4. Türchen

11 0 0
                                    


Lavuco war keine besonders große Stadt. Zumindest sagte das meine Mutter. Ich konnte das nicht beurteilen, bisher kannte ich nur die Stadt der Steinraben.

Das Wort Heimat schmeckte komisch, wenn ich es aussprach. Ich war in Lavuco geboren, und doch schien es, als gehörte ich hier nicht her.

Wie jede Vogelstadt befand sich auch Lavuco hoch in den Wipfeln der Bäume. Brücken verbanden die Bäume miteinander, wodurch die Stadt deutlich abgrenzbar war. Nicht alle Bäume eines Waldes gehörten zur selben Stadt. Meistens befanden sich mehrere Städte in einem Wald, lagen dabei aber soweit auseinander, dass sie sich nicht überschnitten. Von Lavuco aus gesehen befand sich keine weitere Vogelstadt in nächster Nähe.

An diesem Morgen begleitete ich meine Mutter auf ihrem morgendlichen Rundgang durch Lavuco.

Meistens ging sie von unserem Nest über die Brücke zur mittleren Plattform, die um jenen hohlen Baum gebaut worden war, in dem ich schon viele Male versteckt hatte. Hier war auch der Festplatz, an dem mein Vater vor einigen Tagen den Gedenktag für das Rabenmassaker abgehalten hatte.

Auf der Plattform hielt meine Mutter inne und zog sich schwarze Lederhandschuhe an. Anschließend rückte sie den Kragen ihres Wintermantels zurecht, dann streckte sie ihre Arme nach mir aus und richtete auch meinen Mantel.

„Der Winter bricht dieses Jahr früh ein", sagte sie gedankenverloren, während sie über die schwarzen Feder strich, die meinen Kragen schmückten. „Das Laub der Blätter ist noch gar nicht gänzlich abgefallen."

Ich zuckte bloß mit den Achseln.

„Lass uns der Speisekammer einen Besuch abstatten", schlug sie vor und setzte sich schon in Bewegung, bevor ich ihr antworten konnte.

Von der mittleren Plattform waren die wichtigsten Räumlichkeiten der Stadt erreichbar: Die Küche, das Nest des Bürgermeisters, die Schule, die Ankleidekammer, die Krankenstation und eben die Speisekammer. Jede Institution befand sich in einem Baum, der mit einer Brücke erreichbar war. Die Brücken waren aus Holz erbaut, fest wie die Plattformen. Mein Vater hatte mir mal erzählt, dass die Brücken in manchen Städten nur aus ein paar Latten und größtenteils Seilen bestanden und dementsprechend bei jeder Bewegung hin und her schwangen.

Bei der Vorstellung schüttelte es mich. Da waren mir die Brücken in Lavuco deutlich lieber.

Wir betraten die Speisekammer. Meine Mutter schien förmlich zu schweben, während sie sich in dem Empfangsraum umsah. Über und unter diesem Raum befanden sich weitere, in denen die Vorräte der ganzen Stadt gelagert wurden. Die Mahlzeiten nahmen die Steinraben nämlich immer zusammen ein.

Hinter einen schmalen Tisch saß Quincy, eine der ältesten Frauen in Lavuco. Sie arbeitete bestimmt schon ein halbes Jahrhundert in der Speisekammer, genauso wie ihre Töchter Granola und Gipsy. Neugierig reckte ich meinen Hals und vergewisserte mich, dass Quincy alleine am Empfang war. Ihr Enkelsohn war nämlich kein Geringerer als Beau.

In Lavouco galt die Aufmachung, dass jeder werden konnte, was er wollte. Wenn Beau später keine Lust haben sollte, in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten, wäre das in Ordnung. Allerdings musste er sich für andere Berufe extra beweisen und die Anforderugen zum Wächter waren beispielsweise so hoch, dass nur sehr selten Kinder aus Nicht-Wächter Familien es schafften.

Jede Familie lag großen Wert darauf, ihre Werte an ihre Kinder weiterzugeben. Während Crow und Kraii jetzt von ihrem Vater trainiert wurden, die Wächter-Prüfung zu bestehen, wurde ich in Politik und Wirtschaft unterrichtet. Das bedeutete, dass vermutlich auch Beau einen speziellen Unterricht von seiner Familie erhielt.

BrüderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt