19. Türchen

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„Es gibt nicht mehr viele von uns, und die wenigsten wollten im Schloss arbeiten", erzählte J'Khar. Mit uns meinte J'Khar die weißen Tiger.

Runa und ich hatten die merkwürdige Gruppe wie versprochen nach Hinhan gebracht. Jetzt saßen wir zusammen mit Iba und Elran im Wohnzimmer des Oberhaupts. Der dicke Fuchs hatte sich zu einer schwangeren Frau mit roten Haaren verwandelt, die auf dem Sofa sitzend einen Arm um das Mädchen gelegt hatte, welches vorher ein Dachs gewesen war.

Elran hatte schnell Tee aufgekocht und die gefüllten Tassen an die ausgelaugten Besucher verteilt.

„Niemand ist verpflichtet, im Eispalast zu arbeiten", fuhr J'Khar fort. „Der Großteil blieb auch in Glacies, bezog die Hütten, die König Tajo neu bauen ließ. Dadurch entstand schon vor Königin Dasanas Rückkehr im Eispalast ein Ungleichgewicht der Tiger. Manchmal kam es mir so vor, als würden die Dschungeltiger Glacies regieren. Ich hatte Schwierigkeiten, mich bei ihnen durchzusetzen. Das wurde nach der Abreise des Königspaares verdeutlicht. Keiner von ihnen achtete auf mein Wort, sie hörten nur auf Orion. Ich war mir vorher schon unsicher, aber das bestätigte meine Befürchtungen."

Was das für Befürchtungen waren ließ er allerdings unausgesprochen.

„Ein Hinterhalt", vermutete ich.

Zunächst nickte er, dann zuckte er mit den Achseln. „König Tajo hat in Königin Dasanas Abwesenheit viel für das Land getan. Der Handel blühte dank ihm wieder auf, Glacies wurde wieder zu einer Stadt. Wir sollten ihn nicht vorverurteilen."

„Vielleicht steckt sein Berater dahinter", warf Iba ein.

J'Khar gab ein merkwürdiges Geräusch von sich, richtete sich ein wenig auf und zog auf einmal aus seiner Westentasche einen geknickten Brief hervor.

Die Frau mit den roten haaren sog scharf die Luft ein, als sie den Brief erblickte. Mit plötzlich glänzenden Augen wandte sie sich dem Mädchen zu, von dem Brief weg, und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.

„Einer unserer Leute, ein treuer Begleiter der Königin, konnte kurz bevor die Fleukonia das Düstermeer überquerte, einen Brief senden", teilte J'Khar uns mit und faltete den Brief auseinander. Er las nicht vor, gab den Inhalt einfach in seinen eigenen Worten wieder. „Er hat Vermutungen geäußert, dass der König höchstselbst einen Hinterhalt planen könnte und alle den Eispalast verlassen sollten, die hinter der Königin stehen. Das haben wir getan. Nicht alle haben uns begleitet. Viele der weißen Tiger ... Sie haben einfach Angst, wieder zu verschwinden."

Er reichte den Brief an Iba weiter, die ihn hastig überflog.

„Aestor hat uns bereits vor Monaten vorgewarnt", sagte sie währenddessen. „Er hat seine Zweifel an der Loyalität des Königs geäußert und uns gebeten, Flüchtlinge aufzunehmen."

Ein flüchtiges, kaum wahrzunehmendes Lächeln huschte über J'Khars Lippen. „Danke dafür. Wir hätten nicht viel weiter reisen können." Sein Blick glitt zu der schwangeren Frau, deren Bauch sich unter ihrem dunkelgrünen Kleid wölbte. Lange würde es nicht mehr dauern, allerdings war ich nicht gut im Schätzen solcher Dinge. In Hinhan war die Geburtenrate stark zurückgegangen. Viele Nester standen sogar leer. Und bei den wenigen schwangeren Frauen, die ich gesehen hatte, hatte kein Bauch dem anderen geglichen.

Mit ihrer freien Hand strich sich die Frau versonnen über ihren Bauch. In ihrem Blick lag dabei allerdings eine Traurigkeit, die sogar mir beinahe das Herz zerriss – Und dabei kannte ich nicht einmal ihren Namen.

„Wie soll es jetzt weitergehen?", fragte Runa und brach damit das aufkommende Schweigen.

Eine Frage, die niemand beantworten zu können schien.

Nach einer Weile sagte J'Khar mit einem bitteren Unterton: „Wir müssen wohl erst einmal die Carcere-Mission abwarten."

Richtig, das war ja auch noch ein Problem. Niemand hatte die Insel lebendig verlassen. Traute man den Schauergeschichten, die man Kindern erzählte, damit sie sich besser benahmen, starben die Meisten schon alleine auf dem Weg zur Insel. Es hieß, spitze Berge ragten vor der Küste aus dem Wasser heraus und angeblich lebten sogar Seeungeheuer im Düstermeer.

Andererseits ... Sollte in diesen Geschichten auch nur ein wenig Wahres stecken, stellte sich mir die Frage, woher die Leute davon wussten?

Vielleicht gab es doch noch Hoffnung.

Das Mädchen richtete sich plötzlich auf, blickte mit ängstlichem Blick in die Runde. „Was wird aus mir, wenn Daisy nicht zurückkehrt?"

„Oh Dina, nicht doch", seufzte die rothaarige Frau und wollte sie wieder in den Arm nehmen, aber das Mädchen schüttelte ihren Kopf.

„Was wird aus Sempera, wenn keiner zurückkehrt?", fragte sie weiter. „Weder Tajo, noch Daisy."

Runa beugte sich zu mir und fragte flüsternd: „Wer ist ist Daisy?"

Doch allem Anschein nach hatte sie nicht leise genug gesprochen, denn J'Khar antwortete beinahe amüsiert: „Das ist die Königin. Dasana ist ihr semperischer Name, aber in der Welt, in der sie aufgewachsen war, nannte man sie Daisy."

„Wegen der Primularis Semper!", fügte das Mädchen, Dina, hinzu. Sie klang stolz, etwas zu wissen, was sonst keiner wusste. Oder zumindest nur ein kleiner Teil der Anwesenden. „Die Blumen gibt es nämlich auch auf der Erde, und da heißen sie Daisy."

Die Frau mit den roten Haaren kicherte verhalten. „Nicht ganz. In dem Land, in dem Daisy gelebt hat, heißen sie Gänseblümchen. In einer anderen Sprache werden sie daisy genannt, aber frag mich nicht, welche Sprache es war. Das hab ich vergessen."

Es gab viele Dinge, über die ich in diesem Moment hätte nachdenken können. Über die einfachen Blumen, die es in beiden Welten gab, und darauf aufbauend die Frage, was es wohl noch alles gab, das sie gemeinsam hatten. Oder generell über die Tatsache, dass es eine Welt gab, die parallel zu Anutandie existierte. Wie hatte Dina sie genannt? Die Erde.

Wie absurd es war, einen ganzen Planeten nach etwas zu benennen, auf dem man laufen konnte. Vielleicht gab es auf der Erde nur das – Erde? Nein, das konnte nicht sein. Zum Leben brauchte man Wasser.

Ich hätte auch darüber nachdenken können, woher Dina und die rothaarige Frau so viel wussten. Dann wäre mir vermutlich in den Sinn gekommen, dass die Königin am Anfang ihrer Reise durch Sempera von den unterschiedlichsten Lasins begleitet worden war.

Aber alles, woran ich tatsächlich dachte, war ihr Name. Daisy. Immer wieder huschte er durch meinen Kopf und wollte gar nicht mehr verschwinden.

„Aestor ist vorerst in Glacies geblieben, um die ungefilterten Informationen zu erhalten", fuhr J'Khar fort und kehrte zum eigentlichen Thema zurück. „Nebenbei sucht er nach Rebellen."

„Was für Rebellen?", fragte ich von plötzlicher Neugier und Tatendrang erfasst.

„Wir wissen nicht, ob das Königspaar aus dem Düstermeer zurückkehrt, oder was bei einer Rückkehr geschieht. Alles ist denkbar. Niemand kann die Situation einschätzen." Er atmete tief ein und aus. Man sah ihm deutlich an, wie sehr er unter der derzeitigen Situation litt. „Möglicherweise täuschen wir uns alle und es wird keine Zwischenfälle geben. Oder es wird einen Hinterhalt geben, bei dem Königin Dasana unter Umständen -", er stockte, wollte es nicht laut aussprechen, tat es dann aber doch, „sterben könnte. Das Königsrecht verbietet allerdings den gegenseitigen Mord aneinander ohne triftigen Grund. König Tajo wird Königin Dasana also zunächst verurteilen müssen. So oder so wird die Königin Lasins brauchen, die für sie kämpfen. Hinter König Tajo steht eine ganze Armee von Dschungeltigern. Die Königin wird jeden Einzelnen brauchen, der bereit ist, für sie in die Schlacht zu ziehen. Und Aestor nutzt all seine Möglichkeiten, um diese zu finden."

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