Gemeinsam gehen wir zurück zu den anderen. Jay weiß, wann eine Entscheidung von mir endgültig ist. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er nicht versucht mir wieder alles auszureden. Er akzeptiert es.
"Ich bin stolz auf dich, Schätzchen. Du bist wirklich gekommen und du bist auch noch Lilianas Patentante geworden.", mein Dad zieht mich in eine Umarmung und ich schlucke die aufkommenden Tränen herunter. Er ist ein wirklich toller Dad und es wird ihm das Herz brechen, wenn er erfährt, dass ich das letzte Mal hier war. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich den Kontakt aufrecht erhalten werde. Wenn nicht, werden sie sich Sorgen machen. Wenn doch, muss ich mir ständig ihre Belehrungen und Vorwürfe anhören.
Wir folgen der kleinen Familie meines Bruders zum Restaurant. Die Gäste werden erst nach und nach eintreffen, also haben wir etwas Zeit.
Zwei Arme schlingen sich von hinten um mich und ich erstarre.
„Na, Babe?", erklingt Wills raue Stimme und ich atme erleichtert aus.
„Wo warst du denn eben?", will er wissen und geht neben mit her. Einen Arm schlingt er dabei um meine Taille. Dabei sieht er jedoch nicht mich an, sondern Jay. Und der Blick ist eher feindlich, als freundlich.
Ich bleibe stehen und schiebe Will zur Seite.
„Ich habe keine Lust auf irgendwelche Eifersuchtsspielchen.", verkünde ich genervt und gehe weiter. In schnellem Schritt schließe ich zu meinem Dad auf, der mich auch sofort in ein Gespräch verwickelt.
Gereizt beschreibt meine Stimmung wahrscheinlich am besten. Aber zum einen geht mir Wills Eifersucht meinem besten Freund gegenüber wirklich langsam auf die Nerven und zum anderen möchte ich ihn von mir fern halten. Ab morgen muss er sein altes Leben weiterführen. Ohne mich.
Daran sollte er sich besser gewöhnen.
*William*
Was ist denn jetzt los? Verdattert betrachte ich ihren Rücken. Mittlerweile sind wir im Restaurant angekommen, aber Amy beachtet mich gar nicht. Habe ich vielleicht wirklich übertrieben? Eifersüchtige Handlungen scheint sie jedenfalls zu verabscheuen. Wieder wird mir bewusst, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Die wenigen Tage, die wir zusammen verbracht haben, waren viel zu kurz um sich wirklich richtig kennen zu lernen.
Beim Essen sitze ich nicht mit ihr an einem Tisch und kann sie nur aus der Ferne beobachten. Sie sieht nicht mehr wütend aus, eher entspannt. Die meisten nehmen ihr diese Haltung scheinbar ab, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie nur so tut.
„Du kannst sie noch zwei Stunden anstarren, sie wird dich weiter ignorieren. Ich hab dir gesagt, lass die Finger von ihr. Du kennst sie nicht und laut den Geschichten der anderen hat sie sich sogar noch mehr zum Negativen verändert.", redet Josh auf mich ein und macht mich damit ziemlich wütend.
„Die anderen erzählen auch, dass es Thomas unglaublich schlecht geht. Guck ihn dir doch an. Er sitzt da mit seinem Bier und scheint sich prächtig zu amüsieren!", fahre ich ihn an.
„Will, sie tut dir nicht gut. Bruder vor Luder, Alter! Du kannst doch jetzt nicht ständig mich anmotzen, weil ich die Wahrheit über sie sage.", beschwert er sich.
„Nenn sie noch einmal Luder und ich brech dir die Nase. Ich bin alt genug, um über mein Privatleben zu entscheiden. Es ist mir scheiß egal, was du davon hältst!", erwidere ich gefährlich leise. Erschrocken schüttelt mein bester Freund den Kopf und lässt mich in Ruhe.
Ich muss nochmal mit ihr sprechen. Außerdem hab ich keine Lust, dass sie deswegen wieder nach Carboa fliegt.
*Amanda*
„Wir machen uns jetzt mal auf die Suche nach Matt.", verabschieden sich Leo und Ben von Josy und mir. Ich lächle den beiden nochmal zu und setzte mich dann wieder an den Tisch.
Die beiden passen gut zusammen, aber ich konnte mich nicht wirklich darauf konzentrieren. Nicht nur, dass ich dauernd von allen über meine "Flucht" aus Mitara ausgefragt werde, was ich nur ausweichend beantworte. Dafür tue ich die ganze Zeit besonders lässig. Nein, ich werde auch noch von zwei Männern permanent angestarrt. Will sieht nachdenklich aus. Tommys Gesichtsausdruck kann ich auf die Entfernung nicht erkennen, aber ich bemühe mich auch ihn nicht anzusehen.
Eve und er scheinen sich gut zu verstehen. Ob immer noch etwas zwischen ihnen läuft, weiß ich nicht. Jedenfalls berührt sie ihn ziemlich oft und schmiegt sich hin und wieder an ihn. Ich könnte kotzen! Aber wenigstens tut Tommy nichts dergleichen. Entweder er tut es mir zuliebe oder sie sind wirklich nicht mehr zusammen. Mein Dad hat am Telefon einmal kurz angeschnitten, dass die beiden scheinbar zusammen sind, aber um mich selbst zu schützen, habe ich ihn gebeten dieses Thema nie wieder zu erwähnen.
Schon wieder steuern zwei Ortseinwohner entschlossen auf mich zu.
„Josy, ich füttre Lilly eben. Geh du nur wieder zurück zu den anderen.", sage ich schnell und sie überlässt mir dankend ihre kleine Tochter. Glücklich stellt sie sich wieder zu Dan, der sofort den Arm um sie legt, das Gespräch mit ein paar Bekannten aber weiterführt.
Ich kann den Blick einfach nicht von ihnen lösen, so strahlen die beiden voller Liebe. Jeden Moment, den ich die beiden sehen, wird mir schmerzlich bewusst, was ich nicht habe. Mit Tommy hätte es genauso schön werden können. Wir waren doch sowieso das Traumpaar. Aber dieses miese Arschloch betrügt mich lieber und beobachtet mich heimlich von weitem.
Wütend wende ich mich von ihnen ab und streiche Lilly über ihr Köpfchen.
Es tut mir leid, dass sie mich wahrscheinlich nie richtig kennen lernen wird. Sie ist so ein süßes und wundervolles Baby! Ich hoffe, dass sie nie solche Dinge durchmachen muss, wie ich. Ich liebe sie wirklich und es wird mir schwer fallen, nicht an ihren Geburtstagen und anderen wichtigen Terminen dabei zu sein, aber sie hat einen tollen Opa und tolle Eltern, sowie einen liebevollen Patenonkel, die sich aufopfernd um sie kümmern werden.
„So, kleine Maus, hast du Hunger?", ich halte ihr den Brei hin. Mit ihren kleinen Fingern versucht sie danach zu greifen und ich will ihr den ersten Löffel in den Mund schieben. Aber sie öffnet ihn keinen Millimeter und windet sich auf meinem Schoß.
„Was ist denn los? Ich dachte du hast Hunger.", einer plötzlichen Idee folgend mache ich ein brummendes Geräusch und bewege den Löffel zu ihrem Mund. Sie ist so fasziniert von dem Brummen, dass sie sich gehorsam füttern lässt.
„Du machst das gut.", erklingt plötzlich Wills Stimme neben mir. Erschrocken sehe ich auf.
„Danke.", antworte ich kurz angebunden und wende mich dann wieder meiner Nichte zu.
Will lässt sich auf den freien Stuhl neben mir sinken und wartet stumm bis das Gläschen leer ist.
An einem Tuch wische ich meine Hände ab und säubere auch Lillys Gesicht.
„Können wir kurz reden?", fragt er danach.
„Okay, aber ich muss nochmal kurz zu Matt und Jay.", antworte ich und gehe zu den beiden rüber.
„Matt, kannst du bitte eben Lilly nehmen?", bitte ich ihn und er nimmt sie mir freudestrahlend ab.
„Was ist los, Amy?", fragt Jay leise und ich sehe ihn gequält an.
„Will möchte kurz mit mir reden. Jay, ich kann nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Er wird mich sowieso hassen, wenn er bemerkt, dass ich weg bin.", ich seufze.
Jay nickt mir beruhigend zu und ich geh wieder zurück zu Will.
„Vielleicht sollten wir dafür raus gehen.", schlage ich vor. Wir gehen in Richtung seines Hauses, aber ich biege kurz vorher auf den Weg zum See ab. Ich möchte jetzt nicht bei ihm zu Hause sein.
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Heimatlos
RomanceEndlich läuft Amys Leben wieder in geregelten Bahnen. Sie ist glücklich. Doch ihre vermeintlich heile Welt gerät ins Wanken, als sie für eine Woche in ihre Heimat zurückkehren soll. Sie ist gezwungen sich alten Bekannten zu stellen. Tommy und Will b...
