Erinnerungen

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Die Tage vergehen, die Tour ist voll im Gange. Heute ist Stuttgart dran. Ich habe keine Lust auf diese Stadt. Je näher wir der Stadt kommen, desto gereizter werde ich. Ich rede den ganzen Tag nur wenig, bearbeite den angefallenen Papierkram. Wir checken ins Hotel ein, allerdings bekomme ich dieses Mal einen Zimmernachbar, so wie es aussieht. Wir sind gerade nur mit Enes, Dogan, Ahmet und Xalo in der Lobby, der Rest ist noch kurz einkaufen. "Ich kann mit dir in ein-" setzt Dogan an, doch die anderen unterbrechen ihn sofort. "Dogan oglum, wie oft denn noch? Es wird bald Stress geben mit Sefer, wenn du weiter so auf ihr draufhängst", ruft Ahmet sauer. "Jungs beruhigt euch, wir warten jetzt einfach auf die anderen und dann schauen wir wie wir's machen." Meint Xalo. Und da Xal der Älteste ist, hören wir alle auf ihn. Ich fühle mich ziemlich unwohl in meiner Haut. Das ist wie damals, wenn man in Sport als letzter gewählt wurde, oder man auf Klassenfahrt irgendeinem Zimmer zugeteilt wurde,weil keiner mit einem in ein Zimmer wollte.  Der Rest kommt in die Lobby, mit Wasserflaschen und zum Teil auch Alkohol. Xal schüttelt lachend den Kopf. "Leute wegen der Zimmereinteilung, es gibt nur 2er Zimmer, das geht perfekt auf, also wer geht mit wem?" Fragt Ahmet in die Runde. "Hä seit wann besprechen wir sowas?"fragt Carvelo lachend in die Runde. "Seit heute, weil jemand mit Luisa ins Zimmer gehen muss." Erwidert Enes. "Wow, jetzt fühle ich mich echt gehasst," Murmel ich, aber der Großteil hört es und fängt an zu lachen. Sefer schaut nachdenklich. "Ich kann mit ihr ins Zimmer", grinst unser DJ. Er heisst Bilal und fickt alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Er hat es schon oft bei mir versucht, und wird auch nicht davor zurückschrecken, es nochmal zu probieren. Sefers Augen verengen sich, und er spannt seinen Körper an. Ufffff ich sterbe. "Nein Bilal ich denke nicht", sagt er bemüht ruhig. Er wendet sich an Carvelo, fragt ihn etwas auf türkisch, Carvelo klopft ihm auf die Schulter. "Ich gehe mit ihr in ein Zimmer", sagt Sefer dann klar und deutlich. Er kommt zu mir und legt besitzergreifend einen Arm um mich. "Okay da wir das jetzt auch geklärt hätten, heute Abend gehen wir essen. Sefer immer schön Kondome benutzen und denkt bitte an uns, nicht zu laut sein", sagt Shoana nun komplett ernst. Sefer und ich sehen uns an und lachen gleichzeitig los. Wir lachen noch, bis wir auf dem Zimmer sind. Das Zimmer ist schön, aber nichts besonderes. Sefer wirft sich auf sein Bett und bleibt dort regungslos liegen. Ich lege mich auch auf mein Bett und schliesse meine Augen. "Luisa?", fragt Sefer mich aufeinmal. Ich gebe nur ein Hmmm von mir, ich habe gerade echt keinen Bock zu reden. "Lass nachher mal durch Stuttgart laufen, du kennst dich doch hier aus." Meint er. Ich gebe nur ein schroffes "nein" zurück. "Aber du hast doch hier irgendwo gelebt?" fragt er verwirrt. Er hat das Nein auf mein Auskennen bezogen. Ich weiss nicht, was in der nächsten Sekunde mit mir passiert, aber ich drehe völlig durch. "Verdammt Sefer, sei einfach leise. Du hast keine Ahnung von nichts, weder von mir, noch von dieser Drecksstadt. Nerv mich einfach nicht." Brülle ich ihn sauer an, während ich aufstehe. Er sieht mich erst verwirrt an, doch dann wird sein Blick dunkler und er spannt sich an. "Lak, wie redest du mit mir Mädchen?", fragt er laut. "Halt einfach deine Fresse", schleuderte ich ihm entgegen. Er kommt zu mir und schubst mich gegen die Wand. "Ich soll meine Fresse halten ja? Du sagst mir jetzt sofort, was dein Scheissproblem ist, oder wir beide haben gleich ein viel größeres." Ich versuche mich aus seinem Griff zu winden, es bringt nichts. Er packt mich fest am Kiefer und zwingt mich so, ihm in die Augen zusehen. Er ist so verdammt sauer, es wird von Sekunde zu Sekunde schlimmer. Er fängt an meinen Kiefer zu drücken, es tut weh. Doch ich bin stolz, halte den Schmerz aus, ich will ihm keine Schwäche zeigen. Ich provoziere ihn immer mehr, irgendwann ist er mir verdammt nahe. Mein Kiefer schmerzt höllisch, langsam bekomme ich Tränen in den Augen. Und dann halte ich diese ganze Scheisse nicht aus. Ich nehme meine Hand und lege sie über seine, die sich an meinem Kiefer befindet. Er soll endlich locker lassen. Doch er tut es nicht. Seine Augen sind fast schwarz und machen mir Angst. "Hör auf", sage ich mit zitternden Stimme. Doch er macht keine Anstalten, loszulassen. "Hör auf verdammte Scheisse, hör auf", schreie ich jetzt und endlich lässt er mich los. Ich schreie ihn weiter an und schubse ihn vor die Brust. In mir brennt es, ich kann meine Gefühle nicht mehr zu ordnen. Ich bin so sauer auf mich, dass ich ihn so dumm angemacht habe. Irgendwann wird es Sefer zu viel und er schubst mich aufs Bett. Ich winde mich hin und her, will aufstehen, doch er liegt über mir und hält mich an den Handgelenken fest. "Sag mir jetzt was dein Scheissproblem ist Mädchen, du bist doch sonst nicht so", lautet seine Forderung. Ich merke wie verletzlich meine Lage ist und atme schwer. Sefer bringt mich in Bedrängnis, ich bin verwirrt, habe Angst. Und dann passiert es schon wieder, ich fange an loszuheulen. "Es tut mir leid, ich wollte dich nicht so anschreien wirklich. Es ist Grade einfach alles nur so schwer für mich." Gestehe ich ihm. Er setzt sich auf und zieht mich mit hoch. "Was ist schwer für dich?", Will er wissen. "Erinnerungen", nuschel ich leise. Sefer weiss, dass ich viel Scheisse in meiner Vergangenheit erlebt habe, aber was genau weiss er nicht. "Bist du deswegen den ganzen Tag schon so genervt?", Fragt er jetzt. Ich nicke stumm und traue mich nicht Mal ihn anzuschauen. Er seufzt und nimmt mich dann in den Arm. Ich heule wieder und entschuldige mich bei ihm. "Hey Prinzessin, es ist nicht schlimm okay", murmelt er in meine Haare, "aber ich will sowas nicht mehr erleben. Ich weiss dir geht es psychisch gerade nicht sehr gut, aber bitte warn mich vor, wenn dir alles zuviel wird." Ich nicke einfach nur, ich bin komplett fertig. Ich atme zweimal tief durch und löse mich dann von ihm. Ich sage ihm, er soll mitkommen, was er auch Gottseidank ohne weiteres Nachfragen tut. Ich leihe mir den Autoschlüssen von Shoana und wir gehen in die Tiefgarage. Als wir im Auto sitzen, sieht Sefer mich lange an bis er mich fragt wohin wir gehen. "Du wolltest doch, dass ich dir Stuttgart zeige. Ich will dir was anderes zeigen", sage ich ruhig und beherrscht. "Was denn?", will er ahnungslos wissen. "Meine Erinnerungen Sefer".

HoffnungWo Geschichten leben. Entdecke jetzt