5. Türchen

10 0 0
                                    

Meine Mutter und ich setzten unseren Rundgang fort.

Als ich noch viel jünger gewesen war, hatte ich sie oft begleitet. Während Ashamo stets mit viel Hingabe seinen Pflichten als Bürgermeister der Stadt nachkam, übernahm meine Mutter eher repräsentative Aufgaben. Sie zeigte sich jeden Tag ihrem Volk und unterhielt sich mit jedem, der etwas zu sagen hatte.

Oft war ich überrascht, mit wie viel Liebe und Hingabe die Steinraben ihr begegneten – Während mir oft nur Spott und Häme entgegenschlug. Gewiss nicht von den Erwachsenen, aber das machte es nicht besser.

„Eines Tages wirst du sicher Bürgermeister von Lavuco sein", sagte meine Mutter, während wir über eine Brücke zum vorletzten Wachturm schlenderten.

Ich zuckte mit den Achseln. Es mochte zwar stimmen, dass ich mehr von Politik verstand, als die anderen Rabenkinder – Das lag aber nur an meinem speziellen Unterricht durch meinen Vater.

Um Bürgermeister zu werden, musste man gewählt werden, und die Kinder von heute würden die Erwachsenen von morgen sein. Ich war zwar erst 8 Winter alt, konnte mir aber schon vorstellen, dass meine Chancen, gewählt zu werden, sehr gering waren.

Vermutlich würde sich Beau in einigen Jahren, wenn er alt genug war, zur Wahl aufstellen lassen. Und er würde gewinnen, ganz egal, wer mein Vater war.

Ich würde die erfolgreiche Linie meines Vaters unterbrechen und irgendetwas anderes werden.

Unwillkürlich hielt ich inne und schaute über das Geländer der Brücke zum nächsten Baum. An seinen Ästen hingen hier und da noch bunte Blätter.

Ein Steinrabe landete auf einem seiner Äste, breitete seine Flügel aus, streckte sich einmal und flog dann weiter, entfernte sich von der Stadt.

Ein Jäger.

Während die Wachen für den Schutz der Stadt verantwortlich waren, zogen die Jäger aus und sammelten Futter. Beeren, Getreide, Fleisch – Alles, was sie finden konnten.

Ich bewunderte die Jäger schon seit ich denken konnte. Wenn Beau Bürgermeister wurde, dann konnte ich immer noch Jäger werden. Man musste ein guter Flieger sein, und das war ich. Meine Ausdauer verdiente Anerkennung.

„Oh Raven, schau mal!", holte meine Mutter mich aus meinen Gedanken zurück.

Ich wandte mich um und lief hastig hinter ihr her. Sie war schon auf der Plattform des Wachturms angekommen und deutete auf einen Raben in der Baumkrone. Außer uns war noch ein halbes Dutzend weiterer Vogellasins in unmittelbarer Nähe.

Der Rabe reckte seinen Hals empor und begann, das rauchige Lied einer Krähe zu singen.

Seine Melodie war überraschend fröhlich, erinnerte mich an den ersten Frühlingstag nach einem langen, kalten Winter. Sie kündete von Hoffnung, von einem Neuanfang.

„Sein Glockenlied!", sagte meine Mutter entzückt.

Lange musizierte er nicht alleine. Bald schon hatte sich eine junge Frau verwandelt, war zu ihm geflogen und in seine Melodie eingestiegen. So sangen sie zusammen, ihr rauchiges Gezwitscher fügte sich zusammen.

Mir fiel ein Wort ein, welches ich im Unterricht gelernt hatte: Symbiose.

Damit war zwar das Zusammenleben unterschiedlicher Arten gemeint, die so voneinander profitierten, aber so kam mir das Glockenlied auch vor. Zwei Seelen, die zusammengehörten, und miteinander verschmelzten.

Meine Mutter legte mir eine Hand auf die Schulter und drückte mich sanft, aber bestimmt, weiter.

„Weißt du, was das Glockenlied zu bedeuten hat?", fragte sie mich, während wir den letzten Wachturm ansteuerten. Danach würden wir uns auf den Heimweg machen.

Ich nickte. „Ein Rabe singt sein Glockenlied nur einmal, und auch nur für eine ganz bestimmte Person."

„Richtig", bestätigte meine Mutter. „Mit seinem Glockenlied fragt ein Rabe seine Angebetete, ob sie den Rest ihres Lebens nur mit ihm verbringen will. Das ist etwas sehr Besonderes, Raven. Weißt du, weshalb?"

Kurz dachte ich darüber nach, dann schüttelte ich den Kopf. „Nein, Mutter. Warum?"

Ich konnte sehen, wie ein Lächeln ihre Lippen umspielte. „Weil der Rest des Lebens sehr lang sein kann. Es ist wichtig, dass man ihn mit einem Partner an seiner Seite verbringt, den man mag."

„Nur mögen?", hakte ich mit gerunzelter Stirn nach. „Ich dachte immer, es geht um Liebe."

„Nicht immer, nein", erwiderte sie. „Man kann auch lernen zu lieben."

Das überraschte mich dann doch. „Mutter?", fragte ich verunsichert. „Musstest du lernen, meinen Vater zu lieben?"

Doch meine Mutter verscheuchte meine Angst mit einem glockenklaren, ehrlichen Lachen. „Nein, mein Federkind, das musste ich nicht! Aber meinen Eltern ging es so. Und Ashamos Eltern ebenfalls. Früher waren politische Eheschließungen von großer Wichtigkeit. Das ist heute anders, zum Glück. Und auch zu deinem Glück."

„Was hab ich denn damit zu tun?", fragte ich neugierig.

Wir erreichten den letzten Wachturm und meine Mutter begrüßte den Wächter freundlich. Kurz tauschte sie sich mit ihm aus, aber nachdem er nichts Wichtiges mitzuteilen hatte, schlugen wir den Rückweg an.

Beinahe glaubte ich, dass sie meine Frage vergessen hatte, als sie leise antwortete: „Du sollst lieben, ganz egal, wer es ist. Und wenn du dafür Grenzen überschreiten musst, die anderen viel zu hoch vorkommen, darfst du nicht zurückschrecken."

BrüderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt