Kapitel 10

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Jährlich wechselten die Crews. Immer zwei Tage vor Schichtwechsel wurde die neue zwei-Mann-Crew geweckt, sodass sie sich vom Longsleep erholen konnten. Alles funktionierte einwandfrei, eine Art Schutzschild – eine spezielle Feuertechnologie – schützte das Raumschiff vor Asteroiden.

Wie geplant wurden Paddy und Owen geweckt. Sie schliefen sich erst einmal aus und nahmen dann die Arbeit auf. Wie geplant spritzten sie sich wöchentlich die Seren.

„Eigentlich könnten wir die ganze Reise wach bleiben und bleiben genauso, wie wir jetzt sind", meinte Paddy plötzlich.

„Willst du wirklich 107 Jahre in einer Stahlwelt leben und danach noch dein eigenes Leben? Wenn wir 90 Jahre alt werden, wären wir 213." Owen war sichtlich verwundet. „Wieso fragt sie das? Wir sind nach wie vor Kollegen, dabei liebe ich sie. Wie sollen wir das denn machen?"

„So alt ist noch niemand geworden", lachte Paddy nun und Owen stimmte darin ein.

Irgendwie knisterte die Luft, doch niemand traute sich, den ersten Schritt zu machen. Beide hatten Angst, dass der jeweils andere sie abweisen würde. Dennoch war Owen glücklich, dass sie Umarmungen zuließ. Auch Paddy freute sich über seine Geste, bei ihm fühlte sie sich geborgen.

Nach einem viertel Jahr hatte sich noch immer nichts zwischen Beiden verändert.

„Owen, wir müssen die neue Charge Seren öffnen, die Anderen sind alle bis auf eins verbraucht", rief Paddy besagtem zu, woraufhin sie den neuen Karton öffneten.

Owen spritzte sich das letzte der alten Charge, Paddy das der Neuen. Zwei Stunden später fühlte sie sich unheimlich schlecht, ihr Kreislauf spielte völlig verrückt.

„Ich weck einen Arzt", sagte Owen nun sehr bestimmend, nachdem Paddy ihn davon eine Weile abgehalten hatte, doch es ging ihr immer schlechter.

Sie lag im Bett, Owen blieb bei ihr. Mal war ihr heiß, dann wieder unheimlich kalt. Zeitweise sah Paddy schwarze Punkte vor ihren Augen tanzen.

„Alles wird gut", versprach Owen und versuchte so optimistisch zu klingen, wie es ihm nur möglich war.

Nach einer Stunde war der Arzt, Hermann, endlich im Stande, sich um Paddy zu kümmern. Er schloss sie an zahlreiche Maschinen an, doch plötzlich verschlechterte sich ihr Zustand akut. Die Geräte schlugen Alarm, Paddy schloss die Augen und fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit.

„Was genau habt ihr gemacht?", fragte der Arzt Owen, der wie gelähmt am Bett stand.

„Alles war normal, sie hat sich das Serum aus einer neuen Charge spritzen müssen", antwortete dieser.

„Wir müssen wissen, wie sich das zu den Anderen unterscheidet, irgendetwas stimmt damit nicht. Wecke die leitende Chemikerin", wies er Owen an, während er Paddy intubierte.

Widerwillig verließ Owen den Raum, um vom Kontrollraum aus Lara und ein kleines Team zu wecken. Während sich die Meisten erst einmal erholten, wollte Lara sofort wissen, was los wäre. Sie wusste schließlich, dass Paddy zusammen mit Owen Dienst schob. Dieser erläuterte ihr die Situation, woraufhin sie leichenblass wurde.

„Ich geh sofort ins Labor. Das ist meine Schuld!", schrie sie fast.

Während Lara im kleinen Labor verschwand, ging Owen zurück zu Paddy. Als er dort ankam, stockte ihm der Atem, Paddy wurde gerade reanimiert.

„Warum habe ich ihr nicht gesagt, wie sehr ich sie liebe? Warum liege ich nicht dort?", fragte sich Owen. Ihm traten Tränen in die Augen, die Sturzbächen über den Wangen bildeten. Noch nie im Leben hatte er so geweint. Nach einer gefühlten Ewigkeiten zeigte das EKG wieder einen langsamen Herzschlag an.

Flüchtlinge der ErdeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt