11.

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Das ist Will^
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Als es klingelt und Dan mich abholt, bin ich doch etwas enttäuscht. Ich nehme Will in den Arm und bedanke mich nochmal. Er ist fast einen Kopf größer als ich und ich versinke regelrecht in seinen muskulösen Armen.
An der Tür zieht Dan mich in eine fürsorgliche Umarmung und legt den Arm um mich. Auf dem Weg zu Dans Auto spüre ich Wills Blick, der auf mir ruht. Ein wenig verlegen sehe ich nochmal zurück und sehe noch einen nachdenklichem Ausdruck in seinen Augen, bevor er sich abwendet und die Tür schließt. Fast ein wenig traurig setzte ich mich ins Auto und wir fahren die minimale Strecke zum Thompson-Haus. Mein Vater steht vor der Tür und reißt mich in seine Arme, sobald ich aussteige. Auch Jay und Josy drücken mich und alle reden gleichzeitig auf mich ein. Einer nach dem anderen mustert mich von Kopf bis Fuß, um zu überprüfen, ob Em recht hatte, nachdem ich ihnen von den letzten Stunden erzähle. Den Grund für meine Panikattacke verschweige ich wohlweislich und nach einigen misslungenen Versuchen mich zum Reden zu bewegen, geben sie es schließlich auf.
„Also, wie lange haben wir noch bis zu unserem Treffen mit Ty und Olivia?", fragend sehe ich in die Runde. Vier entgeisterte Augenpaare starren mich an.
„Ist das die Ernst? Du willst jetzt noch los?", fragt Dan, als wäre ich nicht mehr ganz dicht.
„Ja! Ich möchte Olivia unbedingt kennen lernen und außerdem kann ich ein bisschen Ablenkung gebrauchen.", erkläre ich. Mein Dad versucht es mir auszureden, doch ich lasse mich nicht beirren und gehe nach oben, um mich umzuziehen.
„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?", fragt Jay, der mir gefolgt ist. Ich nicke nur. Nachdem ich mich schnell umgezogen habe setzte ich mich aufs Bett.
„Erzählst du mir jetzt was passiert ist?", fragt er vorsichtig und zieht sich selbst um. Also erzähle ich es ihm und er nimmt mich schließlich in den Arm.
„Jetzt halte ich es für noch blöder in die Kneipe zu gehen. Aber ich hab mir sowas Ähnliches schon gedacht. Und ich weiß, dass du unglaublich stur sein kannst, also werde ich sich sowieso nicht davon abbringen können.", seufzt er und wir gehen wieder nach unten. Josy und Dan sind ebenfalls fertig und nachdem sie sich nochmal bei mir erkundigt haben, ob ich wirklich einverstanden bin, machen wir uns auf den Weg. Die Kneipe ist direkt gegenüber und als wir durch die Tür treten schlägt mir ein vertrauter Geruch nach Alkohol, Schweiß und Zigarettenrauch entgegen. Automatisch sehe ich mich einmal überall um und gehe dann in Richtung Theke.
Noch hat Nick mich nicht entdeckt. In aller Ruhe poliert er Gläser. Seine muskulöse, riesige Statur hat er behalten. Seine blauen Augen hat er Tommy vererbt. Das graue Haar ist nur wenige Millimeter lang. Er muss jetzt 53 Jahre alt sein und er sieht wirklich so aus. Früher hat er so unglaublich viel Lebensfreude ausgestrahlt, dass er für mich immer viel jünger aussah.
Maggie tritt neben der Theke aus der Tür, die zum Lager führt. Auch sie hat blaue Augen, ihre Locken sind noch immer blond und gehen ihr bis zum Kinn. Sie war schon immer etwas mollig, doch nie dick.
Sie steht einen Moment ungläubig in der Tür und läuft dann mit Tränen in den Augen auf mich zu. Es berührt mich tief, dass sie mich so vermisst hat und ich drücke mich fest an sie, als sie mich in ihre Arme zieht.
Immer noch ungläubig schiebt sie mich ein Stück weg und streicht über meine Wange. Ihr liebevoller Blick ruht einen Moment auf mir bevor sie sich umdreht.
„Nick, unsere kleine Amy ist hier.", ruft sie durch den Raum und auch Nick steht Sekunden später vor mir und drückt mich an seine stählerne Brust.
„Meine Kleine!", flüstert er zärtlich und auch mir rollt eine Träne über die Wange.
„Komm her, setzt euch erstmal. Was kann ich euch bringen?", fragt Maggie überschwänglich und schiebt uns an einen Tisch.
„Für mich eine Cola. Und für euch Bier?", fragend sieht Josy uns an und wir nicken.
Nick schiebt sich einen Stuhl an unseren Tisch und betrachtet mich eingehend.
„Was machst du denn hier? Ich dachte, wir sehen dich nie wieder.", ein vorwurfsvoller Unterton schwingt in seinen Worten mit.
„Ich kann doch die Taufe meiner Nichte nicht verpassen.", lächle ich vorsichtig und versuche die Stimmung aufzulockern. Maggie kommt mit den Getränken an den Tisch und setzt sich ebenfalls dazu.
„Und was hast du die letzten zwei Jahre gemacht?", fragt sie interessiert und ich erzähle auch ihr von meiner Ausbildung, meinem Job und Jays und meiner Wohnung.
„Ich glaube wir haben uns vor ungefähr drei Jahren mal gesehen, als du Amy besucht hast.", erinnert sich Nick und sieht Jay nachdenklich an.
„Ja, das kann gut sein.", grinst dieser.
„Amy, wir wissen bis heute nicht, warum du gegangen bist!", wendet Nick sich wieder an mich.
„Es tut mir Leid, dass ich einfach so gegangen bin, aber es ging nicht anders. Ich möchte nicht darüber reden, was damals passiert ist.", entscheide ich und spiele nervös mit der Flasche in meinen Händen.
„Tommy war am Boden zerstört. Er hat dich wirklich geliebt und die Trennung hat ihn beinahe kaputt gemacht.", sagt Maggie leise und ich kann ihre Wut auf mich heraushören, obwohl sie sie versucht zu unterdrücken.
„Es tut mir Leid! Er kennt den Grund und ich hoffe er kann meine Entscheidung irgendwann verstehen.", entschuldige ich mich und senke den Kopf.
„Ich bin wirklich froh, dass du wieder hier bist!", wechselt Nick das Thema und legt einen Arm um mich. Wir greifen zu unseren Getränken.
„Auf Amy", ruft Dan und alle prosten mir zu.
„Hey, da sind Ty und Olli.", Josy springt auf und umarmt die beiden. Olivia ist groß, hat dunkelblaue Augen und blonde Locken, die sie zu einem Zopf gebunden hat.
Bei uns angekommen lächelt sie uns freundlich an und stellt sich dann vor Jay und mich.
„Hallo, ich bin Olivia Collins. Olli.", begrüßt sie uns und auch wir stellen uns vor.
Ty und Olli begrüßen auch den Rest der Runde und Nick und Maggie verabschieden sich mit einem Nicken.
„Wir sehen uns später.", sagt Maggie und die beiden machen sich wieder an die Arbeit.
Olli ist wirklich sympathisch und wir verstehen uns gut. Ich finde, dass ihre ruhige und Tys leicht verrückte Art sich perfekt ergänzen.
Die Eingangstür öffnet sich wieder und Josh und Will betreten die Kneipe. Sie unterhalten sich angeregt und bemerken nicht, dass die Blicke aller Frauen sie bis zu ihrem Platz verfolgen. Zum ersten Mal sehe ich sie in normaler Freizeitkleidung und nicht in Anzügen. Ich muss mich zusammenreißen nicht zu sabbern. Josh hat eine typische Surferboy Ausstrahlung und trägt passend dazu ein T-Shirt, welches die Farbe des Meeres hat. Seine Chino Hose ist schwarz und die dunkelblauen Leinenschuhe passen perfekt dazu. Doch für meinen Geschmack sieht Will noch ein bisschen besser aus. Seine schwarzen Haare sind verwuschelt und das ebenso schwarze Shirt lässt seine Muskeln deutlich erkennen. Die verwaschene Jeans sitzt tief auf seinen Hüften und er trägt einfache Sportschuhe.
„Amy?", reißt Jay mich aus meinen Gedanken.
„Mh?", frag ich irritiert.
„Alles klar bei dir?", fragt er, lehnt sich zu mir rüber und verfolgt meinen Blick. Er sieht mich fragend an. „Der Schwarzhaarige ist William und der Blonde Joshua, sie arbeiten bei Dad in der Kanzlei. Will hat mich vorhin mit zu sich nach Hause genommen.", erkläre ich und sehe zu den beiden rüber. Als hätte Will meinen Blick gespürt dreht er langsam den Kopf in meine Richtung. Ertappt lächle ich ihn an, doch er lächelt nicht zurück, sondern guckt genauso nachdenklich wie heute Nachmittag.

*William*
Sie ist mir sofort aufgefallen, als Josh und ich die Kneipe betreten haben. Ich habe versucht nicht rüber zu gucken, aber als sie mich angestarrt und dann mit dem gut aussehenden Typen neben sich gesprochen hat, konnte ich nicht anders. Jetzt sehen beide zu mir rüber. Amy lächelt verlegen.
Als sie heute Mittag in der Kanzlei saß, war mir ziemlich schnell klar, dass sie Amanda Thompson sein muss. Sie sieht Dan und Pete unglaublich ähnlich. Außerdem erzählt Pete wirklich oft über sie, ihre Fotos stehen überall in seinem Büro.
In der Zeit, die ich jetzt schon hier wohne habe ich viel über sie gehört.
Ein wenig kann ich mich sogar selbst an sie und Thomas im Sandkasten des Spielplatzes erinnern. Da war sie vielleicht vier und ich gerade eingeschult.
Em hat mir erzählt, dass er und Amy vier Jahre zusammen waren. Scheinbar hielt die ganze Stadt sie für das Traumpaar. Vor zwei Jahren sei sie dann plötzlich verschwunden. Ihre Familie hätte nur gesagt, dass sie ins Ausland gegangen ist. Ansonsten wusste niemand etwas darüber, weder den Grund noch ihren neuen Wohnort. Thomas soll es sehr schlecht gegangen sein. Manche erzählen von Depressionen, manchmal habe er sich tagelang in sein Haus eingeschlossen und zu niemandem Kontakt gehabt. Maggie und Nick wären krank vor Sorge um ihn, aber auch um Amy, gewesen.
Irgendwann hatte man dann Eve und ihn öfter zusammen gesehen. Beide hatten sich gegenseitig getröstet. Dabei hatte es scheinbar gefunkt und die beiden waren jetzt schon fast ein Jahr zusammen.
Mit ihrem plötzlichen Verschwinden hatte Amy sich nicht unbedingt beliebt gemacht, weil alle ihr, verständlicherweise, die Schuld an Tommys schlechtem Zustand gegeben haben.
Doch sie wirkt gar nicht so gemein oder intrigant, wie ich dachte. Eigentlich habe ich die Zeit mit ihr genossen und habe mich gut mir ihr verstanden.
Sie war lieb und süß gewesen. Auch das Lächeln, welches sie mir jetzt schenkt, zeigt das Gegenteil von dem, was ich von ihr gehört habe.
Doch das Lächeln erreicht nicht ihre Augen, fällt mir auf.
„Alter, du hörst gar nicht zu!", beschwert sich Josh.
„Sorry, ich war kurz abgelenkt.", entschuldige ich mich halbherzig.
„Ja, das Gefühl hab ich auch. Kann es sein, dass das mit Petes Tochter zusammenhängt? Du hast in den letzten Jahren nicht eine Frau mit zu dir nach Hause genommen, und heute? Sie sieht ja wirklich gut aus, aber du weißt auch was man über sie redet!", will er mir ins Gewissen reden.
„Das hat nichts mit Amy zu tun. Ich bin einfach ein wenig müde. Der Tag war ganz schön aufregend.", beschwichtige ich ihn schnell. Zu schnell.
„Alter, erzähl mir keinen Scheiß. Ich gönn dir den Spaß, das weißt du, aber such dir besser eine andere dafür!", sagt er mit weisem Unterton. Ich brumme zustimmend, damit er diese beschissene Diskussion endlich beendet. Dann nehme ich einen tiefen Schluck von meinem Bier und versuche mich wieder auf Joshs Erzählungen zu konzentrieren.

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