17. Türchen

4 0 0
                                    

SPOILERWARNUNG!
Wer Band 2 der Sempera-Trilogie "Rückkehr nach Sempera" noch nicht gelesen hat, könnte ab hier und im weiteren Verlauf der Adventsgeschichte massiv gespoilert werden!


Es war mitten im Winter, als ich eines Morgens erwachte und eine schemenhafte Gestalt neben meinem Bett hocken sah. Erschrocken zuckte ich zusammen, fuhr hastig hoch und nahm eine Haltung ein, die meine wichtigsten Organe vor einem Angriff schützte.

Ich blinzelte mehrmals, und so wurde aus der schemenhaften Gestalt allmählich Cerva, die mich mit einem breiten Grinsen anstarrte.

„Ich habe dich erschreckt!", jubelte sie triumphierend.

Meine Glieder entspannten sich wieder und ich spürte die Erleichterung durch meinen Körper jagen. Kein Angreifer.

In all den Jahren, in denen ich sicher in Hinhan gelebt hatte, hatte ich die Angst vor einem Angriff nie ablegen können. Manchmal konnte ich im Traum noch den Geruch von verbrennenden Körpern riechen und wachte schweißgebadet auf. Es gab wohl Dinge, die man nie vergaß.

„Cerva", brummte ich mit heiserer Stimme. „Was tust du hier?"

Aufgeregt hüpfte sie auf ihrem Hocker auf und ab. „Sie ist zurückgekehrt!"

Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, sie spräche vielleicht von Rejken, deren Asche sich vielleicht wieder zusammengesetzt hatte. Mit dunkler Magie war vieles möglich.

Aber dann dämmerte mir, dass sie dann wohl nicht so aufgeregt wäre, sondern eher verängstigt.

„Königin Dasana!", fügte sie übertrieben fröhlich hinzu. „Aestor hat die Nachricht gerade überbracht."

Plötzlich war ich Feuer und Flamme für ihre Berichterstattung. „Aestor?", wiederholte ich und war schon aus dem Bett gesprungen und dabei, meine Hose von gestern anzuziehen, als sie erst bestätigend nickte. „Er ist wohl bei Iba, schätze ich", meinte sie nachdenklich. Jadlyn hat es mitgekriegt und bei ihrem Schichtwechsel Crow erzählt."

Crow und Jadlyn, eine nie endende Tragödie. Ich warf mir ein Hemd über, welches ich irgendwann in den letzten tagen unachtsam in eine Ecke geworfen hatte. Es roch ein wenig streng, aber für den Moment sollte es reichen. Eilig schlüpfte ich in meine Lederstiefel und schnürte sie nicht einmal gänzlich zu, so sehr beeilte ich mich.

Cerva betrachtete mich mit schräg gelegtem Kopf. „Ist irgendetwas?"

„Ich muss zu Aestor", antwortete ich kurz angebunden und rannte zur Treppe. Dort hielt ich noch einmal inne und wandte mich meiner kleinen Schwester zu. „Du solltest Runa wecken und ihr die Neuigkeit erzählen. Sie wird außer sich sein vor Freude."

Ich sah noch, wie Cerva mit einem sehr breiten grinsen nickte, dann trampelte ich die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmen herunter, schnappte mir einen Mantel vom Haken und lief nach draußen, bevor ich ihn richtig angezogen hatte.

Das Nest des Oberhaupts befand sich nur zwei Brücken – oder eine Plattform, je nachdem, wie man es betrachtete – von unserem entfernt. Cervas Aufregung war so auf mich übergangen, dass ich mich kurzentschlossen verwandelte und die paar Meter fliegend zurücklegte. Dabei lag meine Euphorie nicht einmal an dem offensichtlichsten Grund. Es war mir überraschend unwichtig, dass Königin Dasana zurückgekehrt war.

Es war wegen Aestor. Seit ihrem Verschwinden, gingen mir seine Worte nicht mehr aus dem Kopf.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich die Vogellasins einmischen.

Immer wieder dachte ich an mein Erlebnis mit den Dschungeltigern zurück und an die Frage, was aus Sempera werden würde, wenn die Königin nicht wieder auftauchte.

BrüderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt