Auf nach Chinatown

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"Ich bin doch du. Also habe ich genauso geholfen!", stolz verschränkt der kleine Luke die Arme vor der Brust.
Auch mir huscht ein schmunzeln über die Lippen.
"Da kann man wohl kaum wiedersprechen.", stimmt der Professor dem jüngeren Lehrling zu und wir verließen das Kasino.

"Also, eh, Herr Triton... Wohin gehen wir als nächstes?", fragt der kleinere den größeren Luke.
"Luke, bitte. Du willst doch wohl nicht wirklich anfangen, mich 'Herr Triton' zu nennen?", entgegnet der Ältere.
"Ich finde es doch selbst merkwürdig. Aber ich weiß nicht, wie ich dich denn sonst ansprechen soll..."
"Ich sehe keinen Grund, warum ihr nicht beide 'Luke' zueinander sagen könnt.", sagt nun der Professor.
Auf das, was er danach noch sagte, konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, da das stechen in meinem Kopf immer schlimmer wurde.
"Cheryl, wo bleibst du denn?", höre ich den kleinen Luke fragen, aber nur, weil er direkt vor mir steht und am Saum meiner Jeans-Weste zieht.
"Tut mir leid. Ich war in Gedanken versunken.", lächele ich entschuldigend und gehe mit dem kleinen Luke, dem Professor und dem großen Luke hinterher.
"Wo geht es eigentlich hin?", frage ich den kleineren Luke leise.
"In das Restaurant in den Akarden.", antwortet Luke.
Ich nicke.
Nach einiger Zeit tauschen der große Luke und der kleine Luke die Plätze und der Ältere läuft nun neben mir.

"Du, Luke... ich würde dich gern etwas fragen.", sagt der kleine Luke als wir die Akarden erreichen.
"Was möchtest du denn wissen?", fragt der Ältere.
"Mit einer Zeitmaschine könnte man doch zu jedem Moment in der Zeit reisen, oder?", stellt der kleine Luke seine Frage.
Ich erstarre.

"Tut mir leid, Professor. Sie starb bei der Explosion."
Der breitschultrige Mann hatte den Professor gebeten, mit ihm aus meinem Krankenzimmer zu gehen, damit er sich mit ihm unterhalten konnte.
Ich hatte die Tür einen Spalt geöffnet, weil ich neugierig war.
Für einen Moment hingen die Arme schlaff an des Professors Schultern, doch er straffte seine Schultern schnell wieder.
"Ja..."
Irgendetwas stimmt mit dem Professor nicht.
"Wodurch ist die Explosion ausgelöst worden?"
"Claire arbeitete mit zwei anderen Wissenschaftlern an einer Zeitmaschine. Ein Fehler in der Konstruktion jener Zeitmaschine löste die Explosion aus. Im Gegensatz zu ihr haben ihre Collegen überlebt. Aber ich habe da noch eine andere, sehr interessante Neuigkeit für Sie."
"Worum geht es?", fragt der Professor den Inspektor.
"Um das Mädchen, um welches Sie sich in Zukunft kümmern wollen."

Mir wird übel und obendrein ist mir schwindelig. Ich setze mich auf den Bürgersteig, meine Beine ziehe ich an meinen Oberkörper. Ich schlinge meine Arme um die Beine.
Mein Blick verharrt im Nichts. Ich starre vor mich hin und versuche die Übelkeit und das Schwindelgefühl loszuwerden.
Was ist denn nur los mit mir?
"Cheryl, du bist schon wieder so blass!", der kleine Luke hat sich vor mich hingehockt und sieht mich besorgt an.
"Ich fühle mich gerade auch nicht besonders wohl..."
Mir war klar, das ich die Drei nur behindere, aber ich konnte mich einfach nicht zusammenreißen.
"Geht doch schonmal vor, ja?", sage ich zum Professor, "Unser Ziel ist doch das Restaurant in den Akarden, nicht wahr? Ich bleibe noch kurz hier sitzen und komme dann nach, in Ordnung?"
Der Professor sah aus, als hätte er was dagegen einzuwenden, auf keinen Fall wollte er mich allein hierlassen.
"Ich bin kein kleines Kind mehr. Das Restaurant finde ich auch alleine.", lächele ich zuversichtlich.
Der Professor seuftzt und fasst sich an die Hutkrempe, um den Zylinder wieder zu richten, "Na schön. Wenn es dir aber nicht besser gehen sollte, begibst du dich bitte in das Hotel. Es ist gleich dort hinten in der Straße.", stimmt er zu und deutet Richtung Westen.
Ich nicke und die Drei gehen in die Akarden.

Bald kamen der Professor und der kleine Luke zurück.
Wo war denn der Ältere Luke?
Ich stehe langsam auf und laufe den beiden entgegen.
"Wo habt ihr denn den älteren Luke gelassen?", frage ich und sehe von dem Professor zu unserem Luke.
"Er sagte, er muss noch einige Vorbereitungen treffen.", erklärt Luke.
"Wir machen uns jetzt auf den Weg nach Chinatown. Dort ist das Versteck der Ganoven: der Pagodenturm.", sagt der Professor und mustert mich kurz, "Fühlst du dich dazu in der Lage, uns zu begleiten?"
"Ja Professor, es geht mir schon wieder besser.", lächele ich und wir gehen los.
Wieder in die Flatstone Street? Wenn wir hier weiter geradeaus gehen würden, würden wir doch wieder beim Kasino sein. Verwundert runzele ich die Stirn.
Plötzlich rennt der Professor los, die Straße entlang und bleibt vor einer Seitengasse stehen.
》Was hat er nur?《, noch mehr verwirrt folge ich unserem Luke, der dem Professor hinterhergerannt war.
"Professor, war das nicht dieselbe Dame, der wir vorhin schon einmal begegnet sind?", fragt Luke.
》Was für eine Dame?《
"In der Tat, so scheint es...", murmelt der Professor.
"Sie wirken total abwesend, Professor. Stimmt was nicht?", frage ich.
Die Reise in die Zukunft schien ihm genauso übel mitzuspielen wie mir.
Ich warte auf eine Antwort vom Professor, doch sie blieb aus.
"Professor?", frage ich nach.
"Wie? Ach, ja. Nein, Cheryl, es ist alles in Ordnung."
"Wenn Sie das sagen..."

"Oh, hier ist die Treppe, von der Shipley gesprochen hat!", Luke rennt auf besagte Treppe zu.
"Wer ist Shipley?", ich gehe dem Jungen mit der blauen Botenmütze nach.
"Shipley ist der Briefträger, der uns den Brief des älteren Luke gegeben hat.", erzählt Luke.
Ich höre, wie der Professor etwas sagt und sehe mir über die Schulter, doch der Professor schien noch immer in einer anderen Welt zu sein.
Oder in einer anderen Zeit.

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_Sylfaen_

Zerbrochene ErinnerungenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt