16. Kapitel (Lesenacht, Amaris)

118 17 88
                                        

Kritisch stehe ich am oberen Ende der Treppe und knabbere kaue unsicher auf meiner Oberlippe herum. Ich starre nun schon seit geschlagenen zehn Minuten hier herum und warte darauf, dass mich irgendein Wunder aus dieser ganzen Misere rettet. Ich bin zwar nicht gläubig, aber wer weiß, vielleicht erhört mich dennoch jemand. Möglich wäre es ja... Allerdings scheine ich heute Pech zu haben, denn natürlich rettet mich keiner!

Okay, tief durchatmen, Ari. Alles wird gut! Das wird super. Sicherlich... Du gehst da nun hinunter, bekommst ein kostenloses Frühstück und verabschiedest dich dann freundlich. Es ist doch ganz einfach! Aber warum stehe ich dann immer noch hier herum, als wäre ich fest gewachsen? Und warum sind meine Hände so schwitzig, sodass ich aktuell nicht mal etwas halten könnte?!

Nachdem Thorin aus dem Zimmer verschwunden ist, habe ich mich wenig später auch dazu überwinden können, das Bett zu verlassen. Kurzfristig habe ich mit dem Gedanken gespielt einfach durchs Fenster zu verschwinden, aber bei meinem Geschick wäre ich hochkant auf die Nase geflogen und wie hätte ich das meinem ehemaligen besten Freund und seiner Familie erklären sollen, ohne dass ich es auf die Top Ten meiner peinlichsten Momente hätte hinzufügen müssen? Nein, danke!

Diese Liste ist sowieso schon viel zu lang und da ich nicht vorhabe in den nächsten Jahren das Zeitliche zu segnen, muss ich diese Momente nicht mutwillig erzwingen. Darauf konnte ich wirklich gut verzichten, weswegen ich mich letzten Endes dazu entscheiden habe, mich kurz im Bad frisch zu machen und mich dann umzuziehen.

Dieses Kleid mag sich wunderbar für eine Party eignen, aber es ist definitiv nicht alltagstauglich! Nun stehe ich hier also in einem kurzen schwarzen Rock, einer cremefarbenen Bluse, und einer blickdichten Strumpfhose. Also eines muss ich Thorins Cousine lassen: Geschmack hat sie! Aber zurück zum Eigentlichem...

Langsam gehe ich die Treppe hinunter. Die Wände links und rechts neben mir sind hölzern und in einem sanften gelb gestrichen, sodass sie mich an einen angenehmen Frühlingsmorgen erinnern. Zudem wird sie durch mehrere Bilder geziert, die Thorins ganze Kindheit widerzuspiegeln scheinen.

Auf ein paar von diesen bin sogar ich zu erkennen und ich weiß nicht wieso, aber irgendwie treibt mir der Anblick Tränen in die Augen. Es wirkt alles so lange her.. Gerade eines trifft mich besonders...

Die Erinnerung daran ist bereits fünfzehn Jahre alt und dennoch habe ich gerade jetzt das Gefühl, als wäre es erst gestern gewesen: Man sieht uns beide auf dem Spielplatz, wie wir lächelnd auf dem Klettergerüst sitzen, mit Eis verschmierten Mündern und einem riesen Lächeln im Gesicht. Ich weise zu diesem Zeitpunkt sogar eine riesen Zahnlücke auf, da ich kurz vorher heftigst gegen eine Sofakante geflogen war.

Ja, mein unglaubliches Talent hat mich auch damals schon begleitet und war immer in den ungünstigsten Momenten sofort zur Stelle. Zu diesem Zeitpunkt aber waren wir noch so sorglos und woher hätte ich ahnen sollen, dass sich dies Jahre später so ändern würde?

Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen und wenn ich an den Verrat von Thorin, den nichts anderes war es für mich, denke, so ist da immer noch ein bitterer Beigeschmack auf meiner Zunge. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er und ich in der vorherigen Nacht wild miteinander herumgeknutscht haben.

Aber ich kann hier nicht noch länger stehen und Vergangenem hinterher trauern! Außerdem werde ich erwartet. So atme ich einmal tief durch, um das Gefühlschaos in mir zum Schweigen zu bringen und setze weiter einen Fuß vor den anderen.

Irgendwo in den Tiefen meiner Selbst versuche ich mein Selbstbewusstsein wieder zusammenzukratzen, was mir mehr schlecht als recht gelingt. Allerdings bekomme ich gar keine weiteren Chancen mir noch länger den Kopf über meine aktuelle Situation zu zerbrechen, denn ich habe das Ende der Treppe gerade erreicht, als eine Frau, die sich in der der Mitte der Vierziger ihres Lebens befindet, mit einem gewaltigen Lächeln auf mich zu kommt:

WolfsmondGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt