„Das Kabel ziehen eben hat einen Zugriff bewirkt, wenn der auch klein war. Die Stromkabel sind komisch miteinander gekoppelt. Ich sehe noch eine Chance, wir kappen ein Stromkabel."
Erschrocken sah Paddy mit ihren verweinten Augen zu ihm hoch. „Du weißt, wie Dani und Robi beim Reparaturversuch geendet sind, oder?"
„Ja, aber es ist unsere einzige Chance."
Nachdenklich nickte Paddy, sie wusste, dass er Recht hatte. Außerdem war es ihre Pflicht, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um das Leben der Million Passagiere zu retten.
„Du gehst hoch in den Kontrollraum, ich hol mir Werkzeug und mach das hier." Seine Tonlage war bestimmend, er duldete keine Widerrede.
„Bitte sei vorsichtig. Ich kann auf dem Schiff nicht leben ohne dich", bat Paddy ihn flehend. Sie hatte wahnsinnige Angst um ihn. „So muss er sich gefühlt haben, als ich auf der Intensivstation lag", dachte sie.
Owen lächelte sie sanft an. „Jetzt geh schon, ich schaff das hier."
Widerwillig verließ sie den Raum. Auch Owen war es bei den Gedanken nicht wohl zu Mute, ein Stromkabel zu zerstören ohne vorher den Strom abstellen zu können. Vorsichtig ging er zu Werke, ein Fehler und sein Leben wäre beendet. Um die Zange wickelte er dick ein Gummi, in der Hoffnung, dass das ein Stromleiten verhindern würde. Seine Hand begann zu zittern, als er sich dem Kabel nährte. Er wollte Paddy nicht alleine lassen, aber wenn er es nicht probieren würde, würde niemand überleben. Selbst wenn er es nicht schaffen würde, würde seine Kleine überleben mitsamt der restlichen Passagiere. Kurz schloss er seine Augen, atmete tief ein, öffnete sie wieder und schnitt das Kabel durch. Er spürte ein leichtes Kribbeln im Arm, aber das war kein Stromschlag. Erleichtert zog er seine Hand zurück, legte die Zange hin und nahm sein Funkgerät.
„Paddy, es ist durch."
„Gott sei Dank, du lebst", waren ihre ersten Worte. Das Warten war ihr schrecklich schwer gefallen, Sekunden waren zu Minuten und Minuten zu Stunden geworden. Es war ihr noch einmal bewusst geworden, wie sehr sie ihn liebte. Ein Warnlaut ertönte aus dem Kontrollcomputer. „Es hat geklappt, bin Berechtigte im Notfallmodus", rief sie nun überglücklich.
Kurz darauf betrat auch Owen den Raum. Eifrig programmierte Paddy den Kurs um, fügte zusätzliche Vektoren ein, um mehr Abstand zu dem roten Zwerg zu bekommen. Sie spürte erst gar nicht die beruhigende Hand auf ihrer Schulter. Anschließend schaffte sie es nach mehreren Anläufen die Überschreibung des Systems rückgängig zu machen. Für sämtliche Zugriffe – egal welcher Art – hinterlegte sie einen zusätzlichen Sperrcode, diesmal eine Buchstaben- und Zahlenkombination. Dieser wurde auch für den Zutritt in den Maschinenraum hinterlegt. Außerdem sollten dorthin nur Paddy und Owen Zutritt haben – ja Paddy programmierte auch Owens ID hierfür. 23 Jahre und 170 Tage nach dem Start hatten sie damit endlich die Kollision mit dem roten Zwerg verhindern können.
„Du bist die Heldin des Alls", Owens Anerkennung war unüberhörbar.
„Nein, du. Du hättest der Kapitän sein müssen. Ich hatte bereits aufgegeben", entgegnete Paddy dem überraschten Owen. Ganz langsam beruhigte sich ihr Herz, während Owen sie in eine Umarmung zog.
„Wir müssen dieselbe Reparatur durchführen wie beim letzten Mal."
„Pass auf dich auf", bat sie ihn, als er sich in Bewegung setzte.
Exakt wiederholten sie den Reparaturablauf, es traten keine Probleme mehr auf – zumindest nicht am Schiff. Sie verbrachten eine weitere Stunde im Kontrollraum, als es plötzlich in Paddy Herz stach.
„Was hast du?", fragte Owen sofort besorgt, als sie sich ans Herz faste und ihr Blick die Schmerzen verriet.
„Herzstechen, Herzrasen. Sicher vom Adrenalin", versuchte sie ihn zu beruhigen. Sie wollte auf gar keinen Fall wieder irgendeine Aufregung haben, auch keinen überbesorgten Owen. Zu ihrem Glück hob er sie lediglich auf ihren Schoß. Mit dem Kopf an seiner Brust spürte sie dessen Puls und Atmung. Langsam nahm auch ihr Herzrasen wieder ab, dankbar lächelte sie ihn an.
„Das gefällt mir gar nicht", meinte Owen.
Paddy dachte zuerst, es wäre etwas nicht mit dem Raumschiff in Ordnung, doch dann begriff sie, dass er sie meint. „Bitte mach kein Drama draus", bat sie ihn mit flehenden Augen.
Diesen Augen konnte er schlecht etwas abschlagen. Doch Sorgen machte Owen sich trotzdem. Seit er Paddy kannte, machte er sich immer wieder Sorgen um sie. Irgendwie gefiel es ihm aber auch, sich um seine Kleine kümmern zu können, eben dass Paddy nicht die Starke spielte. Eine Weile saß sie noch bei ihm auf dem Schoß, dann wollte sie die minimalste Entfernung zum Raumschiff ausrechnen. Trotz der neu eingegebenen Vektoren würden sie bedrohlich nahe am roten Zwerg vorbei fliegen. Keiner der Beiden wusste, ob das Raumschiff einer derart hohen Wärmebelastung stand halten könnte, sie hofften es einfach. Genauso hofften die Beiden, dass der Unbekannte, der für all die Vorfälle an Bord verantwortlich war, sich keinen Zugang mehr verschaffen könnte. Zu zweit hatten die Beiden keine Chance denjenigen zu finden, daher versuchten sie es erst gar nicht mehr.
Die nächsten Tage verliefen ruhig, einzig Paddys Herz machte ihr ein paar Mal Probleme. Doch immer, wenn Owen sie in den Arm nahm, ging es ihr besser. Nur ihre schrecklichen Alpträume wollten einfach nicht besser werden.
„Micha schlägt mich zum dritten Mal, dann zwingt er mich, mit ihm Sex zu haben. Er vergewaltigt mich, immer und immer wieder. Die Schmerzen sind langsam unerträglich. Ich bin wie in Trance. Plötzlich spüre ich nichts mehr. Oder doch, zwei Arme heben mich hoch und legen mich in ein weiches Bett. Als ich meine Augen öffne, sehe ich Owen, dann eine weitere Person. Sie ist rot vor Wut im Gesicht, hält eine Eisenstange fest, die sie anhebt. Micha will Owen erschlagen. Ich möchte ihn warnen, aber es ist zu spät." Paddy wacht aus ihrem qualvollen Traum mit einem Schrei auf.
Auch Owen schreckt nun hoch, sieht Paddy im Bett sitzen, schwer atmend. „Was ist los?", fragt er sie. Er wusste nicht, ob sie wieder geträumt hatte oder ihr Herz verrückt spielte.
„Ich hab geträumt,.... geträumt wie er dich erschlägt!" Schlurzer unterbrachen ihre verzweifelte Stimme.
„Ich lebe, ich sitze neben dir und halte dich fest. Es wird mich hier niemand erschlagen." Owens Stimme klang sanft und ruhig, er konnte nicht ahnen, dass auch er noch um sein Leben auf diesem Schiff kämpfen sollte. Paddy lehnte indes ihren Kopf gegen seine Schulter.
„Willst du drüber sprechen?", fragte Owen nun leise.
„Er... er hat mich geschlagen, ver... vergewaltigt, immer wieder. Ich durfte nichts mehr, noch nicht mal essen. Ich träum immer davon, dann rettest du mich, aber er bringt dich dann um", stotterte Paddy nun. Es fühlte sich besser an, als sie es ausgesprochen hatte.
„Er liegt jetzt in der Kammer und wird dir noch mir etwas antun können. Ich pass auf dich auf", versprach er ihr. Owen übte einen kleinen Druck auf seine linke Hand aus, die er um Paddy Schulter gelegt hatte. Sie reagierte auf die Geste und beide legten sich wieder hin. Owens linke Schulter diente als Kopfkissen, während er mit seiner linken Hand ihre Wangen streichelte.
Bitter stellte Paddy fest: „Die Seren können uns immer Leben lassen, aber nicht die schlechten Ereignisse aus dem Hirn löschen."
„Aber sie werden verblassen", meinte Owen, der in der Situation leicht überfordert war.
„Was machen wir, wenn der rote Zwerg das Raumschiff zerstört? Dann wäre alles umsonst gewesen."
Owen zog seinen Arm unter Paddy heraus und stützte sich auf diesen. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand zwang er sie, ihn anzusehen. „Wir sind weit genug weg, der Zwerg kann das Raumschiff nicht zerstören. Ich habe mir gestern noch einmal die Eigenschaften der Legierung angesehen. Ich weiß, du hast mehr Ahnung von Chemie als ich, aber in Physik bin ich auch nicht schlecht. Laut den Daten – und die stimmen, stammen schließlich von meinem Vater – wird das Raumschiff der Wärmebelastung etc. standhalten."
Ein Lächeln huschte über Paddys Gesicht, sie vertraute Owen und seiner Berechnung.
„Wo ist denn dein Lachen geblieben? Ich liebe dein Lachen", meinte er nun und begann sie überall zu kitzeln.
Paddy wand sich, entkam jedoch der Folter nicht. Das Kitzeln löste tatsächlich ein herzliches Lachen aus, sodass sie nach einiger Zeit endlich erlöst wurde. „So gefällst du mir besser", stellte Owen zufrieden fest.
DU LIEST GERADE
Flüchtlinge der Erde
Science FictionDas Klima wird immer extremer auf der Erde, sodass die NASA nach einem neuen erdähnlichen Planeten sucht. Dieser ist mit Kepler-422b schnell gefunden; die Entwicklung des Raumschiffes mit allen technischen Funktionen dauert hingegen mehrere Jahrzehn...
