Etwa in der Mitte der Stadt der Steinraben gab es eine große Plattform, die als Festplatz diente. Sie reichte einmal um eine alte Eiche. Einmal hatte ich es mir zum Spaß gemacht, immer so zu laufen, dass die Eiche stets zwischen meiner Mutter und mir war. Ich konnte hören, wie sie meinen Namen rief, aber sie sah mich nicht, obgleich wir keine 20 Meter auseinander waren.
Diese Spiel spielte ich heute nicht. Auf dem Festplatz versammelten sich einige der wichtigsten Steinraben von Lavuco, zusammen mit Sommerraben aus dem Süden und den letzten Winterraben.
Sie waren die letzten ihrer Art, das schärfte meine Mutter mir immer wieder ein. Ich wusste, dass diese Feierlichkeit wichtig für sie und die anderen Winterraben war, und dass mein Vater unsere Gäste nur ihr zuliebe eingeladen hatte.
Wenn er sich damals nicht ausgerechnet in meine Mutter verliebt hätte, wären ihm die Belange der letzten Winterraben wohl ziemlich egal.
„Noira!", rief ein Mann mittleren Alters aus und drückte meine Mutter zur Begrüßung an sich. Sein Haar war schon von grauen Strähnen durchzogen, aber seine klaren, blauen Augen verrieten ihn.
„Schön, dich wiederzusehen, Belek", entgegnete meine Mutter und schenkte dem Mann ihr strahlendes Lächeln. „Raven, komm her und begrüße meinen alten Freund."
Widerwillig trat ich näher, bis meine Schulter den weichen Stoff des dunkelblauen Kleids meiner Mutter berührte, und nickte dem Mann höflich zu.
Belek musterte mich unverhohlen. „Er sieht aus wie wir", stellte er fest, und ich konnte den Hauch von Bewunderung in seiner Stimme nicht verstehen.
Es war nichts bewundernswertes an meinem Aussehen.
„Er hat viel von meinem Bruder, findest du nicht?" Versonnen strich meine Mutter sanft durch mein Haar.
Belek nickte zunächst, dann lachte er auf. „Na hoffentlich ist er nicht genauso abenteuerlustig wie Shareén!"
Auch meine Mutter lachte, aber es war ein freudloses, trauriges Lachen. Ob sie ihren Bruder vermisste? Ich drehte meinen Kopf, um einen Blick auf sie zu erhaschen, aber es war gar nicht so einfach, ihre Emotionen aus ihrem Gesicht herauszulesen.
Ich sah, wie sie schwer schlucken musste, dann fragte sie Belek auch schon: „Wie ist es dir ergangen?"
„Nach dem Massaker?", hakte er nach und zuckte mit den Schultern. „Ein Teil von mir wünscht sich heute noch, im Wald bei ihnen gewesen zu sein. Stattdessen war ich beim König in Glacies und versuchte, einen neuen Frieden zu verhandeln. Ich war so töricht."
Als er Glacies erwähnte, horchte ich auf. Die Stadt befand sich im Schneetal, der Heimat meiner Mutter. Der Heimat aller Winterraben, bis zum grausamen Massaker, welches nahezu alle ihrer Art ausgelöscht hatte. Nur einige wenige hatten überlebt. Und eben jene Überlebende hatte mein Vater heute eingeladen, um ihnen zu gedenken.
„Ich kann dich verstehen", sagte meine Mutter leise. „Mir geht es ähnlich. Ich habe damals nur einen Freund der Familie in Lavuco besuchen wollen, doch dann konnte ich nie wieder zurückkehren, weil es nichts mehr gab, wohin ich hätte zurückkehren können."
Schockiert blickte ich wieder zu ihr hoch und stellte fest, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Verzweiflung in ihrem Blick sah. Und Schmerz.
Einen Moment lang schwelgten beide in ihren Erinnerungen, und ich stand zwischen ihnen, nicht wissend, was ich sagen oder tun sollte. Dann brach Belek das Schweigen mit den Worten: „Hast du gewusst, dass König Vasaris und Königin Wanna versucht hatten, mit den Vogellasins in Kontakt zu kommen?"
König Vasaris und Königin Wanna waren vor einigen Jahren spurlos verschwunden, so viel wusste ich. Interessieren tat es mich allerdings nicht. Warum auch. Die Belange der anderen Lasins hatten nichts mit denen der Vogellasins zu tun.
„Ich habe davon gehört, es aber lange Zeit für ein Gerücht gehalten", antwortete meine Mutter.
Plötzlich drehte sich jemand zu ihnen um, ein junger Mann, der irgendwie schmierig aussah. Er grinste, doch es erreichte seine Augen nicht. Meine Mutter bedachte ihn mit einem skeptischen Blick.
„Verzeihung", sagte er selbstsicher, „ich habe zufällig ihr Gespräch mit angehört und wollte die Situation nutzen, um mich einzuklinken, und möchte Ihnen sogleich widersprechen, Noira. Es war kein Gerücht. Mein Vater höchstselbst war bei einigen Krisengesprächen dabei, die das letzte Königspaar mit dem einen oder anderen Vogellasin abgehalten hat."
„So?", gab meine Mutter mit einem feindseligen Unterton von sich. „Und Ihr Vater war ..?"
„Oh, Verzeihung!", säuselte der Fremde und machte einen höflichen Knicks. „Mein Vater war Adario, letzter Schatzmeister des Königspaares von Sempera."
„Eulen", brummte Belek und rollte mit den Augen. Mit bitterem Unterton fügte er hinzu: „Ich hoffe, dir ist bewusst, dass dies hier ein fest zum Gedenken der letzten Winterraben ist."
Der Fremde nickte. „Natürlich! Bürgermeister Ashamo hat mich höchstselbst eingeladen. Ich bin auch einer der Letzten. Nicht der letzten Winterraben, gewiss nicht; aber viele Schneeeulen waren Anhänger des Königspaares, und ich muss Euch hoffentlich nicht berichten, was Aurora mit Lasins gemacht hat, die nicht bedingungslos hinter ihr stehen."
Jetzt klang auch der Fremde feindselig.
Plötzlich legte er seinen Blick auf mich. Unwillkürlich zuckte ich zusammen. „Ein Misces wie Euer Sohn, Noira, ist etwas Besonderes", sagte er kalt, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Warum seid Ihr die Einzige, die sich von den Überlebenden dazu entschieden hat, ein Kind zu gebären?"
Doch eine Antwort wartete er nicht ab. Er machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte davon.
„Komischer Kauz", brummte Belek verdrossen.
Ich blickte dem Fremden solange hinterher, bis er in der Masse verloren ging. Er kannte mich gar nicht, und doch hatte er jenes Wort zu mir gesagt, welches ich von allen existierenden Wörtern am meisten verabscheute. Misces. Als würde mich das definieren. Als wäre ich weniger wert, bloß weil meine Eltern unterschiedlicher Art waren.
Aber hatte er nicht gesagt, dass es etwas Besonderes war?
Ich schüttelte meinen Kopf. Nein, das musste er anders gemeint haben. Die anderen Kinder in Lavuco hatten mich das schon gelehrt: Auch nett klingende Worte konnten bei genauerer Betrachtung voller Hohn und Gemeinheiten stecken.
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Brüder
FantasíaRaven ist nicht nur ein Vogellasin, sondern auch ein Misces - Ein Mischlasin, was bedeutet, dass seine Eltern unterschiedlicher Arten sind. Trotz der Tatsache, dass sein Vater der Bürgermeister der Rabenstadt Lavuco ist, behandeln ihn die anderen Ki...