Zwanzig

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Kennt ihr das Gefühl was euch einnimmt, wenn ihr von einem Traum erwacht, in dem ihr gestorben seid? So fühlt es sich an, wenn man sich selbst verliert.

Während mein Blick durch die getönte Fensterscheibe glitt, spürte ich nichts. Rein gar nichts, was mich noch am Leben halten könnte und doch war ich noch hier. Dass ich mir immer gewünscht hatte aus den Fängen meines Vaters zu entkommen, schien mir in diesem Moment nicht mehr wie ein Traum. Es scheint, als hätte ich es geschafft und wäre dabei in die nächsten Arme gelaufen, die mein Leben noch schlimmer verändern werden.

Dass sich deshalb meine Freude in Grenzen hielt, aus diesem verdammten SUV auszusteigen und meine zukünftige Familie kennenzulernen, war für mich nichts neues. Dennoch wischte ich erneut mit meinem Ärmel über mein Gesicht, um die letzten Reste meiner Tränen wegzuwischen. Anschließend setzte ich meine Kapuze ab und strich mir durch mein wirres Haar. Dass die Fahrt länger ging als gedacht, zeigte mir wie weit weg ich ab sofort von meinem alten Leben entfernt sein werde.

 
Doch auch das konnte mich nicht aus der Reihe bringen, weil ich mir geschworen hatte stark zu werden. Meine Gefühle haben keine Priorität, für mein neues Ich.

 
Wir fuhren dem schwarzen BMW M5 hinauf auf dem Vorhof, der uns vorerst hinterhergefahren war. Sobald wir hielten, glitt mein Blick geradeswegs auf den BMW. Wie ich es erwartet hatte, stieg Enrico elegant aus dem Auto und richtete dann seinen Blazer, den er sich vorher wohl angezogen hatte. Ich blieb sitzen und ignorierte dabei den stechenden Blick von Marco, der bereits seit einigen Sekunden auf mir lag.

>> du liebst ihn. <<, stellte er fest. Trotz seiner dämlichen Anmerkung ließ ich mein Blick nicht von ihm abwenden. Denn mit einem Mal wurde das ungute Gefühl, dass gleich etwas passierte, immer schlimmer.

 
Enrico sah sich um. In seinem Gesicht erkannte ich nichts, doch ich wusste, dass auch er ein ungutes Gefühl hatte. Nur eine winzige Veränderung, erschien auf seinem Blazer, was mich die Augen zusammenkneifen ließ. Er blieb still, während sein Blick auf den kleinen Roten Punkt flog.
Mein Gehirn schaltete sich ein und dann griff ich nach dem Türgriff. Heftig rüttelte ich an ihm, doch nichts geschah. >> Scheiße, mach die blöde Tür auf. <<, schrie ich aufgebracht.

 
>> was ist los? <<, fragte Marco alarmiert. Ich ignorierte ihn und sah abwechselnd zu dem Türgriff, an dem ich hektisch rüttelte und zu Enrico der schluckend die Augen schloss. >> öffne sofort die Tür <<, befahl Marco seinem Fahrer. Sobald das Klicken ertönte, riss ich die Tür auf und rannte los.

 
>> Enrico <<, schrie ich. Er blickte hoch zu mir, sodass sich unsere Augen in Rekordzeit fanden. Einerseits erleichternd, anderseits ängstlich suchte ich nach dem roten Punkt, der sich gerade noch an seiner linken Brust befand. Während ich ins Straucheln kam, hörte ich die laute Stimme von Marco.

 
>> PAPA <<, schrie er. Mit einem Mal schlangen sich kräftige Arme um mich und drückten mich heftig zu Boden. Erschrocken klammerte ich mich an die Person und spürte dann den harten Boden unter meinem Körper. Schüsse ertönten, die meinen Körper zum Beben brachten. Auch wenn sich ein schwerer Körper auf mich befand, hatte ich Angst zu sterben. Umso mehr Schüsse ertönte, umso heftiger kniff ich meine Augen zusammen. Erst als das Schussgewirr aufhörte und der Körper über mir, sich zu bewegen anfing, öffnete ich langsam meine Augen.

>> Enrico, schnell wir müssen ins Haus <<, ertönte die besorgte Stimme von Marco. Nickend ließ er seinen Blick über mein Gesicht wandern. >> komm <<, erwiderte er durcheinander und half mir dann hoch. Mit schmerzenden Gelenken und dröhnenden Kopf, liefen wir in das riesige Anwesen. Sobald die Tür geschlossen wurde und Enrico meine Hand losließ, brach ich zusammen. Mein Unterleib zog sich schmerzhaft zusammen, sodass ich kurzzeitig keine Luft bekam. Mit Tränen in den Augen, umgriff ich meinen Bauch und hoffte sehnlichst, durch Atemübungen den Schmerz auszuhalten.

 
>> ruf sofort einen Arzt <<, hörte ich Marco auffordern. Dann spürte ich warme Hände um meinen Körper. Weitere, aber dafür zarte Hände strichen meine Haare aus dem Gesicht. In diesem Moment wusste ich, dass etwas Gewaltiges nicht stimmte. Mein Körper hatte es mir die letzten Stunden vergeblich versucht zu zeigen, indem sich ein unwohles Gefühl in mir breit gemacht hatte. Ich wusste nur eins, sollte ich das hier ganz allein überleben, machte es keinen Sinn mehr für mich, weiter auf dieser Welt zu bleiben. 

Ich verlor den Kampf gegen die Müdigkeit und verlor mich selbst und eventuell auch etwas viel Kleineres in mir.  


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Endlich mal etwas Spannung, gefällt es euch?


U.C_Shawty

DeepLoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt