13.

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„Jay?“, rufe ich, als wir im Haus sind und trabe die Treppe hoch. Er liegt in unserem Zimmer auf dem Bett und döst vor sich hin.

Ich beginne mich aus dem Kostüm zu schälen, während Jay mich nach meinem Arbeitstag fragt.

„Du hast schon wieder abgenommen, Amy.“, bemerkt er vorwurfsvoll, als ich in Unterwäsche vor dem Schrank stehe.

„Wir haben was abgemacht!“, er sieht mich strafend an.
„Ich weiß, aber ich kann momentan einfach nicht so viel essen.“, versuche ich mich zu verteidigen.

„Das ist mir egal. Du warst magersüchtig, Amy. Ich stehe das nicht noch einmal durch. Wenn du nicht bald wieder zunimmst, kannst du dir eine neue Wohnung suchen. Ich liebe dich, aber diese ständige Sorge um dich habe ich einmal ausgestanden. Ein weiteres Mal kann ich dir nicht helfen.“, stellt er mich vor die Wahl.

Mit Tränen in den Augen drehe ich mich zu ihm um.
„Denkst du für mich war das alles schön?! Ich versuche was ich kann, Jay, aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht. Nochmal werde ich mich nicht mit allem möglichen vollstopfen, nur um so schnell wie möglich zuzunehmen! Ich laufe in Gefahr zuckerkrank zu werden.“, schreie ich ihn an und lasse mich an der Wand zu Boden gleiten. Eine Weile herrscht Stille, nur mein Schluchzen ist zu hören.

„Es tut mir Leid! Aber ich mache mir einfach so wahnsinnige Sorgen, dass du wieder abrutschst. Als ich gestern von deinem Zusammenbruch gehört habe, kam alles wieder hoch. Ich möchte dich nie wieder so sehen. Versprich mir, dass du in nächster Zeit etwas mehr auf dich achtest.“, flüstert Jay und lässt sich neben mir nieder.

„Mir tut es auch Leid. Ich glaube es ist momentan einfach alles zu viel. Ich versuche etwas zuzunehmen, in Ordnung? Wenn mir wieder alles über den Kopf wächst, komme ich zu dir.“, verspreche ich und lehne mich an ihn.

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehe ich wieder auf und ziehe mir eine Jeans und eine grünes Shirt über.

„Die Suppe steht unten. Josy wollte darauf achten, dass sie noch ein bisschen vor sich hin köchelt. Dann kann Lin die Suppe gleich warm essen.“, erklärt Jay und wir gehen, mit dem Topf bewaffnet, zum Nachbarhaus.

***

Es ist ein Haus, in dem zwei Familien wohnen und ich klingle bei Jenkins. Nach wenigen Minuten öffnet eine verschlafene Lin die Tür.
„Amy?“, fragt sie überrascht und sieht dann fragend zu Jay.

„Krankenexpress. Dürfen wir kurz reinkommen?“, bitte ich und sie lässt uns rein.

„Einfach geradeaus durch.“, informiert sie uns und wir finden uns in einem gemütlichen Wohnzimmer wieder. Auf ihrem riesigen Sofa liegen eine Bettdecke und mehrere Kissen verstreut herum, welche sie hastig versucht etwas zur Seite zu räumen. Sie setzt sich und ich betrachte sie eingehend. Ihre Augen glänzen fiebrig, ihre Wangen und ihre Nase sind gerötet. Sie trägt eine Jogginghose und ein verwaschenes Shirt. Um ihren Hals hat sie einen Schal geschlungen.

„Du legst dich jetzt erstmal wieder hin. Mein bester Freund Jay hier,“, ich deute auf ihn, „ist Koch und hat dir eine Suppe gemacht.“
„Ich mach mich mal kurz auf die Suche nach der Küche und fülle dir einen Teller mit Suppe.“, sagt er etwas verlegen und ich sehe ihm irritiert nach. Ich breite die Bettdecke über Lin aus und folge Jay dann. Er hat die Küche scheinbar gefunden und steht vor einem gefüllten Teller.

„Alles klar bei dir?“, frage ich ihn lauernd.
„Ja klar, ist alles klar. Warum auch nicht?“, antwortet er eilig und vermeidet es mich anzusehen.
„Bist du zufällig etwas nervös?“, frage ich gedehnt und mit einem Blick in seine errötendes Gesicht beschleicht mich ein leiser Verdacht. „Lin gefällt dir, kann das sein?“

„Sie ist ganz süß. Mehr kann ich noch nicht sagen.“, antwortet Jay nachdrücklich. Ich kann ein Grinsen nicht unterdrücken. Er hatte zwar die ein oder andere Beziehung in den letzten Jahren, doch richtig begeistert war ich von seiner Frauenwahl nicht.

Lin hingegen ist total nett und ich mag sie wirklich. Es wäre schon irgendwie schön, wenn die beiden zusammenkommen würden.

Doch jetzt ist Lin erstmal die kranke Freundin, die wir etwas pflegen, und nicht Jays potenzielle neue Freundin.

Als wir das Wohnzimmer wieder betreten, wartet Lin schon auf die Suppe und freut sich sehr darüber.

Ich muss Lächeln und beobachte vergnügt, wie Jay ihr aufmerksam beim Essen zusieht.

Er bemüht sich Lin jeden Wunsch von den Augen abzulesen und tupft immer wieder mit einem nassen Lappen über ihre verschwitzte Stirn.

Nach einer Stunde beschließe ich wieder zu gehen, ohne Jay, der angeboten hat sich die Nacht über um Lin zu kümmern. Das finde ich so süß, dass ich ihm verspreche, den beiden so viel Zeit wie möglich alleine zu verschaffen und er auch den nächsten Morgen ruhig dableiben kann. Somit verschiebe ich das Gespräch über die Arbeit und belasse Lin ruhigen Gewissens Jays erfahrenen Händen.

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