*William*
Ich habe sie seit dem Streit am See nicht mehr gesehen. Ich mache mir permanent Vorwürfe. Kein Wort habe ich ernst gemeint und ich verfluche mein loses Mundwerk. Keine Ahnung, wohin Amy verschwunden ist, aber sie würde mich auch nicht sehen wollen.
Nachdem ich ihren 'besten Freund' informiert habe, dass sie nach dem Streit abgehauen ist, hat er sich mit Ben sofort auf den Weg gemacht. So besorgt wie er ausgesehen hat, könnte ich mich selbst für meine Dummheit schlagen. Ich habe mir in meinem Leben noch nie so viele Sorgen gemacht. Ruhelos versuche ich mich schon seit Stunden zu Hause mit Sport abzulenken. Ein paar Mal hatte ich die Türklinke schon in der Hand, aber ich wäre der Letzte, der Amy jetzt helfen könnte.
Jedes ihrer Worte hat mich unglaublich hart getroffen. Sie war die erste, die ich wirklich mit meinem ganzen Herzen geliebt habe. Aber scheinbar war diese Liebe nur einseitig vorhanden.
Doch der Schmerz in ihren Augen, nach meinem letzten Satz war echt. Sie war so erschüttert und verletzt, dass sie für ein paar Sekunden ihre wahren Gefühle nicht vor mir verbergen konnte.
Aber jetzt ist ja dieser Jay da. Ich schlage blind vor Wut auf den Boxsack ein.
Jay und ich werden in unser gemeinsames Leben zurückkehren. Und was zwischen ihm und mir ist, geht dich nach wie vor nichts an!
Warum sagt sie sowas? Liebt sie ihn wirklich? Aber warum hat sie dann überhaupt mit mir geschlafen? Weil du ein kleine amüsante Affäre zwischendurch warst, gebe ich mir selbst die Antwort.
Wenigstens ist Amy für immer die Frau der Premieren. Sie war die erste Frau, die mich schon im ersten Moment umgehauen hat. Sie war die erste, die ich nicht mit meinem Anmachspruch rumbekommen habe. Sie war die erste, die ich wirklich geliebt habe. Sie war die erste, die Sex zu etwas unglaublich Besonderem gemacht hat. Und sie war die erste, die mich so sehr verletzten konnte.
Wie von Sinnen prügle ich auf den Boxsack ein. Meine Schreie werden lauter, verzweifelter, aggressiver. Erschöpft lasse ich mich auf den Boden fallen. Meine Wangen sind nass von Tränen und Schweiß. Noch eine Premiere: Sie ist die erste, wegen der ich geweint habe.
So schlecht ging es mir noch nie und ich weiß nicht, ob mein Herz diese Belastung dauerhaft aushält. Ich stehe wieder auf und stelle mich in der kleinen Umkleide vor den Spiegel.
„Glückwunsch, O'Connor. Du siehst scheiße aus, bist ein mieses Schwein und hast die Frau, die du liebst verloren. Applaus.", sarkastisch betrachte ich mich. Wütend wische ich die Tränen weg und beschließe einfach nichts zu tun. Jetzt ist eh alles egal. Weder meine Arbeit, noch meine Freunde und Familie scheinen im Moment wichtig.
Verschwitzt gehe ich ins Schlafzimmer und schmeiße mich auf das Bett.
Mein Blick fällt auf das kaputte Shirt, welches von ihrem provisorischen Verband übrig geblieben war. Ich hebe es auf und atme tief ein. Ihr unverwechselbarer Geruch hängt darin und ich wünsche mir mehr, wie vorher, dass sie jetzt bei mir ist und der Streit nie passiert wäre.
„Schmeiß das Shirt in die hinterste Ecke seines Schrankes und konzentriere dich auf die wirklich wichtigen Dinge. Du konntest vorher auch ohne sie leben, also wirst du das jetzt auch hinbekommen.", rufe ich mich selbst zur Ordnung und mache mich auf den Weg zum Bad.
Nach einer entspannten Dusche sieht die Welt bestimmt gleich ganz anders aus. Dann kann ich mich auf den Weg zu Josh machen. Der wird mir helfen sie zu vergessen!
*Amanda*
Jay streicht mir monoton über den Kopf.
„Ich habe uns zwei Plätze für den nächsten Flug nach Mitara besorgt. Geh duschen, ich pack in der Zeit unsere Koffer. In ein paar Stunden sind wir wieder zu Hause.", er gibt mir einen Kuss auf die Stirn und betrachtet mich besorgt. Auf mein Nicken hin reicht er mir ein neues Shirt und eine Jeans und ich fliehe förmlich aus dem Zimmer.
Nachdem Ben und er mich gefunden haben, sind sie zum Thompson-Haus und haben sie liebevoll um mich gekümmert. Aber ihre besorgten Blicke sind nicht mehr zu ertragen und ich war froh, als zumindest Ben wieder gehen musste. Jay und er haben ständig geflüstert und zweifellos ging es um mich.
Ich steige in die Dusche und lasse das warme Wasser auf meinen Körper prasseln. Doch es kommen auch wieder Tränen und ich gebe mir keine Mühe sie zurückzuhalten. Erschöpft lasse ich mich die kalten Fliesen der Dusche hinuntergleiten und weine schluchzend vor mich hin.
Zwei starke Arme greifen nach mir und ich werde in ein weiches Handtuch gewickelt. Ich erkenne Jay, der mich fest in seinen Armen hält und mich einfach weinen lässt. Als ich aber immer noch keine Anstalten mache aufzuhören und mich anzuziehen, löst er sich langsam von mir und streift mir vorsichtig die Kleidung über. Auch mein Haare föhnt er ein wenig, bevor er mir mein Schminktäschchen reicht.
„Ich denke du solltest nicht so verheult aussehen, wenn du dich dich verabschiedest.", sagt er und verlässt das Bad wieder.
Also überschminke ich meine roten, verquollenen Augen und gebe mich mit einen halbwegs akzeptablen Ergebnis zufrieden.
Im Flur steht Jay mit unseren Koffern und schiebt mich die Treppe runter.
„Ben fährt uns zum Flughafen.", erklärt er und tatsächlich steht Dans bester Freund vor dem Haus.
Am Restaurant steigen wir wieder aus und ich wappne mich innerlich bereits vor dem Unvermeidlichen.
Lass dir nichts anmerken. Sag einfach, dass du aus beruflichen Gründen früher los musst. Keine unnötig langen Konversationen!
Schnell kann ich meinen Bruder zwischen den andere Gästen ausmachen. Anscheinend sind die meisten bereits gegangen und ich bin froh darüber.
Ich tippe ihm auf die Schulter und er sieht mich überrascht an.
„Dan, wir müssen schon los. Unser Flieger geht in zwei einhalb Stunden. Ben fährt uns zum Flughafen.", informiere ich ihn.
„Warum müsst ihr denn jetzt schon los?", fragt mein Dad, der hinter ihm auftaucht.
„Und warum fährt Ben euch? Wir hätten das auch machen können.", meint Josy, die mit Lilly auf dem Arm in der Nähe steht.
„Es ist beruflich. Und ihr habt doch hier die Taufe, da können wir euch wohl kaum zumuten uns noch zum Flughafen zu fahren.", beschwichtige ich sie und umarme meine Schwägerin in die als erstes. „Schade", kommentiert sie unseren Abschied und ich gebe meiner Nichte einen Kuss auf die Stirn. Lächelnd streckt sie ihre Arme nach mir aus und ich nehme sie auf den Arm.
Mit ihr zusammen drücke ich auch meinen Dad, der mich traurig ansieht.
„Wir sehen uns viel zu selten, Schätzchen. Du solltest wieder nach Mitara zurückkehren.", sagt er und ich sehe ihn nur stumm an. Tränen treten in meine Augen und ich wische sie schnell weg.
Dann schließe ich auch meinen Bruder in die Arme.
„Du weißt, dass ich dir kein Wort glaube. Ich habe so eine Ahnung, was du jetzt vor hast. Aber ich hoffe dir ist bewusst, dass du Dad das Herz brichst. Josy, Lilly und ich werden dich ebenfalls schrecklich vermissen. Wende dich nicht wieder von uns ab. Wir sind dein Familie, wir lieben dich.", flüstert er mir ins Ohr und eine Träne rollt über meine Wange.
„Ich weiß was ich tue. Du hast deine eigene Familie. Vergiss nie, wie viel Glück du hast! Ich liebe dich.", antworte ich ebenso leise, hauche einen Kuss auf seine Wange und übergebe ihm meine kleine Nichte, die ich vorher nochmal an mich drücke.
„Ich liebe euch.", wiederhole ich nochmal laut und verabschiede mich dann mit Jay zusammen von allen anderen.
Die Fahrt zum Flughafen verläuft schweigend und erst vor der Sicherheitskontrolle verabschieden wir uns auch von Ben.
„Danke, dass du bis jetzt geschwiegen hast und immer noch schweigst. Und danke, dass du da warst. Leb wohl.", schniefe ich mühsam und er drückt mich fest an seine Brust.
„Danke auch von mir. Ciao.", sagt Jay und die beiden umarmen sich auch kurz.
„Danke, dass du für die Kleine da bist.", bedankt sich auch Ben bei meinem besten Freund und drückt mir nochmal einen Kuss auf den Kopf.
Dann machen Jay und ich uns auf zum Flugzeug.
Bereits kurze Zeit später sitzen wir in unseren Sitzen und die Tränen fließen wieder unaufhörlich.
Jay hält mich im Arm und muss mehrfach die Stewardess beruhigen, dass mit mir wirklich alles in Ordnung ist.
Jetzt ist es endgültig. Will wird ein Leben mit einer besser Frau anfangen. Seine Wut auf mich wird das winzige bisschen Zuneigung, was er mir gegenüber empfunden hat, verschwinden lassen.
Mein Dad hat Lilly, Dan, Josy und seine Kanzlei, die ihn komplett vereinnahmen.
Dan und Josy haben sich und ihre kleine Tochter, sowie einen Berg an Freunden.
Tommy kann endlich mit Eve glücklich werden und ich muss nie wieder in diese Stadt zurückkehren.
Etliche Kilometer entfernt werde ich mein altes Leben weiterführen. Es kommt mir so vor, als wären wir monatelang hier gewesen, dabei waren es nur sechs Tage.
Aber auch wenn ich das Gefühl habe einen Teil von mir hier zu lassen, werde ich wieder die alte Amanda. Die Frage ist nur, ob ich die Amanda werde, die ich noch vor der Beziehung war oder die nach der Trennung von Tommy.
Aber eins steht fest: Egal wie mein Leben sich verändern wird, irgendwann werde ich über Will hinweg sein und dann kann ich mein Leben endlich wieder in vollen Zügen genießen!
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Heimatlos
RomanceEndlich läuft Amys Leben wieder in geregelten Bahnen. Sie ist glücklich. Doch ihre vermeintlich heile Welt gerät ins Wanken, als sie für eine Woche in ihre Heimat zurückkehren soll. Sie ist gezwungen sich alten Bekannten zu stellen. Tommy und Will b...
