15. Türchen

6 0 0
                                    

Zum ersten Mal, seit man uns zu Jägern erklärt hatte, kehrten Runa und ich mit leeren Händen nach Hinhan zurück. Auf direktem Wege eilten wir zu Iba und teilten ihr die Nachricht über Auroras Sturz mit. Die Neuigkeit verbreitete sich anschließend wie ein Lauffeuer und als sich die Eulen noch am Abend an der Feuerstelle versammelten und ausgelassen feierten, war ich nicht einmal überrascht.

Ich saß an einem Tisch und beobachtete Runa und Cerva dabei, wie sie Hand in Hand zusammen mit Jadlyn im Takt der Musik tanzten. Sie lachten so ausgelassen, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

Crow und Kraii saßen mir gegenüber am Tisch, zwischen uns standen unsere leeren Teller und Krüge.

„Ich habe schon nicht mehr mit diesem Tag gerechnet", stellte Crow fest und nahm einen tiefen Schluck von seinem Met.

Eigentlich durften die Wachtürme der Stadt nicht unbewacht sein, aber heute gab es eine Ausnahme. Jeder Bewohner Hinhans war hier, tanzte oder lachte, wir alle feierten. An diesem Abend gab es keinen Grund, die Stadt eisern zu verteidigen. Es gab niemanden, vor dem wir uns fürchten mussten.

Ich blickte über den Tisch hinweg zu meinen Brüdern. Obwohl ich genauso erleichtert war wie alle anderen, spürte ich auch einen gewissen Argwohn dem Retter gegenüber. Der Retterin, korrigierte ich mich in Gedanken. Sie hätte eher hier sein müssen. Sie war zu spät und ihretwegen hatte Aurora länger ihre Gräueltaten verüben können.

„Wie es jetzt wohl weitergeht?", fragte ich rhetorisch.

Crow zuckte mit den Schultern. „Alles ist besser als diese vermaledeite Hexe."

„Das wird sich zeigen", entgegnete ich. Prinzessin Dasana war vielleicht die rechtmäßige Thronerbin, aber sie hatte ihr Leben nicht hier verbracht. Sie kannte weder das Land, noch seine Bewohner.

Sie ist formbar, dachte ich und stellte erschrocken fest, dass sie mit Kontakt zu den falschen Lasins eher eine Waffe sein könnte, als ein Heilbringer.

„Schau nicht so grimmig, Raven", holte Crow mich aus meinen Gedanken. Ein Grinsen umspielte seine Lippen. „Es ist was Gutes passiert. Wir können heute nicht entscheiden, ob Prinzessin Dasana Sempera zurück zu seiner einstigen Größte bringt, aber ich schätze, das kann niemand an einem Abend herausfinden. Wir müssen abwarten, wie sie sich schlägt."

Ich gab ein leises Schnauben von mir und wandte mich von ihm ab, um nicht länger auf das Thema eingehen zu müssen. Stattdessen sah ich zu unseren Schwestern, die mit Jadlyn tanzten.

„Denkst du nicht auch, dass heute Abend der perfekte Zeitpunkt für ein Glockenlied ist?", hörte ich Crow verschmitzt fragen.

Seufzend gab ich nach und blickte doch wieder zu ihm, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie Kraii mir verschwörerisch zu zwinkerte. Crow grinste mich derweil spitzbübisch an.

„Moment, es geht gar nicht um dich und Jadlyn?", fragte ich überrascht.

Sein Grinsen erstarb und er musste plötzlich husten. Hastig griff er nach seinem Krug und leerte ihn schlussendlich mit drei tiefen Zügen. Als er den Becher wieder abgestellt hatte, funkelte er mich beinahe wütend an, stand ohne ein weiteres Wort auf und verschwand in der Menge. Den Mädchen leistete er keinen Besuch ab.

Während ich ihm verwirrt hinterher blickte, rutschte Kraii auf seinen Platz, hob seine Hand und deutete mit dem Zeigefinger ungeniert auf mich, dann auf unsere Schwestern.

Ich wusste, was er meinte.

Und plötzlich verstand ich auch, worauf Crow eben angespielt hatte.

„Bei allen Göttern – Spinnt ihr?", entfuhr es mir. Ich war eher überrascht als wirklich wütend, und doch hörte ich selbst den säuerlichen Unterton in meiner Stimme.

BrüderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt