»Du weist das Stalking eine Straftat ist, oder?«, fragte Chiaki seinen Sohn schief grinsend und stand mit vor der Brust verschränkten Armen in der Tür, die aus dem Laden hinaus führte.
Ertappt drehte sich Aomine zu seinem Vater um und fixierte ihn mit ernstem Blick.
»Ich stalkte nicht, ich beschaffe Informationen.«
»Ja, das sehe ich. Mit Fernglas, deinem Handy und hinter der Ecke kauernd«, sagte er belustigt. »Schon an eine Karriere als Detektiv nachgedacht?«
Genervt entwich dem Power Forward ein knurren und er erhob sich langsam wieder.
»Kannst du mir sagen was ich sonst tun soll?«
Gespielt überlegend ging Chiaki auf seinen Spross zu und zuckte schauspielerisch mit den Schultern.
»Oh, ich weiß nicht. Vielleicht wäre mit ihr reden eine Option, aber dann könntest du dich natürlich nicht mehr so schön verstecken. Und dein Ego würde vermutlich irreparable Schäden davon tragen.«
»Abgelehnt«, brummte der Schüler und steckte sein Handy wieder in die Hosentasche.
»Kann es sein, dass es irgendwie nicht so zwischen Ha-chan und dir läuft wie du es erwartest?«, stichelte der Beamte weiter.
»Wie du das nur wieder herausgefunden hast, Spürnase? Schon überlegt zur Kriminalpolizei zu wechseln? Machst dich als Inspektor bestimmt gut«, gab Aomine tonlos von sich.
Da zuckte sein Vater erneut mit den Schultern und überging den frechen Tonfall seines Sohnes einfach.
»Als Vater hat man geheime Superkräfte. Also raus mit der Sprache.«
Kurz blickte er seinen Vater nur abschätzend an, bis er schließlich einlenkend seufzte.
»Seit ein paar Wochen ist es irgendwie so ... komisch«, gestand der Schüler und ging an seinem Vater vorbei wieder in den Laden hinein. Neugierig und sich nicht abwimmeln lassend folgte Chiaki seinem Spross.
»Und weiter?«
»Nichts weiter. Es ist einfach nur komisch.«
»Was genau? Es muss doch irgendetwas vorgefallen sein, das du ihr hinterher spionierst«, sagte Chiaki nun ernst. Da hielt der Power Forward inne und drehte sich seinem Vater entgegen. Sein Blick hatte sich eine Spur verfinstert und er wirkte auch sonst sehr angespannt.
»Hattest du während der ganzen Zeit die du mit Oka-san zusammen bist bedenken?«, fragte er ernst. »Ich meine, ist mal jemand aufgetaucht bei dem du dir gedacht hast: "Oh, jetzt wird es doch etwas kritisch"? Und wo die Alarmglocken läuten?«
Überrascht sah Aomine-Senior seinen Spross an und ihm stand einen Augenblick der Mund offen ehe er sich wieder gefasst hatte und beinahe unangebracht grinste, oder gar losgelacht hätte.
»Du bist eifersüchtig.«
»Was? Nein«, verteidigte sich sein Sohn.
»Ist dir als zweites durch den Kopf geschossen: "Den Bastard will ich tot sehen?"«
Kurz zögerte der Power Forward ehe er leicht nickte.
»Die Wortewahl war nicht ganz so harmlos und nett, aber ja. Es kommt auf's Gleiche hinaus.«
Da klopfte Chiaki seinen Sohn kumpelhaft auf die Schulter.
»Das mein uneinsichtiger und begriffsstutziger Sprössling, nennt man Eifersucht.«
Tief atmete der Rotschopf durch, als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte und legte ihre Tasche ab. »Oba-san, ... hast du kurz Zeit?«, fragte Kagami-chan vorsichtig ihre Tante, die mit einer Zeitung am Küchentisch saß und ihren Kaffee trank. Überrascht stellte sie die Kaffeetasse ab und nickte, während sie Ihre Nichte zu sich wank.
