Justin bleibt mitten auf der Straße stehen und schaut mich an.
“Was?“, murmle ich leicht genervt.
“Ich meine, ich kann ja echt viel, aber deine Adresse kann ich nicht erraten“, grinst er mich an. Ich nenne ihm meine Adresse und er fährt weiter.
“Warum bist du hierher gezogen?“
“Es ist ja nett, dass du mich fährst und so. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich dir private Sachen erzähle“, antworte ich schlicht. Justin fängt an zu lachen “Und ich dachte wir werden best friends forever.“
“Genau und ich best-friends-forever dir gleich Eine“, sage ich und starre aus dem Fenster. Ich schaue auf unser Haus. Wir sind schon längst angekommen. Ich schnalle mich ab und öffne die Tür.
“Ist Jemand bei dir zu Hause?“, hält Justin mich zurück.
“Nein, warum?“
“Weil das Licht brennt“ erklärt er simpel und zuckt mit den Schultern. Mein Kopf schnellt in Richtung Haus. Bitte kein Einbrecher, bitte kein Einbrecher. Langsam steige ich aus und gehe auf das Tor zu.
“Warte, ich gehe vor“, flüstert Justin mit zitternder Stimme und schiebt mich hinter sich. Wir gehen langsam voran und ich traue mich kaum zu atmen. Justin bückt sich und zieht sich einen Schuh aus.
“Dein Ernst?“, zische ich in die Nacht. Er zuckt nur mit den Schultern und schaut durch das Küchenfenster. Gebannt starren wir durch das Fenster. Es herrscht Stille, außer unser zitternder Atem ist nichts zu hören. Ich fange langsam an nervös zu werden. Plötzlich erscheint ein Gesicht am Fenster. Wir beide schreien panisch auf und ich stolpere nach hinten und versuche mich an Justin festzuhalten. Er und ich fallen beide zu Boden und starren immernoch ängstlich das Gesicht an.
“Dad?“, rufe ich verwundert.
Er macht das Fenster auf und schaut finster auf uns runter.
“Was machst du hier?“, frage ich.
“Das muss ich wohl dich eher fragen. Was machst du um die Uhrzeit draußen und das auch noch mit einem Jungen“, sagt er monoton und nickt zu Justin.
“Ich war bei ihm zu Hause nur Babysitten und er war nur so nett und hat mich nach Hause gefahren.“ Inzwischen bin ich am Küchenfenster angelangt und halte den Blicken meines Vaters stand.
“Ist mir egal was du gemacht hast. Du hast um diese Uhrzeit draußen nichts mehr zu suchen“
“Es interessiert euch doch eh nicht. Ab morgen bin ich doch sowieso allein.“
“Komm sofort rein Fräulein, unser Flieger geht in drei Stunden und du musst uns fahren“, herrscht mein Vater mich an. Ich nicke nur erschöpft und sage Justin, der sich von seinem Schock erholt hat, kurz Tschüss. Er setzt zu einer Antwort an, doch ich habe die Tür schon lange geschlossen. Ich würde meinem Vater nicht widersprechen. Nicht, weil ich nicht druchsetzungsfähig bin, sondern, weil ich Respekt oder besser gesagt Angst vor meinem Vater habe. Ich würde mich ihm nicht widersetzen.. aus Angst, dass er mir das Gleiche antun wird wie meiner Mutter. Mein Vater ist meiner Mom gegenüber handgreiflich geworden und das nicht gerade selten. Ich kann mich noch ganz genau an das erste Mal erinnern als ich bewusst wahrgenommen habe was mein Vater dort macht.
Es war in der Nacht zu meinem fünften Geburtstag. Ich konnte einfach nicht schlafen, weil ich einfach viel zu aufgeregt war. Ich ging leise nach unten und nahm laute Stimmen aus der Küche wahr. Ich stieß die Tür einen Spalt breit auf und lugte hindurch. Mein Blick fiel auf meine Eltern. Dad schrie irgendetwas und deutete auf meinen Geburtstagskuchen und meine Mama schüttelte nur panisch den Kopf und schob den Kuchen hastig beiseite. Ich weiß bis heute nicht worum es ging. Das nächste was ich sah war mein Vater der seine Hand gegen seine eigene Frau, meine Mutter, hob. Ich wusste was passieren würde und ehe ich weggucken konnte, sah ich wie er ihr direkt ins Gesicht schlug. Ich kann mich auch jetzt noch ganz genau an das Geräusch erinnern als seine lange knochige Hand auf der leicht rosigen Wange meiner Mutter landete. Meine Mutter unterdrückte einen Schrei und eine einzelne Träne rann meiner Mutter über ihr Gesicht. Das war das erste und letzte Mal, dass ich meine Mutter weinen sah. Manchmal denke ich, dass meine Mutter gar keine Gefühle hat. Sie verhält sich so, wie mein Vater es für richtig hält. Meine Mutter ist schwach, aber ich bin es genauso. Wäre ich nicht schwach, wäre ich schon längst dazwischen gegangen.
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Strangers (pausiert)
FanfictionSie zieht um, bringt ihre Geheimnisse mit sich und er ist da um diese aufzudecken.
