13. Türchen

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Rejken starb allein, aber nicht einsam. Nachdem Thyr ihren Tod verkündet hatte, es eine endgültige, unausweichliche Tatsache wurde, zogen Kraii und Crow sofort los, um Beeren und Früchte für ihr Begräbnis zu suchen. Ihr Körper würde zwar aufgrund der Infektion verbrannt werden müssen, aber sie sollte zumindest eine annähernd ehrenvolle Bestattung erhalten. Das waren wir ihr schuldig.

Und mit wir meinte ich nicht nur ihre tatsächlichen Kinder und mich, sondern alle Lasins, denen sie in den letzten Jahren geholfen hatte. Und das waren, wie ich überrascht feststellte, sehr viele.

Nein, eigentlich war nicht wirklich überrascht, als ich die vielen Eulenlasins bemerkte, die reihenweise ihre sichere Stadt verließen, um unten auf dem Boden einen Scheiterhaufen zu errichten, nur dass er in diesem Fall kein Zeugnis eines Scheiterns war.

Ich folgte ihnen nach unten, von Cerva und Runa flankiert, half ihnen beim Auftürmen der Äste und des Laubs, und lauschte den Geschichten, die die Eulen erzählen.

Die Ankleiderin Ascora schniefte und wischte sich verstohlen ihre Träne weg, während sie ihrer Kollegin Neya fragte: „Weißt du noch wie sie dastand, in ihren Lumpen, mit ihren Kindern und sagte: Ich glaube, ich wir brauchen frische Kleider?"

Neya nickte. Die beiden Frauen lachten, dann heulten sie, und beides vermischte sich zu einem skurrilen Geräusch.

Darwen, ein Wächter, erinnerte sich mit weniger Tränen, aber genauso herzlich an sie: „Als ich mir einmal meinen Knöchel verstaucht habe und Angst vor der Behandlung hatte, sagte sie nur: Ach komm, du hast doch schon Schlimmeres erlebt."

Was sie damit gemeint hatte, war offensichtlich, denn alle Hautflächen, die man von Darwen sehen konnte – hauptsächlich sein Gesicht, ein bisschen Hals und seine Hände – waren übersät mit kleineren und größeren Narben. In seinem Leben war er schon in vielen Kämpfen verwickelt gewesen, aber ich hatte mich nie getraut, ihn zu fragen, obwohl ich neugierig war. Als wir noch jünger gewesen waren, hatte ich oft mit Crow und Kraii nachts wachgelegen und mir ausgemalt, was er wohl alles erlebt hatte.

Cerva schob ihre kleine Hand in meine. Als ich ihr einen Blick zuwarf, waren ihre Augen auf den Haufen gerichtet, in dem bald schon ihre Mutter verbrennen würde. Sie hatte kein Ohr für die wundersamen Erzählungen über. In ihren Augen konnte ich die Furcht erkennen.

„He", sagte ich und drückte ihre Hand. Als sie mir ihr Gesicht zuwandte, lächelte ich. Am liebsten hätte ich etwas Aufbauendes gesagt, aber mir wollte so spontan nichts passendes einfallen.

Runa rotzte sich indes ungeniert in ihren Ärmel. Noch immer rollten dicke Tränen ihre Wangen hinab und allmählich fragte ich mich, wie viel ein menschliches Wesen eigentlich heulen konnte.

Irgendwann schwang die kleine Tür im Eingangsbaum auf, und Thyr brachte zusammen mit Elran ein großes, in mehrere Leinentücher eingepacktes Paket herunter. Es schien schwer zu sein, beide Männer ächzten vor sich hin, und ich brauchte einige Augenaufschläge lang, ehe ich realisierte, dass es sich bei diesem ominösen Gegenstand um Rejken handelte.

Runa heulte wieder los, Cerva sog scharf die Luft ein, während wir zu Dritt dabei zusahen, wie der tote Körper unserer Mutter in die Mitte des Scheiterhaufens gelegt wurde.

„Wo bleiben Crow und Kraii?", fragte ich laut, erwartete aber keine Antwort. Das schmälerte allerdings nicht mein Interesse.

Ich drehte mich um, versuchte zwischen den Baumkronen einen Blick in den Himmel zu erhaschen, aber mein Leben war nicht wie ein Märchen, in dem die Dinge stets genau so geschahen, wie ich sie brauchte. Ich sah weder den Himmel, noch meine Brüder.

Die Sonne war untergegangen, die Nacht hatte sich über Sempera gelegt. Die Eulen wurden allmählich unruhig. Obwohl wir uns nicht weit von Hinhan entfernt hatten – schaute man nach oben, konnte man, wenn man sich etwas anstrengte, die Brücken zwischen den Bäumen ausmachen – war es auf dem Boden gefährlich. Hier wären wir ein gefundenes Fressen für die schwarzen Gefährten, vielleicht sogar für Aurora höchstpersönlich. Hier und da wurde leise getuschelt, die geteilten Erinnerungen verstummten. Jetzt wollten sie sie brennen sehen.

Und obwohl ich wusste, dass dieser Gedankengang zu düster war und den Eulenlasins nicht gerecht wurde, konnte ich nichts gegen meinen aufkommenden Unmut tun.

Warum konnten sie sich nicht zusammenreißen? Sie waren es nicht, die irgendwann, wenn diese Prozedur endlich vorbei sein würde, in ein Haus zurückkehren würden, in dem eine Person fehlte. Ein Bett blieb leer, ein Platz auf dem Sofa, das Buch, welches auf einem kleinen Tisch lag, in dem etwa bei der Hälfte ein Lesezeichen steckte, würde nie zu Ende gelesen werden.

Nein, eigentlich war ich ganz froh, dass sich meine Brüder so viel Zeit ließen. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ich hatte Angst davor, zurück nach Hause zu kommen. Unser Nest zu betreten und all die angefangenen Dinge zu sehen, die Rejken hinterlassen hatte. Sie war gut darin, etwas neu anzufangen. Ein Glas aufzufüllen, ein Buch anfangen zu lesen, ein Bild zu skizzieren, um es später ausmalen. Wir alle wussten, dass sie das niemals tat. Kein Glas trank sie wirklich leer, kein Buch las sie zu Ende, kein Bild malte sie aus. Sie hasste Enden.

Ich blickte zu dem Leinenpaket und konnte mir plötzlich nur schwer vorstellen, dass sie sich darin befand, auch wenn es annähernd menschliche Konturen hatte. Ein Teil von mir hatte angenommen, eine Frau, die so gut darin war, neue Anfänge zu starten, würde niemals enden.

Thyr drehte sich langsam und mit verzerrtem Gesicht um. „Oberhaupt Iba?", fragte er vorsichtig. „Wir sollten ... Ich will nicht drängen, aber ... Nun, die Infektion ... Wir sollten allmählich -"

Er wurde von einem gellenden, markerschütternden Schrei unterbrochen.

Cerva und Runa drückten sich zeitgleich näher an mich, die Eulen zuckten zusammen. Ich hob meinen Blick, konnte im ersten Moment aber nichts erkennen.

Der Schrei war mir entfernt bekannt vorgekommen, aber das konnte nicht sein.

Kurz darauf fiel auf einmal etwas herunter, konnte sich nur kaum selbst abfangen, bevor er schmerzhaft auf dem Boden aufprallte. Es war ein Rabe, der direkt vor meinen Füßen landete. Aus seinem Schnabel floss Blut und er war zu geschwächt, um sich zu verwandeln.

Es war Kraii.

Runa erkannte ihn im selben Augenblick, fasste sich erschrocken an den Mund und stieß einen Schmerzensschrei aus. Kraii konnte sich kaum noch auf den Füßen halten.

Kurz darauf tauchte auch Crow auf, er verwandelte sich ein paar Meter über dem Boden zurück in seine Menschengestalt, fiel den Rest, landete aber sicher auf seinen Füßen. Er rannte sofort zu seinem Zwillingsbruder, nahm ihn in den Arm und schrie: „Schwarze Gefährten haben ihm die Zunge herausgeschnitten!"

Mit dem blutenden Kraii lief er zum Stadteingang, dicht gefolgt von Thyr, der sich um den Verletzten kümmern musste. Iba folgte ihnen hastig.

Runa wandte sich zum Gehen, wollte hinter ihren Brüdern her rennen, wollte ihre Mutter aber auch nicht im Stich lassen. Sie war hin und her gerissen.

„Geh schon", sagte ich und schubste sie sanft voran. „Ich bleibe hier, bis es vorbei ist. Kraii braucht dich jetzt mehr."

Sie sah mich erleichtert an, dann nickte sie und lief los.

Die Eulen bekamen es nun mit der Angst zu tun und unter Beileidsbekundungen und gemurmelten Entschuldigungen liefen sie zurück in ihre Stadt, wo sie sich sicher fühlten. Am Ende gab es nur noch Elran, Cerva und mich, die um den Leichnam versammelt waren.

Elran seufzte tief und traurig. „Tut mir Leid, dass nur noch ich es bin", sagte er und entzündete eine Fackel. Behutsam streckte er sie aus, berührte die getrockneten Äste des Scheiterhaufens und ging so einmal herum. Er malte einen Kreis aus Feuer, und schon bald stand Rejken lichterloh in Flammen.

Die Fackel warf er zum Schluss auch hinein, dann trat er mit übereinander gelegten Händen zurück, an meine Seite.

Dort blieb er, bis Rejken vollständig verbrannt war und wir das Feuer wieder löschten, nur wir Drei, mitten in der Nacht. Und als ich später mit Cerva und Elran die Treppe nach Hinhan aufstieg, schwor ich Rache.

Rache für meine Eltern, die von schwarzen Gefährten ermordet worden waren.

Rache für meine Heimat, die ausgelöscht worden war.

Rache für Kraii, der nie wieder sprechen würde können, sollte er überleben.

Doch ich wusste nicht, an wem ich mich rächen wollte.

Ob an den schwarzen Gefährten oder an diesem mysteriösen, prophezeiten Retter, auf den Runa so sehr hoffte, der allerdings noch nicht aufgetaucht war.

Denn wäre er schon hier, sähe mein Leben besser aus.

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