»Klar, was ist Ha-chan?«
Wie durch einen unsichtbaren Wiederstand ging sie nur langsam auf ihre Tante zu und setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber. Mayu sah ihr an das sie etwas mit sich haderte und nicht wusste wie sie beginnen sollte und lächelte aufheiternd.
»Ha-chan?«
Da sah der Rotschopf ihre Tante überlegend an und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her.
»Ich habe eine kleine ... "Glaubenskrise"«, begann die Fotografin.
»In wie fern?«
»Ich habe da jemanden kennengelernt.«
Eine Augenbraue hebend und einem schiefen Grinsen sah Mayu ihre Nichte an.
»Mehr Informationen wären nicht schlecht.«
»Es ist etwas komisch. Und ich komme mir so schäbig vor, wenn ich mit diesem Jemand spreche.«
»Ist dieser "Jemand" ein anderer Junge?«, riet Mayu drauf los.
Kurz nickte Kagami-chan mit dem Kopf und fuhr fort.
»Es ist nichts Tragisches, es ist halt nur das, ich fühle mich offengesagt bei diesem Jungen recht wohl. Er ist einfühlsam, nett, höfflich, zuvorkommend.«
Plötzlich begann Mayu laut zu lachen.
»Klingt wie das komplette Gegenteil von Aomine-kun.«
»Das ist irgendwie auch ein Problem, weil du gerade von Aomine sprichst«, sagte der Rotschopf vorsichtig und zeigte ihrer Tante ein Foto auf ihrem Handy. Die Schwarzhaarige riss erstaunt die Augen auf und begann erneut zu feixen, gab sich sichtlich Mühe nicht wieder einfach laut los zu lachen. Verstehend räuspernd gab sie ihrer Nichte das Handy wieder und nickte.
»Hast du dich mit diesem Jungen schon getroffen?«
»Ja«, schoss es wahrheitsgemäß aus der Schülerin und das schlechte Gewissen wurde immer unerträglicher.
»Ist etwas vorgefallen weswegen du Aomine-kun irgendeine Erklärung schuldig wärst?«
Kagami-chan wusste sofort worauf ihre Tante hinaus wollte. Wusste aber auch das lügen nichts brachte. Sonst hätte sie sich das Gespräch mit ihrer Tante sparen können.
»Nein.«
»Nein?«, stichelte ihre Tante mit ernster Miene nach.
»Nein«, erwiderte der Rotschopf mit Nachdruck. »Mein Problem ist, dass ich hin und her gerissen bin und offen gesagt ... nicht abgeneigt. Und ich nicht weiß ob aus dem "nein" nicht irgendwie ein verfluchtes "ja" wird.«
Verstehend nickte Mayu und trank einen Schluck Kaffee.
»Versteh mich nicht falsch. Das ist kein Vorsatz, oder so«, versuchte sich die Fotografin zu rechtfertigen. »Ich gehe diesem Jungen so gut es geht aus dem Weg, seitdem. Und mein schlechtes Gewissen nagt und frisst und hängt an mir wie ein Parasit.«
»Du weist das du mit jemand anderen normalerweise dieses Gespräch in abgewandelter Form führen solltest, oder?«
Da ließ Kagami-chan den Kopf auf den Tisch sinken und seufzte schwer.
»Du weist wie er ist. Entweder wird er es ins Lächerliche ziehen oder er wird pampig.«
»Das denk ich nicht.«
Überrascht hob der Rotschopf etwas den Blick.
»Und das weißt du woher?«
»Menschenkenntnis.«
»Aomine-cchi?«, riss ihn eine bekannte Stimme je aus seinen innigen und zweifelnden Überlegungen. Durchaus etwas erschrocken, dass man ihn aus heiterem Himmel so ansprach, wandte er sich seinen ehemaligen Teamkameraden zu. Dieser sah den Blauhaarigen mit Schalk im Blick und einem schiefen Lächeln an.
»Hallo«, feixte Kise hämisch grinsend. In den Moment in dem Aomine realisierte wer vor ihm stand stöhnte er genervt auf und blickte den Small Forward gelangweilt an.
»Kise. Was willst du denn?«, fragte Aomine etwas unfreundlich und steckte seine Hände tief in die Hosentaschen seiner schwarzen Jeans. Das ihm das blonde Elend auch noch über den Weg lief hob seine Laune absolut nicht.
»Du hast so schön vor dich her gestarrt und ich war neugierig welches Loch du in der Luft so fixierst und das auf offener Straße«, gestand Kise Schulterzuckend.
Jedoch antwortete der blauhaarige Hüne nur mit einem resignierten Grummeln und versuchte Kises eindringlichen und forschenden Blick auszuweichen.
»Aomine-cchi?«, sagte er mit Nachdruck seinen Namen um ihn zum Reden zu bewegen. Schließlich seufzte der Power Forward ergeben auf und bedachte den Kleineren mit einem abschätzenden Blick. Sollte er es wagen und ausgerechnet mit Kise darüber sprechen? Aber viel sprach eigentlich nicht dagegen. Wenn er es recht bedachte war die Überlegung gar nicht so verkehrt. Kise war mit dem was einer "Beziehung" am nächsten kam vertrauter als die anderen in seinem Umfeld. Zu den "Bäumchen-wechsel-dich"-Typen hatte er schließlich auch mal gezählt und daher waren ihm Gefühle wie Unsicherheit und Eifersucht bis dahin völlig fremd gewesen. Diese hatten sich ja erst seit ein paar Wochen massiv entwickelt. Und er hasste sich dafür.
Erwartungsvoll den Kopf schieflegend sah Kise ihn aus seinem gelben Augen an.
»Aomine-cchi«, half er den Power Forward erneut auf die Sprünge und verschränkte nun sogar die Arme vor der Brust.
Mit einem noch immer etwas unschlüssig klingenden Knurren rieb sich Aomine den Nacken und nickte kurz.
»Ich denke ich brauch einen kleinen Rat von dir.«
»Sehr gern. Wollen wir uns zu Majins setzen?«, schlug der Smale Forward vor und deutete auf die andere Straßenseite.
Zustimmend nickte der Blauhaarige und die beiden Jungen suchten sich eine ruhige Ecke in dem Fastfood Restaurant.
Nachdem sie eine Kleinigkeit bestellt hatten, ergriff Kise wieder als erstes das Wort.
»Also, raus damit. Was ist los?«
Ein wenig haderte Aomine noch mit sich bis er sich schließlich überwand.
»Du hattest doch schon die ein oder andere längere Beziehung.«
Bestätigend nickte der Blonde kurz und hörte weiter aufmerksam zu.
»Und auch auf die Gefahr hin, bei dir alte Wunden aufzureißen ..., dir ist es doch schon passiert das dir ein anderer die Freundin ausgespannt hat.«
Überrascht weiteten sich plötzlich Kises Augen und er dachte an die Zeit zurück, als Haizaki Shogu seine damalige Freundin hinterrücks gegen ihn ausgespielt hatte.
An die Situation denkend nickte Kise ernst dreinblickend mit dem Kopf.
»Also ist das Worse case Szenario bei dir eingetreten?«, fragte Kise nachdenklich als er an seiner Cola nippte. »Hätte nicht gedacht das der Senpai Recht haben würde.«
»Hätte ich auch nicht gedacht. Aber so ist es nun mal«, knurrte der Blauhaarige verstimmt.
»Also ist dieser andere Typ einfach aufgetaucht und sie hat sich verknallt?«
»Ich hoffe nicht. Dieser schmierige Typ kann sie doch unmöglich so schnell um den Finger gewickelt haben«, doch in seiner Stimme schwang ein Unausgesprochenes "oder etwa doch?" mit. Grübelnd stocherte Kise mit dem Strohhalm in seinem Glas herum.
»So schätze ich Kagami-chii eigentlich nicht ein. Sie machte auf mich nicht den Eindruck, sich leicht und schnell beeinflussen, oder beeindrucken zu lassen.«
»Tut sie auch eigentlich nicht«, pflichtete Aomine seinen ehemaligen Teamkollegen bei.
»Habt ihr in letzter Zeit irgendwie ... Streit gehabt. Oder ist etwas vorgefallen?«, fragte Kise um die Situation seines Freundes besser analysieren zu können.
»Streit nicht und vorgefallen ist soweit auch nichts. Es ist halt zurzeit so komisch zwischen uns. Diese permanenten Erwartungen die in der Luft schweben ist eigenartig«, sagte Aomine ehrlich und trank nun auch von seiner Cola.
»Erwartungen?«, fragte Kise und sprach dabei eigentlich mehr zu sich.
»Ja. Ich hab das komische Gefühl das sie auf etwas wartet. Sie hat zurzeit diesen seltsamen Blick. Du weißt schon. Den Blick den Mädchen normal bekommen, wenn sie wissen das Weihnachten vor der Tür steht.«
»Hast du ihren Geburtstag vergessen?«, riet Kise ins Blaue.
»Ich denke nicht. Soviel ich weiß hat sie irgendwann in Sommer.«
Ungläubig entglitt Kise die Mimik und er ließ den Strohhalm in sein Glas fallen.
Mit einem geradezu vorwurfsvollen Blick begann er langsam den Kopf zu schütteln.
»Du hast keine Ahnung wann sie Geburtstag hat?«, entfuhr es den Small Forward schrill.
Ein wenig setzte sich die Verlegenheit auf Aomines Ohren und er sah beschämt in sein Glas.
»Nein, nicht wirklich«, sagte er schließlich geständig. »Aber ich glaube nicht das es das ist. Satsuki hätte definitiv rechtzeitig Alarm geschlagen.«
»Stimmt«, sagte der Blonde und nickte zustimmend. »Das lässt die Liste an Möglichkeiten aber leider nicht schrumpfen.«
»Du bist doch nicht eine so große Hilfe wie ich dachte«, brummte Aomine enttäuscht.
»Wenn du so unsicher bist mach es kurz und schmerzlos«, sagte der blonde Small Forward geradezu gelangweilt, als hätte er diesen Vorschlag eigentlich von den Blauhaarigen selbst erwartet. »Pack sie dir. Zack und weg.«
Vom Gespräch ihrer Tante motiviert und gestärkt, machte sich der Rotschopf am nächsten Tag, nach ihren Clubaktivitäten auf die suche nach den Hünen. Ihre Tante hatte Recht. Sie kam sich vor als würde sie etwas Verbotenes verheimlichen und dieses Gefühl wollte sie ihm absolut nicht vermitteln. Also blieb ihr nur, es mit ihm zu besprechen. Übermotiviert und voller Tatendrang öffnete sie die Tür.
Wie zum Ölgötzen erstarrt stand sie da und hielt noch immer die Türklinke in der Hand.
Sie sah auf einen nackten Oberkörper, dessen dunkle Haut sich straff über die definierte Muskulatur spannte. Und in dem Augenblick in dem sich die Person umdrehte, realisierte sie das dieser muskulöse Rücken, definitiv nicht zu Aomine gehörte.
Wie in Schockstarre tat sie nichts weiter als ihn weiter anzustarren. Erst als er den Rotschopf direkt ansprach, drang wie von weit her seine Stimme zu ihr durch und holte ihr kleines Ich aus seinem Tagtraum.
Erst jetzt rutschte das Handtuch von seinen nassen Haaren und sie sah das sein Haar nicht blau sondern schwarz war. Wie konnte ihr das nur passieren? Eine derartige Verwechslung.
