Als ich am nächsten Morgen aufwache ist alles anders. Ich habe die ganze Zeit Angst, dass ich gestern nur geträumt habe. Mir wird schlecht bei dem Gedanken. Ich laufe zum Frühstück, je näher ich komme, desto nervöser werde ich. Wird er da sein? Habe ich doch nur geträumt? Ich komme an unserem Tisch an, Enttäuschung macht sich breit. Er ist nicht da. Ich probiere mir nichts anmerken zu lassen und knabbere an meinem Brötchen. Die Jungs sind alle still und müde. Bei Dogan und Enes will ich echt nicht wissen warum, oder besser gesagt von was. Ich bemerke, wie ein Stuhl neben mir zurück geschoben wird. Ich schaue auf und sehe in seine Augen. Ich beisse mir unbewusst auf meine Lippen, ich muss meine Nervosität undbedingt loswerden. Er grinst frech, als er bemerkt was für eine Wirkung er auf mich hat. "Guten Morgen Prinzessin" raunt er in mein Ohr. Scheisse Scheisse Scheisse. Das wars. Luisa ist tot. Mein armes Herz. Ich habe Angst gleich zu kollabieren, ich habe doch nicht geträumt, es ist alles real. Ich stammle ein Guten Morgen zurück und Versuche, mein erhitztes Gesicht zu verstecken. Und trotzdem grinse ich die ganze Zeit dumm vor mich hin. Als wir wieder im Tourbus sind, lege ich mich aufs Sofa und probiere zu schlafen. Das sind meine einzigen Pausen. Das Polster senkt sich, jemand hat sich neben mich gesetzt. Diesen Geruch erkenne ich überall. Sefer. "Was geht"fragt er mit seinem typischen Dauergrinsen. "Schlafen" Murmel ich in mein Kissen. Auf einmal spüre ich eine schwere Last auf mir. Dieser Idiot hat sich ernsthaft auf mich gelegt. "Sefer geh runter" lache ich. Er geht nah an mein Ohr. "Mir gefällt es aber auf dir" sagt er mit seinem frechen Grinsen. "Noch besser würde es mir allerdings gefallen, wenn du mit dem Rücken auf dem Sofa liegen würdest anstatt auf dem Bauch." Ich gebe nur ein müdes "ach ja warum denn?" Von mir. "Hmmmm"summt er in mein Ohr. "Weil ich dann dein hübsches Gesicht sehen könnte." Ich weiss nicht warum, aber ich fühle mich, als ob sich alles in mir dreht. Ich vergrabe meinen Kopf im Kissen und hoffe, dass der Herr so schnell wie möglich einen Abgang macht, mir ist das hier gerade alles zu intensiv. Aber Sefer denkt nicht daran. Ich fange an mich zu winden, und hin und her zu wälzen, damit er endlich runtergeht, das macht er dann zum Glück auch. "Weisst du noch unser erstes Treffen?" fragt er mich plötzlich lachend. "Das am Rheinufer?" Frage ich jetzt schmunzelnd. "Ja genau. Du warst so unfassbar schüchtern, dass du dich nicht Mal getraut hast, irgendetwas zu sagen oder zu machen. Du hast dich nichtmal richtig getraut zu atmen, du hast immer so ganz leise nach Luft geschnappt haha. Jetzt bist du voll der Tiger im Vergleich zu damals." "Tiger?" Frage ich nach. "Ja, du fährst sofort deine Krallen aus, wenn dir was nicht passt und bist bereit, alles und jeden in der Luft zu zerfetzen." Gibt er jetzt in einem belustigen Tonfall von sich. "Hm Zeiten ändern sich" sage ich teilnahmslos. Und dann kommt ein völlig anderer Sefer zum Vorschein, als den, den man sonst kennt. Er sieht mir lange forschend in die Augen und rückt näher. "Warum bist du so Luisa, wer hat dich so verletzt?" Will er von mir wissen. Doch ich kann nicht, ich kann und will ihm darauf nicht antworten. Ich drehe stur meinen Kopf weg. Die Spannung vergrößert sich konstant und irgendwann bleibt mir nur noch die Option Flucht. Es tut mir leid, Sefer einfach so sitzen zulassen, aber ich kann es einfach nicht. Ich will ihm nicht meine Geschichte erzählen und am Ende wieder als das Mädchen mit den vielen Problemen dastehen, auf das niemand Lust hat. Mal davon abgesehen, dass Sefer auch viel mit meiner Laune zutun hat. Ich bin verwirrt und als wir halten, stürme ich sofort aus dem Bus und laufe weg. Ich brauche diesen Spaziergang, aber wirklich helfen tut er mir nicht. Sefer ist jetzt bestimmt enttäuscht von mir und will nichts mehr mit mir zutun haben. Er hasst mich bestimmt. Ich gehe wieder zurück und weiche den Blicken der Jungs aus. "Wo warst du?" will Carvelo aufeinmal wissen. "Das geht dich ja wohl am wenigsten etwas an" zische ich ihm zu. "Und wie mich das was angeht, mein bester Freund schiebt wegen dir die ganze Zeit Paras und ist komplett am Arsch. Alles nur wegen dir." Seine Worte brennen sich in mein Gedächtnis ein. Ich bin Mal wieder für die Probleme von allen schuld. Ich verursache sie, ich bin ein Magnet für das Schlechte. Wortlos gehe ich in den Bus. Den ganzen Tag rede ich mit keinem, mit dem ich nicht unbedingt reden muss. Als der Auftritt der Jungs vorbei ist und wir zum Bus laufen, hält mich Sefer auf. "Was ist?" Frage ich matt. "Komm wir gehen jetzt eine Runde spazieren und du erzählst mir, was los ist." Ich kann ihm diesen Wunsch nicht abschlagen. Nach einer halben Stunde laufen wir immernoch schweigend nebeneinander her, bis Sefer mich auf eine Bank zieht. "Was ist los Prinzessin?" fragt er mich weich und voller Sorge. "Sefer mir geht es gerade einfach Scheisse. Ich bringe in jedes Leben nur Probleme." "Was redest du denn da? Das einzige was du in mein Leben bringst sind Verbesserungen." probiert er mich aufzubauen. "Sefer lass es, ich kiffe, ich habe oft Aussetzer, ich habe manchmal Suizidgedanken, mir geht es psychisch einfach richtig schlecht." Sprudelt es jetzt aus mir raus. "Das bekommen wir hin." Bringt Sefer nach einiger Zeit raus. "Nein Sefer nichts bekommen wir hin, ich kann nicht mehr, ich mache gerade dein ganzes Leben komplizierter und anstrengender." Heule ich jetzt. Er nimmt mich in den Arm und hält mich, hält mich so lange, bis ich nicht mehr die Kraft habe um zu weinen. Erst dann schiebt er mich leicht von sich, um mir in die Augen schauen zu können. "Ich habe meine Worte gestern ernst gemeint Luisa. Ich habe Gefühle für dich. Du bedeutest sehr viel für mich. Wir haben beide unsere Probleme, aber ich bin immer für dich da, um dir zu helfen. Egal wann, egal wo. Immer. Wir schaffen diesen Scheiss zusammen. Ich weiss, dass du in deiner Vergangenheit ein Einzelkämpfer warst, aber das musst du jetzt nicht mehr. Ich bin für dich da okay?". Ich nicke müde und er zieht meinen Kopf wieder auf seine Brust. So bleiben wir noch eine Weile und schauen uns den Vollmond an.
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Hoffnung
RomansaHoffnungen erweisen sich manchmal als bester Freund, manchmal als schlimmster Feind.
