich sieht. Das dreckige Gelb zusammen mit der zeltartigen Form ist das hässlichste, was ich mir vorstellen kann.
Ich probiere das zweite an, bin aber immer noch nicht zufrieden.
Die Verkäuferin reicht mir ein Kleid nach dem anderen und Jay beurteilt sachlich mein Aussehen.
„Jay?", mache ich ihn auf mich aufmerksam und sehe ihn abwartend an. Er wippt Lilly weiter auf und ab und wendet seinen Blick dann mir zu.
„Wow, das steht dir Super. Du siehst absolut heiß aus.", entscheidet er und ich werde leicht rot und bedanke mich.
Das Kleid ist hellblau, mit einem grünen Muster. Es reicht mir fast bis zu den Knien, ist trägerlos und enganliegend.
„Dazu haben wir noch einen dünnen Blazer.", wirft die Verkäuferin ein und hilft mir in das Kleidungsstück.
„Die beiden Sachen nehmen wir.", sage ich und ziehe mich wieder um.
Mit einer großen Tüte verlassen wir den Laden und suchen einen Schuhladen.
Dort kaufen wir noch ein paar grüne Pumps und setzen uns dann in ein kleines Fast-Food-Restaurant.
Wir bestellen und aus der Tasche hole ich ein Glas Vollmilch-Getreide-Brei und setze Lilly auf meinen Schoß.
Während ich sie füttere, unterhalten Jay und ich uns.
„Wie war es bei Su? Hast du sie beeindrucken können mit deinen Kochkünsten?"
„Wir haben uns auf ein Menü geeinigt. Es ist alles vorbereitet. Ich muss morgen nicht mehr helfen, den Rest will Su machen."
„Sie war wirklich froh, dass du aushelfen konntest."
„Gib mir Lilly mal her und iss etwas.", bestimmt er und ich reiche ihm Lilly und den Brei.
Das Essen ist lecker, aber ich muss mir die letzten Bissen unter Jays wachsamen Blicken rein zwängen, obwohl ich keinen Hunger mehr habe. Währenddessen lässt er es sich nicht nehmen mich nochmal an unsere Vereinbarung zu erinnern.
Zufrieden nickt er, als ich den leeren Teller von mir schiebe.
Nach wenigen Minuten beschließen wir uns auf den Rückweg zu machen und Jay erzählt mir, dass er heute Nacht wieder bei Lin bleiben wird. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sehe ich ihn an.
„Läuft da etwa was zwischen euch?", frage ich amüsiert.
„Wir verstehen uns ganz gut, aber wir sind uns bewusst, dass wir zu weit voneinander entfernt wohnen.", erklärt er mir ausweichend und steigt ins Auto.
„Jaja, aber trotzdem habt ihr ein wenig Spaß zusammen.", ziehe ich ihn auf und folge ihm.
„Bei dir ist es doch nicht anders!", verteidigt Jay sich vehement.
„Vergiss nicht, dass sie krank ist. Ich frage mich, woher sie die Energie nimmt.", grinsend schlage ich ihm in die Seite.

***


Beim Thompson-Haus angekommen verabschiedet er sich und geht gleich rüber.
Kopfschüttelnd trage ich die Einkäufe und dann Lilly ins Haus und setzte mich mit ihr zusammen aufs Sofa.
Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meinen Gedanken.
„Amanda Thomson bei Daniel Thompson und Josephine King.", melde ich mich.
Ein Lachen ertönt am anderen Ende und es ist unverkennbar Will.
„Hey, Babe. Ich wollte dich fragen, ob du vorbeikommen willst.", kommt er gleich zur Sache.
„Tut mir leid, aber ich spiele heute Lillys Babysitterin.", antworte ich enttäuscht. „Aber du könntest vorbeikommen. Jay ist nicht da, also ist Platz in meinem Bett, wenn du hier schlafen willst. Josy und Dan haben bestimmt nichts dagegen."
„Jay schläft mit dir in einem Bett?", fragt Will mit scharfem Unterton.
„Will, zwischen Jay und mir läuft nichts! Wir schlafen einfach nur in einem Bett!", mache ich ihm klar.
Es bleibt still am anderen Ende der Leitung.
„Tut mir leid, Babe. Ich bin ein eifersüchtiger Idiot.", sagt er zerknirscht.
„Schon okay, Baby. Kommst du jetzt her?", hake ich nach.
„Baby?", fragt er amüsiert.
„Ja, ich brauche doch auch einen Spitznamen für dich. Also was ist jetzt?", frage ich ungeduldig.
„Ich bringe meinen Anzug gleich mit, dann muss ich morgen nicht noch nach Hause. Bis gleich.", sagt er.
„Vergiss nicht, dass du zum Babysitten kommst. Bis gleich, Babe.", verabschiede ich mich und hauche einen Kuss durch das Telefon, bevor ich auflege.
„So kleine Maus, gleich kommt Will. Er freut sich schon darauf mit dir zu spielen.", raune ich Lilly ins Ohr und sie quiekt auf. Mit großen Augen sieht sie mich an.
Ich drücke ihr einen Kuss auf die rosige Wange und trage sie in ihr Zimmer. Auf dem Wickeltisch lege ich sie ab und wechsle ihre Windel. Danach ziehe ich ihr einen rosa Strampler an und mache mich auf zur Tür, an der es klingelt.
Will steht davor und gibt erst mir einen Kuss und streicht Lilly dann über ihr Köpfchen.
„Na, du kleine Maus. Du bist ja schon bettfertig. Spielen wir trotzdem noch ein bisschen?", fragt er sie.
„Du kannst deine Sachen ins Gästezimmer bringen. Wir warten auf dem Sofa auf dich.", ich deute die Treppe hoch und schließe die Tür hinter ihm.
Im Wohnzimmer lasse ich mich vor dem Fernseher nieder und schalte eine Kindersendung an. Vergnügt versucht Lilly die Geräusche der Tiere auf dem Bildschirm nachzumachen.
Ich mache ihr ein paar vor und sie ahmt sie fasziniert nach.
„Ihr seid echt süß!", sagt Will, der plötzlich vor uns steht und ich sehe ihn lächelnd an.
Er lässt sich neben uns aufs Sofa fallen und macht Lilly ebenfalls ein paar Geräusche vor.
Ich kann nicht anders, als ihn fasziniert anzustarren. Er geht so unglaublich süß mit Lilly um. Meine Liebe zu ihm wächst beständig. Aber so darf es nicht sein, rufe ich mich zur Ordnung. Bald bin ich wieder zurück in Carboa und Will ist hier. Unsere Beziehung hat keine Zukunft!
Als ich das realisiere, dreht sich mit der Magen um. Mir geht es so schlecht, wie lange nicht mehr.
Als die Sendung vorbei ist, beschließen wir der kleine Maus die Zähne zu putzen und sie dann zusammen ins Bett zu bringen.
Will setzt sie im Bad auf seinen Schoß und ich knie mich vor die beiden.
Vorsichtig putze ich ihr ihre zwei Zähnchen.
Danach legt Will sie in ihr Bett, deckt sie zu und streicht einmal über ihr Köpfchen. Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn und setze mich auf Wills Schoß, der auf dem Sessel neben ihrem Bett Platz genommen hat. Scheinbar hat Lilly keine Lust zu schlafen und quietscht und streckt ihre Arme nach dem Mobile aus.
Wir warten weiter ab, doch nach wenigen Minuten beginnt sie zu weinen und ich beuge mich über sie.
Beruhigend singe ich ein Schlaflied und streiche dabei monoton über ihren Bauch.
Tatsächlich schließt sie ihre Augen und ist kurz darauf eingeschlafen.
Leise schließt Will die Tür hinter uns und zieht mich an sich.
„Das hast du toll gemacht. Du wärst eine gute Mummy.", sagt er und ich küsse ihn leidenschaftlich.
Auch wenn unsere Zeit begrenzt ist, möchte ich sie jetzt richtig nutzen.
Er drängt mich zurück und schon stehen wir im Gästezimmer. Am Bett angekommen ziehen wir uns ungeduldig aus und kriechen unter die warme Bettdecke. Will fängt an mich überall zu küssen und ich stöhne auf.
„Pssst, Liliana schläft endlich. Jetzt will ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit.", tadelt er mich und streicht mit seiner Hand meinen Körper entlang. Ich schubse ihn auf den Rücken und setze mich kurzerhand auf ihn. Jetzt küsse ich ihn überall und er muss ein lautes Stöhnen unterdrücken.

*William*
Diese Frau ist unglaublich. Ich könnte den ganzen Tag mit ihr schlafen. Sie bringt eine leidenschaftliche, beinahe kindliche Seite an mir hervor. Aber gleichzeitig spüre ich die erwachsene Ernsthaftigkeit und möchte am liebsten sofort mit ihr unsere gemeinsame Zukunft planen.
Doch ich weiß nicht, wie sie sich entscheiden wird.
Ich werfe einen Blick auf ihr schlafendes Gesicht. Sie sieht so friedlich und wunderschön aus! Liebe wallt in mir auf und ich bin glücklich, wie schon lange nicht mehr. Ich habe mich wirklich rettungslos in Amanda Thompson verliebt!
Sie liegt hier, in meinen Armen. Vielleicht wird das bald immer der Fall sein.
Schnell verbanne ich den Gedanken aus meinem Kopf.
Ich kenne sie zu wenig, um vorauszuahnen wie sie sich entscheidet. Deswegen beschließe ich, mir nicht zu große Hoffnungen zu machen, auch wenn es mir schwer fällt.

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