»Kann ich dir helfen?«, fragte Miura erstaunlich ruhig und gelassen in Anbetracht dessen das sie ihn noch immer ungeniert anstierte und sich nicht zu rühren schien.
Wie aus dem Schlaf gerissen, zuckte sie kurz kaum merklich zusammen und versuchte irgendwo anders hinzuschauen, was nicht einfach war. In Punkto Körperbau stand der Golfer dem Basketball-Ass nämlich in nichts nach.
»Ich ... ähm, ich suche jemanden«, erklärte sie wahrheitsgemäß.
»Und dieser jemand soll hier sein?«
»Ja, aber ...«, sie atmete tief durch und versuchte sich zu konzentrieren. »Das war wohl eine Verwechslung.«
Ein wenig Belustigung zeigte sich in seinem Gesicht, als er sich nach seinem T-Shirt bückte und es sich anzog.
»Hier scheint ja wirklich ein Zwilling sein Unwesen zu treiben.«
»Ha! Da wären wir ja schon zwei«, entfuhr es ihr. Sie musste irgendwie diese Bilder aus ihren Kopf bekommen.
»Zwei?«
»Zwillinge«, ungeschickt zeigte sie auf sich. »Ich meine, ich habe wirklich einen Zwillingsbr- ... ach lassen wir das«, unterbrach sie sich selbst, als sie merkte das es langsam lächerlich wurde und sie sich blamierte.
Leicht drehte sie sich von ihm weg und war im Begriff aus dem Raum wieder hinaus zu gehen.
Oh mein Gott! Was war das denn gerade? Hat es eine höhere Macht auf mich abgesehen?, schoss es ihr verlegen durch den Kopf und sie konnte einfach nicht anders als an das eben gesehene zu denken.
Plötzlich spürte sie die Präsenz des anderen Jungen dicht hinter sich und erschrak leicht als sie sich zu ihm herumgedreht hatte. Miura stand für ihr Nervenkleid ein klein wenig zu nahe bei ihr.
»Dürfte ich wohl vorbei?«, fragte er höfflich und zeigte an ihr vorbei.
Perplex und peinlich berührt nickte sie und trat zur Seite. Er bedankte sich noch und war dann auch schon verschwunden.
Noch dringlicher als zuvor suchte sie nun den Power Forward und fand ihn schließlich im Geräteraum der Turnhalle. Aomine war gerade im Begriff den Basketball wegzuräumen mit den er bist eben trainiert hatte, als er die Stimme der Fotografin hinter sich vernahm.
»Hier steckst du also«, sie klang fast ein wenig erleichtert und atemlos, was ihn fragend die Stirn runzeln ließ.
»Was ist los?«, fragte er.
»Zieh dich aus«, entfuhr es ihr überstürzt.
Völlig perplex stierte er den Rotschopf an und wusste nicht ob es vielleicht eine Finte von ihr war, oder ob er nicht doch jemand anderen vor sich hatte.
Etwas verunsichert und skeptisch lächelte er und schüttelte leicht den Kopf.
»Alles in Ordnung mit dir, Kagami?«
»Jetzt mach schon!«, drängte sie und griff sich den Saum seines T-Shirts. Da packte er sich überrumpelt von ihrer Aktion ihre Handgelenke und hielt sie fest.
»Wow, Moment mal Hexe. Was ist los?«
»Jetzt zier dich nicht so.«
»Normalerweise hätte ich ja keine Einwände, aber so aus heiteren Himmel und auch noch im Geräteraum? Hast du in letzter Zeit Vorlieben entwickelt von denen ich nichts weiß?«
»Lass mich los und runter mit den Fetzen.«
Nun war es komplett um ihn geschehen und seine Mimik entglitt den Blauhaarigen vollends.
Fiel sie doch wahrlich buchstäblich über ihn her. Und zog ungeduldig an seinem T-Shirt, bis sie plötzlich inne hielt und das T-Shirt nur etwas hochgezogen hatte.
»Mist, falscher Winkel«, nuschelte sie und schritt um ihn herum um seinen Rücken zu begutachten.
»Kagami?«, entfuhr es Aomine ein wenig genervt.
»Halt still, bleib genauso stehen«, sagte sie und schob sein Shirt hoch zu seinen Schultern. Da war der Zeitpunkt erreicht, an dem es ihn an Geduld mangelte und er drehte sich ihr wieder ganz zu, während er sich sein T-Shirt richtete.
»Sagst du mir wohl jetzt was los ist?«
Sie schien ganz gewaltig mit sich zu hadern und hin und her zu überlegen ob sie es ihn sagen sollte.
Dabei suchte sie nur nach einem kleinen Anhaltspunkt um solche Situationen wie vorher mit Miura zu vermeiden.
»Ich habe ..., ich bin ...«, stammelte sie und ihr schoss augenblicklich eine ungesunder Röte ins Gesicht. »Hast du vielleicht irgendwelche Muttermale, die ich noch nicht kenne?«
»Wie bitte?«, entfuhr es ihm in einem Ton der astrein das ausgesparte: "Du -willst-mich-wohl-verarschen" untermalte.
»Ich frage ja nur.«
Da riss sein Geduldsfaden endgültig und er zog sich das Shirt aus.
Wie ein hypnotisiertes Kaninchen starte sie nun den Power Forward an, der ihr einen erwartungsvollen Blick zu warf, der leider auch sehr genervt wirkte.
Ihr kleines Ich hatte just in diesen Moment einen Herzinfarkt erlitten, der mit der Begleiterscheinung eines zu 100 Prozent tödlich ausgehenden Nasenbluten einherging und lag nun wie tot auf den Boden und verblutete armselig, aber mit einem seligen Lächeln auf den Lippen.
Die Röte die ihr in den Kopf geschossen war, hatte sich nun hartnäckig festgesetzt und aus irgendeinem Grund bekam sie fast Schnappatmung.
»Oh mein Gott, zieh dich bitte wieder an«, bat sie atemlos und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht.
»Du musst mich nicht Gott nennen«, scherzte er trocken und schüttelte kurz sein T-Shirt aus. »Aber mal ernsthaft. Was sollte das?«
Da sie sich leicht von ihm abgewandt hatte, drehte sie ihm nur den Kopf entgegen und atmete tief durch.
»Ich dreh hier durch«, antwortete sie ehrlich und schüttelte den Kopf als wolle sie etwas aus ihrem Gedächtnis verbannen. »Das muss aufhören, ganz schnell.«
Fragend legte Aomine den Kopf schief nachdem er sich sein T-Shirt wieder angezogen hatte und wartete wohl auf eine genauere Aufklärung der Situation.
»Ich kann das nicht mehr«, entfuhr es ihr geradezu hektisch und sie plapperte wild etwas von "Ende" und "keine Kräfte mehr", vor sich hin. Fast schon bekam der Power Forward das Gefühl sie wolle etwas ganz bestimmtes damit sagen.
Vorsichtig unterbrach er sie in ihrer Panik und hob beschwichtigend die Hände.
»Ganz langsam. Wenn ich dich richtig verstehe, hast du vor mit mir Schluss zu machen, oder wie soll ich dein Geplapper interpretieren?«, sagte er und blickte sie ernst an. Da erstarrte sie und hielt augenblicklich inne. Mit offenem Mund stierte sie ihm entgegen und schüttelte langsam den Kopf.
»Ich muss dir etwas sagen. Denn wenn ich es nicht tue, platze ich womöglich.«
»Die Sauerei muss anschließend irgendwer weg machen. Also erzähl mir lieber was los ist«, entgegnete er frech und auch ungeduldig.
»Wie fang ich nur an?«
»Mit dem Anfang selbst?«, schlug er nüchtern vor und versuchte mit den unangebrachten Witzen seine Ungeduld zu überspielen.
»Ich habe mich mit diesem Austauschsportler getroffen«, spie Kagami-chan gerade zu heraus. »Und das nicht nur einmal.«
Als würde ein unsichtbares Gewicht über ihnen schweben, wurde die Luft mit einem mal Bleischwer und auch der Geräteraum schien immer kleiner und beengender zu werden. Eine Weile sagte keiner von beiden etwas, sie sahen sich nur schweigend an. Und sein Schweigen war für sie unerträglich, da sie auch nicht aus seiner Miene lesen konnte, was in ihm vorging. Er sah sie nur weiter stumm an, während sein ernster Blick sie durchdrang.
Dann nickte er mit dem Kopf und steckte die Hände in die Hosentaschen, während er ein langen Seufzer ausstieß.
»Ich weiß.«
Völlig verdutzt sah der Rotschopf zu ihm auf und wusste nicht was sie mit dieser Erkenntnis anfangen sollte.
»Du weißt es?«, hauchte sie beinahe und ihr schlechtes Gewissen erreichte nun einen nicht mehr zu übertreffenden Wert.
»Ja, sogar schon eine ganze Weile«, gestand er.
»Das ...«, sie unterbrach sich um ihre Rechtfertigung anders zu beginnen. »Ich schwöre dir, da war nichts.«
»Das weiß ich auch«, entgegnet Aomine ernst und bedachte sie mit einen Blick der ihr keine Vorwürfe zu machen schien.
»Aber, woher?«, wollte sie wissen.
»Kaiou hat mir gesagt das sie dich dazu gedrängt hätte dich mit diesen Typen zu treffen. Und ich bin nicht blind. Du hast in letzter Zeit ziemlich viel Zeit in den Club investiert um dem irgendwie aus dem Wege zu gehen, beziehungsweise, es schnell hinter dich zu bringen.«
»Du hast es gesehen?«, entfuhr es ihr überrascht und erneut schlich sich eine Röte in ihr Gesicht.
»Bei der Ähnlichkeit die dieser Kerl mit mir hat, kann ich deine Reaktion irgendwie nachvollziehen«, sagte er etwas piesackend und verschränkte nun seine Arme hinter seinem Kopf während er sich von ihr wegdrehte. »Aber es ist schon auffallend gewesen wie du in seiner Gegenwart reagiert hast.«
»Wie reagiere ich denn?«, fragte sie etwas patzig.
»So wie immer. Mit reichlich Abstand und Unbeholfenheit.«
»Das tat weh. Aber um dich zu trösten. Deine Reaktion auf die Aufforderung einer Frau war auch ... schwach«, grinste sie hinterhältig. Bei der Äußerung drehte er sich zu ihr herum und ließ die Arme sinken.
»Wie bitte?«
»Überforderung sieht genauso aus«, setzte der Rotschopf gehässig nach und zeigte auf Aomine, der das alles andere als amüsant fand.
»Wenn du angestürmt kommst und mir ohne Vorwarnung die Klamotten vom Leib reist, ist das eben erstmal ziemlich verstörend«, gestand er.
»Warum?«
»Weil es von dir ausging.«
Da hielt sie kurz inne und nickte einsichtig.
»Belassen wir es bei einem Unentschieden«, sagte sie beide Hände abwehrend hebend und schritt an ihm vorbei.
Er selbst seufzte nur kopfschüttelnd auf und folgte ihr.
»Ausnahmsweise.«
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Alter Ego
Fanfiction[Fortsetzung zu "Camera Obscura"] Nachdem sich mehr oder weniger der heimtückische "Alltag" bei Aomine und Haruka eingeschlichen hat, kommt es für die beiden sonst so verbal-schlagfertigen Streitsuchtis richtig dicke. Denn ganz unerwartet scheint si...
