14. Türchen

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- 3 Jahre später -

Der Wind war schon schneidend kalt, der Sommer hatte sich verabschiedet und der Herbst war in Sempera eingezogen. Hoch über den Wäldern konnte ich die immer kahler werdenden Bäume mit ihren bunt gefärbten Kronen bewundern.

Ich liebe den Ausblick von hier oben, sagte Runa, die immer in meiner Nähe flog; stets etwas hinter mir, um mir im Falle eines Falles Rückendeckung zu geben.

Seit wir letztes Jahr zu Jägern wurden bildeten wir einen Trupp. Beinahe jeden Tag flogen wir gemeinsam los und suchten nach Nahrung für Hinhan. Sie behielt alles im Umkreis im Blick, suchte nach einer drohenden Gefahr, während ich vorweg flog und Ausschau nach Früchten, Gemüse oder Fleisch hielt.

Wir waren ein eingespieltes Team, seit Rejkens Tod vielleicht noch mehr als vorher. Die ersten Wochen und Monate danach waren hart gewesen. Kraii musste sich damit abfinden, nie wieder sprechen zu können, und oft ließ er seinen Frust an uns aus. Mittlerweile kam er besser damit klar, was unter anderem daran lag, dass er trotz seiner fehlenden Zunge dazu in der Lage war, in seiner Tiergestalt mit uns zu kommunizieren – Zumindest, wenn wir uns auch in unseren befanden.

Cerva hatte den Tod ihrer Mutter besser verkraftet, als ich erwartet hätte. Vielleicht lag es daran, dass wir uns ihretwegen alle zusammenrissen.

Viele Dinge hatten sich in den letzten Jahren geändert. Crow und Kraii waren erwachsen geworden, in jeglicher Hinsicht. Besonders Ersterer hatte sich der Aufgabe unseres Nestoberhaupts angenommen. Seine Schultern waren seitdem breiter, sein Gang gerader. Er war für uns alle da, sorgte dafür, dass es uns gut ging, so wie Rejken es sicher von ihm gewollt hätte. Manchmal musste ich ihn daran erinnern, dass er auch ein eigenes Leben hatte – Vor allem dann, wenn ich die Blicke bemerkte, die er Jadlyn scheinbar heimlich zuwarf.

Jeden Abend war ich überrascht, wenn Crow ihr doch noch nicht sein Glockenlied gesungen hatte und ich fragte mich, wann es wohl so weit sein würde, dass er sich endlich traute.

Und noch etwas hatte sich verändert: Die Stimmung im ganzen Land.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Runa sollte nach all den Jahren und ihren Hoffnungen Recht behalten, denn vor ein paar Monaten hatte sich das hartnäckige Gerücht etabliert, ein Mensch sei entdeckt worden.

Viele waren der festen Überzeugung, es handelte sich dabei um den prophezeiten Retter.

Mir war schon längst klargeworden, dass es weniger um den Retter an sich ging, sondern vor allem um die Hoffnung, die sein Auftauchen den Lasins bedeutete. Als Jäger hatte ich den Unterschied am eigenen Leib erfahren. Die meisten Lasins versteckten sich vor Aurora und ihren schwarzen Gefährten. Ganze Landstriche wirkten wie leergefegt, weil sich die Meisten zurückgezogen hatten. Handel war kaum mehr vorhanden. Doch seit sich die Nachricht von der Ankunft des Retters verbreitete, trauten sich immer mehr Lasins aus ihren Verstecken. Bei unseren Rundflügen sahen wir von Tag zu Tag mehr kleine Gruppen, die zum ersten mal seit Jahren auf offenen Flächen bei Tageslicht umherzogen.

Es war nicht so, dass sie keine Angst mehr hatten. Aurora war noch nicht besiegt, die schwarzen Gefährten verübten noch immer grausame Morde.

Aber zum ersten Mal seit Jahren trauten sich die Lasins, zurückzuschlagen.

Schau mal da!, ertönte auf einmal Runas Stimme in meinem Kopf. Sie flog etwas schneller und verlor an Höhe, um mich auf eine Ruine aufmerksam zu machen, über die wir schon einige Male hinweg geflogen waren. Früher war es die Stadt der Katzen gewesen, doch ich hatte ihre Glanzstunden nie erlebt. Seit ich in Hinhan lebte, waren die Katzen verscheucht und die Stadt vernichtet.

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