Das ist Josy^
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Ein Klopfen an der Zimmertür reißt mich aus dem Schlaf.
„Ja?", frage ich müde und setze mich auf.
„Morgen, ihr Beiden. Das Frühstück ist gleich fertig. Wir sind nachmittags bei Dad eingeladen. Ich muss jetzt aber erstmal Geld verdienen.", begrüßt uns Dan gut gelaunt. Ich lasse mich grummelnd wieder in die weichen Kissen fallen.
„Jaja, wir kommen gleich.", murmelt Jay neben mir. Wir sind beide Morgenmuffel und brauchen immer einen Moment zum wach werden.
Schließlich überwinde ich mich doch und schleife Jay mit mir die Treppe runter.
Josy sitzt ebenfalls im Schlafanzug am Tisch. Lilly sitzt im Hochstuhl neben ihr.
„Dan ist schon los, aber wir können in Ruhe frühstücken.", erklärt meine Schwägerin in Spe und zeigt auf den gedeckten Tisch.
Während wir essen, frage ich sie nach dem geplanten Treffen mit meinem Dad.
„Pete hat sich sehr gefreut zu hören, dass du kommst und will dich unbedingt sehen.", erklärt sie.
„Ich auch.", gebe ich wahrheitsgemäß zu.
„Was haltet ihr davon, wenn wir, bevor wir zu Pete gehen, gleich eine Runde durch den Ort drehen?", schlägt Josy vor. Auch wenn es mir davor graut, alte Bekannte zu treffen, stimme ich zu.
Also machen Jay und ich uns fertig und stehen eine Stunde später mit Josy und Lilly vor dem Haus.
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Da ich die kleine Maus wirklich lange nicht gesehen habe, überlässt Josy mir das Kinderwagen schieben.
Wir schlagen den Weg nach rechts ein und ich kann schon von Weitem ein, mir unbekanntes, Restaurant erkennen. Auf meine Frage hin erklärt Josy, dass Susanne, die Mutter ihrer besten Freundin Leonie, es erst vor kurzem eröffnet hat.
Die Straße macht eine Linkskurve und schon biegen wir nach rechts ab.
Mein Atem stockt. Diese Straße kenne ich mehr als gut. Als mein Kopf sich automatisch nach rechts wendet, sehe ich zwei vertraute Häuser neben einander.
Das linke Haus war bis vor zwei Jahren noch das Zuhause von meinem Exfreund Thomas und mir und das andere Gebäude ist seine Fahrschule.
Übelkeit steigt in mir auf.
Bevor ich von meinen Gefühlen übermannt werden kann wende ich den Blick ab und gehe in zügigem Schritt weiter die Straße entlang.
Josy und Jay haben meinen Gefühlsumschwung natürlich bemerkt, sagen aber nichts, sondern eilen mir nach. An der nächsten Kreuzung bleibe ich stehen und sehe mich um.
„Susanne und Edgar haben mittlerweile ihr Haus neben der Kirche fertig gebaut.", erzählt Josy und deutet nach rechts. Edgar ist der Pfarrer von Mitara und er hat mich sowohl getauft, als auch konfirmiert.
„Die Schule, den Kindergarten dahinter und die Uni solltest du ja noch kennen.", fährt sie fort und deutet auf die zwei erkennbaren, riesigen Gebäudekomplexe vor mir und ich nicke. Erinnerungen von Thomas, damals liebevoll Tommy genannt, und mir im Kindergarten und auf dem Schulhof kommen hoch.
Wir kannten uns unser ganzes Leben und jeder Stein dieser Stadt erinnert mich an ihn, als wollte sie mich quälen.
Ich wusste, dass es eine blöde Idee war herzukommen und doch konnte ich nicht nein sagen.
Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und gehe Jay und Josy hinterher, die bereits nach links in eine andere Straße gegangen sind.
„...Kino, in dem Dan und ich uns kennen gelernt haben. Dahinter ist das Theater und der kleine Bahnhof. Und dieses riesige Gebäude ist das Amtsgericht.", kann ich sie erklären hören.
Sie deutet dabei an einer Weggabelung nach rechts und zieht Jay dann aber nach links weiter.
„An das Kino kann ich mich nicht erinnern, aber den Bahnhof kenne ich von meinen beiden Besuchen.", überlegt er.
Wir haben uns in Carboa kennen gelernt, als Evelyn, meine damalige beste Freundin und ich, einen gemeinsamen Urlaub dort verbracht haben.
Wir waren Essen gegangen und mehr als begeistert von den leckeren Gerichten. Leicht angetrunken von dem Rotwein, den wir dazu getrunken hatten, wollten wir den Koch persönlich loben.
Jay hatte sich sehr über unsere Begeisterung gefreut und uns in einen Club eingeladen.
Dort hatten wir drei viel Spaß, doch Eve seilte sich schnell von uns ab und so verbrachten Jay und ich die Nacht überwiegend allein und verabredeten uns noch ein paar Mal.
Danach war ich hin und wieder Mal zu ihm gefahren. Anfangs hatte er ständig mit mir geflirtet, aber nachdem ich ihm von meiner glücklich Beziehung mit Tommy erzählt hatte war eine großartige Freundschaft entstanden.
Und auch er hatte mich zwei Mal in Mitara besucht. Daher kannte er sowohl meinen Dad, Dan und Josy, als auch Tommy und Eve.
„Hier ist das Café meiner besten Freundin Leonie. Wollen wir ihr kurz Hallo sagen?", fragt Josy gut gelaunt und hält uns die Tür auf.
Also gehen wir vier ins Café und ich erkenne die große Schönheit auf den ersten Blick wieder.
„Hey Josy. Was machst du denn hier und wo hast du Lilly gelassen?", fragt Leonie, ohne uns zu bemerken. Sie umarmt Josy und sieht dann zu uns.
„Amy!", ruft sie begeistert und drückt mich an sich.
„Dich hab ich ja ewig nicht gesehen. Und wer ist dein gut aussehender Begleiter?", fragt sie charmant und strahlt Jay an.
„Ich bin Jayden Parker. Aber Jay reicht.", grinst er und streckt ihr seine Hand entgegen.
Sie zieht ihn ebenfalls in eine Umarmung und stellt sich mit gekonntem Augenaufschlag vor: „Ich bin Leonie Collins. Aber Leo reicht." Sie zwinkert ihm zu und Jay scheint etwas überfordert von ihrer direkten Art.
„Mach dir keine Gedanken, sie ist immer so. Aber erstens bist du 25 und somit 2 Jahre jünger als sie, was überhaupt nicht ihrem Beuteschema entspricht und zweitens ist sie vergeben.", beruhigt Josy ihn.
„Was heißt du bist vergeben? Wer ist denn der mysteriöse Mann, der es mit dir aushält?", frage ich grinsend.
„Du wirst es nicht glauben, aber es ist Ben.", lächelt sie verliebt.
„Ben?! Das glaub ich jetzt nicht! Du und Ben?! Wow.", ich muss den Gedanken erstmal verdauen.
Ben und sein Zwillingsbruder Matt, eigentlich Benjamin und Matthew, sind Dans beste Freunde und ich kenne die beiden schon ewig.
Aber auch wenn es mich mehr als überrascht, dass Ben und Leo zusammen sind muss ich zugeben, dass sie charakterlich gut zusammen passen.
„Du kennst doch sicher auch noch Matt? Er wird Patenonkel von Lilly. Ihr dürft euch die Verantwortung also teilen.", erzählt Josy begeistert.
„Wirklich? Dann muss ich ihn unbedingt bald besuchen.", sage ich erfreut.
„So wir müssen jetzt weiter. Wir wollten noch einen Abstecher zu Ty in die Praxis machen. Wir sehen uns.", verabschiedet sich Josy und wir umarmen Leo nochmal zum Abschied, der wir versprechen müssen bald nochmal ins Café zu kommen. Ein Stück weiter kommen wir an der Querstraße an, die wieder zum Thompson-Haus führt. Aber wir gehen weiter geradeaus und auf der Ecke steht die Arztpraxis von Leos Bruder Tyler, den ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe.
Er war auch ein Kumpel von Dan, obwohl mein Bruder zwei Jahre jünger ist. Zwei Jahre bevor ich nach Carboa zog, ging Ty ins Ausland, um dort sein Studium zu beenden und ein praktisches Jahr in einem Entwicklungsland zu absolvieren.
***
„Wenn wir Glück haben hat Ty ein wenig Zeit für uns.", sagte Josy und führte uns zur Anmeldung.
„Hey Em. Ich hab hier eine alte Freundin von Ty mitgebracht. Denkst du er hat kurz Zeit?", fragt sie eine Schwarzhaarige Frau, die ihre sanften Locken zu einem Zopf gebunden hat.
Als sie aufsieht bemerke ich ihre strahlend grünen Augen und habe das Gefühl sie zu kennen.
„Ich denke ein paar Minuten wird er für euch haben.", lächelt sie und führt uns in ein Sprechzimmer.
„Setzt euch, ich hole ihn eben.", sagt sie freundlich und verschwindet wieder.
„Em? Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, aber ich kann sie nicht zuordnen.", überlege ich.
„Ich glaub sie war eine Klasse über dir. Ein kleiner Naturwissenschaftsfreak, aber sehr beliebt. Ihr Vater Andrew leitet die Bank. Ich glaube ihre Eltern sind mit Pete befreundet.", erklärt Josy und ich erinnere mich wieder: „Stimmt. Drew und Clara. Und sie hat einen Bruder, der im Ausland lebt. Von dem hat sie oft erzählt."
„Er lebt mittlerweile hier, aber du wirst ihn noch kennen lernen.", sagt Josy.
Bevor ich nachhaken kann, öffnet sich die Tür und Ty kommt rein.
„Amy? Bist du das? Oh Mann, bist du groß geworden.", grinst er und umarmt mich fest.
"Naja, es hält sich in Grenzen. Aber das letzte Mal, als du mich gesehen hast war ich 19.", erinnere ich ihn.
„Wirklich? Dann bist du jetzt 23 oder 24, stimmt's?", fragt er.
„Seit kurzem 24. Und du, alter Mann, bist schon 30.", grinse ich.
„Autsch!", er greift sich gespielt getroffen ans Herz.
Ich lache und er nimmt erst Josy in den Arm und streicht über Lillys Köpfchen. Dann stellen sich Jay und er vor.
„Ach ja, "ein Freund"...", sagt Ty mit hochgezogener Augenbraue in meine Richtung.
Ich verdrehe nur die Augen und Frage ihn im Gegenzug: „Wie siehts denn bei dir aus? Ist dein Beruf immer noch ein Frauenmagnet?"
„Na klar. Aber mir reicht meine Frau voll und ganz. Sie heißt Olivia und hat sich nach drei Jahren Beziehung dazu erbarmt mich zu heiraten. Glaub mir, diese Frau macht mich glücklicher, als alles andere und ich hätte sie auch schon nach einem Jahr geheiratet. Du warst nicht mehr hier, aber ich hätte dich gerne auf meiner Hochzeit dabei gehabt.", erklärt er stolz.
„Oh Ty, ich freu mich so für dich! Ich wünschte ich hätte dabei sein können. Hoffentlich stellst du sie mir bald vor.", sage ich begeistert und drücke ihn nochmal.
„Klar, wenn du willst können wir morgen in Nicks Kneipe gehen. Findet ihr so schnell einen Babysitter, Josy?", fragt er, als wäre alles schon abgeklärt.
„Ich kann gleich mal Pete fragen, der macht das bestimmt gerne.", überlegt Josy.
„Müssen wir in Nicks Kneipe gehen? Wir finden doch bestimmt noch was anderes.", sage ich flehend. „Ach Amy, komm schon. Du musst zugeben, dass die Kneipe am besten ist und Nick und Maggie werden Augen machen, wenn sie dich sehen!", sagt er begeistert.
Doch genau das macht mir Sorgen. Früher war ich ständig dort und habe neben der Schule in der Kneipe gejobbt. Aber Nick und Maggie, die Besitzer, sind Tommys Eltern. Ich hab die beiden wirklich gern und sie sind sozusagen meine zweiten Eltern, aber ich habe sie seit der Trennung von Tommy nicht mehr gesehen.
Sie werden ihm sicherlich erzählen, dass ich in der Stadt bin und dann geht alles wieder von vorne los.
Ich möchte Tommy nie wieder sehen!
„Ich muss jetzt weiter arbeiten. Da draußen warten noch ne Menge Patienten auf mich. Es war schön dich wieder zu sehen. Bis morgen.", verabschiedet er sich und auch er umarmt uns nochmal zum Abschied.
„Ich bin da.", flüstert Jay mir zu und nimmt meine Hand auf dem Weg nach draußen. Er weiß wie ich mich fühle und ich bin ihm dankbar dafür, dass er so ein toller Freund ist.
„Ich denke, jetzt können wir uns langsam auf den Weg zu Pete machen. Er hat sich extra den halben Tag frei genommen. Aber Dan kommt auch direkt in einer Stunde von der Kanzlei zu ihm.", erklärt Josy und wir gehen die Straße weiter.
„Das hier ist die Bank von Ems Vater, oder?", frage ich und deute nach rechts.
„Genau. Und daneben ist das Haus von Andrew und Clarissa. Aber das weißt du sicherlich noch.", antwortet sie. Ich nicke. Direkt daneben ist die Kanzlei meines Vaters. Thompson und Partner. Sein ganzer Stolz. Er ist Rechtsanwalt, genau wie Dan.
Soweit ich weiß, arbeitet außer den beiden noch ein Joshua dort, den ich aber nur aus Erzählungen kenne, da er erst nach meinem Umzug angefangen hat.
Die Kanzlei läuft, laut meinem Dad, ziemlich gut und er hat nicht nur Kunden aus Mitara. Sein Ruf ist mehr als gut und in der Umgebung kennt jeder den erfolgreichen Staranwalt. Mein Bruder tritt in seine Fußstapfen und auch er hat bereits einen guten Ruf. Ich falle dabei etwas raus, denn ich habe eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement gemacht. Als ich sie angefangen habe, bin ich aber auch noch davon ausgegangen in Tommys Fahrschule zu arbeiten. Er hat sehr gut verdient und so musste ich mir keine Gedanken machen.
In Carboa war ich mehr als froh, dass Marko mir direkt nach der Ausbildung eine Festanstellung angeboten hat. Er ist Architekt und brauchte damals dringend jemanden der Sekretärin und Assistentin in einem war.
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Heimatlos
Storie d'amoreEndlich läuft Amys Leben wieder in geregelten Bahnen. Sie ist glücklich. Doch ihre vermeintlich heile Welt gerät ins Wanken, als sie für eine Woche in ihre Heimat zurückkehren soll. Sie ist gezwungen sich alten Bekannten zu stellen. Tommy und Will b...
