London wird zerstört

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"Aber... Cheryl..."
"Mir wird nichts passieren, das verspreche ich Ihnen, Professor."

Gehorsam gehe ich vor dem Mann die Treppe nach oben, hoch zum Observationsdeck.
Wir wollten doch sowieso hierher.
Warum sollte Clive mich dann im Vorraus hierher eskortieren lassen?
"Schön, dich gesund und munter hier zu sehen, Cheryl. Ich hatte schon befürchtet, der Professor hätte dich nicht mitgenommen.", Clive lächelt, als wäre dies hier eine normale Situation, "Zum Glück bist du hier."
Clive steht vor unzähligen Monitoren, Schaltern und Knöpfen, wahrscheinlich hat er uns über die Monitore beobachten können.
"Was stehst du denn wie angewurzelt dort herum? Komm her.", fordert Clive mich auf.
Wenn ich etwas bewirken will, muss ich sein Spiel vorerst mitspielen.
Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen bis ich direkt vor Clive stehe.
Sollte ich ihn umarmen, weil er mein Bruder ist, den ich vergessen und wiedergefunden hatte?
Oder sollte ich ihm sagen, dass dies hier purer Wahnsinn ist und er damit aufhören soll?
Innerlich fühle ich mich hin- und hergerissen.
Clive nimmt mir die Entscheidung ab, denn er schließt mich in seine Arme.
Ein vertrautes Gefühl.
Für diese Situation vielleicht zu vertraut, aber ich konnte nicht gegen dieses Gefühl von Geborgenheit ankämpfen.
Unwillkürlich fängt mein Körper an zu beben und ein leiser Schluchzer entweicht mir, gefolgt von Tränen.
"Sshh, keine Sorge. Ich bin für dich da. Ich werde auf dich aufpassen und dich beschützen.", beruhigend streichelt mein Bruder mir über den Kopf.
So vertraut...
Er hatte mich oft so getröstet, als wir noch Kinder waren.
"Ich dachte damals, ich hätte dich für immer verloren. Aber ich war glücklich, als ich bei unserem ersten Treffen im Kasino sehen konnte, wie groß und stark du geworden bist.", erzählt er weiter, mir noch immer über den Kopf streichelnd.
"Es... es tut mir leid...", schluchze ich kleinlaut.
"Was denn?", fragt er mit sanfter Stimme, die angesichts seines Plans nicht recht ins Bild zu passen schien.
"Ich... Ich hatte alles vergessen... Dich... Mutter und Vater... und-"
"Das war damals vielleicht auch ganz gut.", unterbricht er mich.
Ich sehe ihm in die Augen.
Er lächelt nur und schiebt mich sanft hinter sich.
Einen Augenblick später stehen Luke, Flora und der Professor vor uns.

"Welch außerordentliche Ehre, Sie hier zu sehen, werter Professor.", begrüßt Clive seine Besucher.
Der Professor geht nicht wirklich auf diese Begrüßung ein, sondern kommt gleich zum Punkt, "Du wirst mit deinem irrsinnigen Vorhaben nicht durchkommen! Wir haben von Bills und Dimitris Taten erfahren. Sie werden ihre gerechte Strafe erhalten! Du wolltest Genugtuung, oder? Reicht dir das etwa nicht?"
So ernst wie jetzt, habe ich den Professor noch nie erlebt.
"Wie optimistisch von Ihnen.", ein Hauch Sarkasmus liegt in Clives Stimme, "Aber ohne einen echten Denkzettel werden sich diese Dummköpfe von Politikern niemals ändern!"
"Das ist Wahnsinn, Clive!", versucht der Professor ihn umzustimmen.
Er sagte Clive das, was ich nicht geschafft hatte ihm zu sagen.
"Als Reporter habe ich viele Tragödien selbst miterlebt. Und unser Leben", Clive nickt kurz in meine Richtung, "ist nicht das Einzige, das für den sogenannten Fortschritt zerstört wurde! Wer an der Macht ist, der sieht Menschen nur als Hindernisse auf dem Weg in eine bessere Zukunft! Wer Gewalt ausübt, der versteht auch nur Gewalt!"
Ich konnte nicht glauben was er da sagte. In gewisser Weise treffen einige Punkte in diesem Moment auf ihn selbst zu.

"Professor! Flora, Luke!", ich starre auf den Boden, welcher um die drei weggesunken ist.
"Eine prekäre Lage, nicht wahr, Professor? Wie wollen Sie diesmal den Kopf aus der Schlinge ziehen?"
"Clive, bitte!" flehend umfasse ich seinen Arm, doch Clive legt seine Hand nur auf meine.

"Was..." Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich einen Moment später an einem der großen Fenster stehe und hinaus sehe.
Hinaus... in das pure Chaos.
Der Stahlkoloss war nun an die Oberfläche, ins echte London, gedrungen und zerstörte es.
Kalte Schauer laufen meinen Rücken hinab. Clive steuert das Monstrum von hier aus.
"Schaut es euch gut an. Denn ihr seht London zum letzten Mal.", höre ich meinen älteren Bruder sagen und sehe ihn über die Schulter an.
"... Clive...?", frage ich, als ich mich wieder der Zerstörung außerhalb der laufenden Waffe zugewandt habe.
"Einen Moment. Ich bin gleich bei dir."
Ich sehe ihn wieder an, er grinst triumphierend auf den Monitor.
Mit wem spricht er da?
Angesichts seines Grinsens würde ich sagen, dass er mit dem Professor spricht.
"So, das wäre erledigt.", höre ich Clive sagen, "Sei bitte vorsichtig, Cheryl. Ich möchte nicht das du hinausfällst."
Clive steht neben mir am Fenster und sieht ebenfalls nach draussen.
Auf seinen Lippen liegt allerdings ein zufriedenes Lächeln.
"Also, was wolltest du fragen?"
"Warum... zerstörst du London...?"
"Ich verpasse diesen überheblichen Politikern, welche für den Fortschritt über Leichen gehen, einen Denkanstoß.", antwortet er ruhig.
"Und das funktioniert nicht auf eine andere Art und Weise...?"
"Nein, diese hier ist die einzige Möglichkeit. Sonst lernen sie einfach nichts daraus.", er sieht mich sanft lächelnd an, "Du bist jetzt noch zu jung um das zu verstehen. Aber in ein paar Jahren wirst du es begreifen."
》Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich das überhaupt begreifen will...《
Mit leicht gerunzelter Stirn sehe ich nach draussen.
Mein Herz rast immer schneller und mir wird bei dem Anblick etwas übel.
Ich wende mich von dem Fenster ab und gehe durch den Raum.
Neben der Steuereinrichtung bleibe ich stehen und sehe diese an.
Ich muss sie ein wenig zu eindringlich angestarrt haben, denn Clive kommt zu mir und fragt: "Möchtest du auch mal ans Steuer? Ich zeige dir, wie es geht."
Ich schüttele mit dem Kopf.
Eine so monströse, zerstörerische Festung wollte ich nicht lenken.
Schmunzelnd tätschelt Clive mir den Kopf und legt seine Hände gekonnt an die Schalterknäufe und schiebt sie vor und zurück.
Ich blieb einfach neben ihm stehen.
Wenn ich ihn außer Gefecht setzen würde, könnte ich die Maschine nicht steuern; was ich ohnehin nicht vorhatte.
Aber ich konnte ihm einfach nicht wehtun... leider selbst in diesem Moment nicht.
"Hast du Angst?", fragt Clive und sieht mich von der Seite an.
Ich nicke, denn ich konnte nicht abstreiten, dass mir das alles hier Angst macht.
Mit einer leichten Handbewegung deutet er mir zu ihm zu kommen.
Behutsam legt er einen Arm um mich, "Du musst keine Angst haben. Ich bin bei dir."

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_Sylfaen_

Zerbrochene ErinnerungenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt