Sie lief wie immer im großen und leerstehenden Haus herum. Ohne Ziel und ohne Orientierung, schaute sie sich die grauen, dunklen und abgekommenen Wände des Hauses an. Ihr Blick wanderte nach oben und sie erblickte die obere Decke. Dann schaute sie sich im Kreis um sich herum um. Die hohen Absätze ihrer blassen Schuhe waren laut und deutlich als Echo, in den hohen Decken des Hauses, zuhören. Das Haus war seit längerem nicht mehr bewohnt gewesen. Eher das Gegenteil. Schon lange war dieses Haus verlassen gewesen. Aber Hitoushi konnte sich nicht mehr daran erinnern, seit wann. Sie beugte ihren Kopf nach vorne, schaute auf ihren dünnen Körper hinunter. Über ihrem Gesicht war immer noch der weiße lange Schleier rüber geworfen. Langsam führte sie ihre rechte Hand auf ihren Hinterkopf. Ihr Haar war noch immer hochgesteckt gewesen. Ein paar violette Strähnen haben sich von ihrer festen Frisur gelöst, aber so dramatisch war es auch wieder nicht gewesen. Fand sie. Aber was sie nie besonders leiden konnte, waren die vielen Spangen und Nadeln, die in ihr Haar gedrückt worden waren. Sie waren lästig in ihrem Haar und sie fühlten sich schmerzhaft an. Aber sie trug die unzähligen spitzen Nadeln dennoch in ihrem Haar. Denn sie gefielen Tenya sehr. Das hat er ihr einmal gesagt, wenn sie sich noch recht erinnern konnte. Deswegen trug sie diese schmerzhaften Spitzen Nadeln in ihrem Haar. Tenya's Leuchten in seinen Augen. Das war das Schönste, dass sie je gesehen hatte. Und an diesem einzigen und besonderen Tag... ihr Hochzeitstag, um genauer zu sein, da... wollte sie ihn mit dieser besonderen Kleinigkeit überraschen. Denn wenn es Tenya so gut gefällt, wieso sollte sie ihm diesen Gefallen nicht tun? Er selbst sagte ihr, dass sie wunderschön damit aussehen würde. Dass er sich so etwas an ihr gut vorstellen konnte. Nur dieser Gedanke daran, wie er es zu ihr gesagt hatte, dass machte sie froh und brachte ihr kleines Herz wild zum Klopfen. Ihre Wangen glühten schon fast vor Wärme.
Ihr Hochzeitskleid war lang, es reichte ihr bis zum Boden. Ihre Brust war vollkommen zugeschnürt und Luft bekam sie nur schwer. Der Stoff des Kleides verschlang förmlich ihren dünnen und schmalen Körper. Sie ging darin fast vollkommen verloren. Ihre Arme waren zur Schau gestellt worden. Sie hat sich eigentlich nie um ihre Ärmel gekümmert. Wie sie aussahen oder ob sie komplett fehlten. Das Einzige, was sie störte, war die Kälte, in diesem leeren und stillstehenden Haus. Dieses Haus war schon abgekommen und war länger nicht mehr bewohnbar gewesen. Die Wände gingen ein, fielen schon fast zusammen. Sie waren staubig und verloren ihren Glanz, die kräftige weiße Farbe verfiel in grau. Alle Fensterscheiben wurden zerschmettert und die Glasscheiben lagen zerstreut umher. Im Inneren des Hauses und im Garten. Und die Atmosphäre. Kein Mensch lebte mehr hier. Abgeschottet lag das Haus, umzingeln von Bäumen, Büschen und Moss, Efeu und schwarzen Dornen. Mitten in einem Wald. Vergessen, zurückgelassen und leer. Und doch war Hitoushi hier. Mit ihrem nun grauen Brautkleid, welches die unschuldige Farbe von Weiß mittlerweile verloren hatte. Sie hielt ihren langen Rock mit beiden Händen fest, jedoch passte sie auf, dass sie es nicht zerknitterte, denn das war das letzte, was sie jetzt brauchte. Die Schleppe zog sich wie von selbst allein hinter ihr her. Sie fühlte den zerrissenen Stoff des Kleides unter ihren Nägeln, auf ihrer Hand. Ihre Nägel waren lackiert gewesen, jedoch in einem unsichtbaren, schon zu einem hellen Ton. Ihr Kleid fühlte sich nicht mehr wie neu an. Es war stattdessen klebrig und matt gewesen. Dieses Kleid konnte sie nicht mehr zu ihrer Hochzeit tragen. Das wusste sie. Sie ging weiter, durch die lange, hallende Halle. Ihre Absätze klopften auf dem Boden. Wieder ertönte ein Echo. Aber sie machte sich nicht viel daraus. Stattdessen trug sie den Rock ihres Kleides weiterhin in beiden Händen und ging durch den breiten Flur. Dieses Haus hatten sie und Tenya für paar Tage für ihre Hochzeit gemietet. Um ehrlich zu sein, hat Tenya sie eigentlich mit dieser Umgebung überrascht. Hitoushi hatte sich eigentlich schon immer etwas Kleineres gewünscht. Wenn andere Mädchen, aus ihrer alten Schule, in den Pausen über ihre Hochzeiten sprachen, stellten sie sich eine große Feier vor. Mit Feuerwerk, mit lauter Musik und tanzen, bis die Füße wund und rot wurden. Dadurch, wie die anderen Mädchen sich verträumt ihren besonderen Tag vorstellten, hat sie sich immer unwohl gefühlt. Für sie sollte ihr Hochzeitstag nicht großes sein. Ihr gefiel das private mit wenigen Gästen. Mit wenig Aufwand und Getümmel. Kein Partysaal mit lauter Musik, sondern nur in einem kleinen Kreis mit schlichter Musik. Natürlich war der Gedanke etwas anders, als von den anderen Mädchen aus ihrer Klasse und dieser Gedanke klang auch sehr langweilig, im Gegensatz zu den größeren Partys, der anderen. Aber Hitoushi fand, dass dies ihr reichen würde. Nur sie... eine kleine Kirche im nirgendwo, mit Tenya, an ihrer Seite. Oh, Tenya. Die Liebe ihres Lebens. Wie hat sie ihn nochmal gefunden? Oder war es er gewesen, der sie gefunden hatte? Sie wusste nicht, wer zuerst kam. Was sie aber wusste war, dass er der einzige Mann in ihrem Leben war und jemals sein wird. Denn außer ihn gab es niemand anderen, der so viel Interesse an ihr gezeigt hatte, wie er es ständig tat. Er fragte sie immer über alles ab. Er fragte sie immer vor der Schulstunde, wie es ihr ging. Ob er ihr bei den Hausaufgaben helfen könnte. Sogar wenn die Klausuren anstanden, wendete er sich als erstes immer zu ihr und fragte sie, ob sie alles verstanden hatte oder ob er ihr helfen könnte. Er war immer so hilfsbereit gewesen. So offen und so freundlich. Wie hätte sie sich nicht in diesen blauhaarigen, vieräugigen Klassensprecher verlieben können? Er sah sie immer so nett an. Mit diesem Lächeln, den er jedem gab. Aber bei ihr löste es etwas ganz besonders in ihr aus. Es brachte ihr Herz zum Schlagen. Es brachte ihre Gedanken aus dem Verstand. Es lässt sie diese leichten Gefühle spüren, die man nur bekommt, wenn man hilflos in eine Person verliebt hat. Und wie süß seine weichen Haare zur Seite gelegt waren und sie keine andere Wahl hatte, als sie zu berühren. Und wie immer er seine Augen verschloss, sobald sie ihn berührte. Als würde er ihr ohne Widerworte und voller Vertrauen alles glauben, egal was sie sagen würde. Denn er hatte volles Vertrauen in ihr. Als würde er immer wissen, dass sie die Wahrheit sagt. Wenn man schon so einen naiven und gutgläubigen Mann gefunden hat, der nur Gutes in einem sehen kann, wie hätte sie sich dann nicht in ihn verlieben können? Es war unausweichlich gewesen... Wie hat sie jemanden so gutes und wundervolles, wie Tenya es ist, je verdient? Er war... das komplette Gegenteil von ihr gewesen. Sie sah gruselig aus, mit ihren violetten und langen Haaren, die ihr in allen Richtungen standen. Und ihre Hautfarbe sah so blass aus, als wäre sie gestorben und jetzt als Leiche unterwegs. Von ihren Augenringen brauchte sie nicht anzufangen. Sie waren tief, dunkelblau grenzend zu schwarz und ihre Adern waren auf übertriebener Weise stark zusehen. Sie war das komplette Gegenteil von den Mädchen an ihrer Schule gewesen. Deswegen hat sich Hitoushi sich nie besonders um ihr Aussehen gekümmert, denn kein anderer tat es. Man hat sie ständig ignoriert oder komplett übersehen und Tenya... er sah eine Schönheit in ihr, die sie sich selbst nie erklären konnte. Er liebte ihr Gesicht von der kleinen Nasenspitze angefangen, bis zu ihren schwarz lackierten Fingernägeln. Er sah so viel in ihr und küsste sie an den Stellen, die sie selbst nie ausstehen konnte. Zum Beispiel mochte sie ihre dünnen Finger nicht. Sie bestanden fast komplett nur aus sehr dünner Haut und der Rest war nur spitze Knochen. Wäre ihre Haut noch blasser gewesen, sehe sie wahrscheinlich wie ein Skelett aus, den man an Halloween vor den Türen anbrachte, um sie nur für diesen einzigen Tag zu schmücken. Hitoushi schwebte schon so tief in ihren Gedanken, dass sie es gar nicht bemerkt hatte, dass sie gar nicht mehr in der Nähe des Hauses war. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie kreuzte ihre beiden Arme vor ihrer schmalen Brust, um sich durch schnelle Reibungen warmzuhalten. Sie zitterte etwas wegen der kalten Luft. Durch den Wind flog ihr Kleid etwas herum und flatterte ein wenig. Der Wind drohte an, schlimmer zu werden. Hitoushi blickte nach oben und sah die Wolken, die sich langsam näherten und dichter wurden. Sie färbten sich grau und der Himmel wurde dunkler. Wenn sie jetzt keinen Unterschlupf findet, dann würde es brenzlig werden. Sie schaute um sich herum und ging mit schnellen Schritten, so weit wie ihre dünnen Beine sie nur tragen konnte, zu der Kirche, welches ganz dicht neben dem Haus war. Sie trat über das knackende Holz und über dem nassen Gras hinweg. Sprang über matschige Pfützen und quetschte sich durch die hohen Gebüsche hinweg. Sie lief direkt zur Tür der Kirche und klopfte ein Mal. Niemand antworte, deswegen lud sie sich selbst hinein. Sie öffnete die hölzerne Tür und trat hinein. Schloss die Tür hinter sich ab, sobald sie endlich im Inneren der Kirche stand und in Sicherheit war. Als Hitoushi sich umdrehte, lehnte sie ihren Rücken gegen die Tür und schaute sich in der Kirche um. Sie war zuerst beeindruckt gewesen, jedoch auch etwas enttäuscht. Auch die Kirche war mittlerweile abgekommen und nicht mehr die neuste gewesen, wie das Haus nebenan. Hitoushi staunte nicht schlecht, als sie in die Mitte der Kirche trat. Es ging noch höher als die Decke im Haus nebenan. Also war das Echo hier viel lauter und hielt länger an als im Haus nebenan. Sie wendete ihren Blick zurück auf die Wände der Kirche. Die Kirche war zerbrochen. Sie war nicht länger in ihrem eigentlichen Glanz. Und das zerbrach ihr Herz. Die Kirche sah einst so schön aus und jetzt... war nur Trümmer zurückgeblieben. Es war schade gewesen. Es war schlimm und zugleich war es ziemlich traurig, sie in diesem Zustand mitanzusehen zu müssen. Hitoushi lief umher, bis sie im vorderen Teil der Kirche angekommen war. Dort machte sie sich auf dem Weg zur ersten Reihe. Dort wo die hölzernen Sitze zu finden waren. Sie warf den Rock ihres weißen Kleides ein wenig zur Seite, damit sie sich Platz schaffen konnte, um sich durch die Reihen durchzuquetschen, um sich schließlich auf die Bank hinsetzen zu konnte. Der Sitz war kalt, einsam und verlassen. Sie schaute sich um. Die Fenster waren auch eingeschlagen gewesen und die Kälte drang in die Kirche hinein. Geräusche erklangen, wie der Wind, der durch das Fenstern floss. Sie wendete ihren Kopf nach vorne und sah die Kapelle. Zerschlagen, zerstört. Nicht mehr zu reparieren. Hitoushi ließ ihren Kopf wieder senken und schaute runter auf ihren Schoß. Ihr Kleid wurde kaputter, je länger sie es ansah. Der untere Teil ihres Rocks war nun komplett zerfetzt gewesen und brachte ihre blassen Knöchel kräftig betont zum Vorschein. Sie fühlte, wie es ihr wieder kalt wurde. Sie spürte die Kälte, die sich eindrang. Sie spürte, wie einsam sie wirklich war. ,,Tenya... Wo bist du nur...?", dachte sie sich, als sie ihre Arme um ihre schmalen Schultern legte und anfing, sie zu reiben, bis ihr wieder warm wurde. Aber warm wurde es nicht. Ihr wird es nie wieder so warm werden. Ohne Tenya... fühlte sie sich nur wie ein verlorener Geist, welcher nie die letzte Ruhe finden wird. Hitoushi's Ohren spitzten sich, als sie Geräusche von außerhalb hörte. Sie schaute nach oben, vielleicht spielt das zerschmetterte Fenster wieder nur Streiche? Sie versuchte, noch besser hinzuhören. Rutschte an die Seite der Bank und hörte gebannt und leise zu.
