18. Türchen

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Die Monate strichen ins Land. Der Winter zog vorbei und ließ den Frühling einkehren. Königin Dasana machte von sich Reden, in dem sie eine große Mission nach Carcere anzettelte, um eventuelle Überlebende von der Insel zu befreien.

Früher, noch zu Zeiten ihrer Eltern, wurden Schwerverbrecher nach Carcere geschickt, wo sie ihr Dasein fristen sollten. Bisher war niemand von dort zurückgekehrt, dementsprechend gering rechnete ich die Erfolgschancen aus. Eines hatte die Königin damit auf jeden Fall geschafft: Jeder redete über sie. Selbst in Hinhan wurde jeden Tag über die Mission getratscht, obwohl es keine Neuigkeiten gab. Auf unsren täglichen Jagden begegneten Runa und ich immer wieder Lasins, die uns bereitwillig auf den neusten Stand brachten, obwohl es seit Wochen immer wieder dasselbe war.

In der Abwesenheit des Königspaares teilten sich die engsten Berater die königlichen Pflichten. Ich kannte ihre Namen, Orion und J'Khar, mehr aber auch nicht. Aestor hat bei einem Besuch vor ein paar Wochen erwähnt, dass sie die jeweiligen Interessen ihrer Seite des Königspaares vertraten, und das dadurch die Kluft zwischen der Königin und dem König besonders auffällig war.

Ich konnte das nicht beurteilen. Obwohl Aestor jedes Mal, wenn ich ihn sah, versuchte, mich dazu zu überreden, ihn nach Glacies zu begleiten, lehnte ich jedes Mal sein Angebot ab. In letzter Zeit träumte ich viel vom Schneetal; zumindest so, wie ich es mir vorstellte. Aber mein Platz war in Hinhan, hier gehörte ich her. Es würde mir nichts bringen, irgendwelchen Hirngespinsten hinterherzujagen.

Es passierte an einem Sommertag, als es schon morgens so warm war, dass Runa und ich uns dreimal überlegten, ob wir wirklich losfliegen wollten. Im Wald würde die Hitze noch kein großes Problem darstellen, aber spätestens wenn wir die Täler überflogen, würden die Sonnenstrahlen unser Gefieder ansenken – Übertreibung verdeutlicht.

Nach einigem Hin und Her beschlossen wir dann aber doch, zumindest auf eine kleine Tour aufzubrechen, verwandelten uns und flogen los.

Der Sommer war in diesem Jahr unnachgiebig. Generell wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich das Klima grundsätzlich veränderte, wärmer wurde, selbst ein harter Winter lag schon mehrere Jahre zurück. Was diese drastische Veränderung wohl verursachte?

War diese andere, mysteriöse Welt, in der die Königin aufgewachsen war, auch davon betroffen?

Zu gern würde ich diese Welt mit eigenen Augen sehen. Wissen, was für Wesen dort lebten, und herausfinden, was sie von uns unterschied.

Ich war so in Gedankenversunken, dass ich sie zunächst nicht bemerkte, bis Runa ein lautes Krähen ausstieß und ich ihre Stimme in meinen Gedanken hörte: Raven, schau mal!

Sie vollführte eine halbe Drehung, um nach unten zu deuten.

Da erblickte ich die seltsame Gruppe verwandelter Lasins, die durch den Wald irrte.

Eine handvoll weißer Tiger, ein Fuchs mit einem kugelrunden Bauch und ein noch nicht ganz ausgewachsener Dachs. Sie gingen langsam, drehten sich immer wieder vergewissernd um. Ich konnte nicht sagen, ob sie etwas – oder jemanden – suchten oder auf der Flucht waren.

Aber ich wollte es herausfinden.

Ich flog steil herab, machte mit einem Schrei auf mich aufmerksam und verwandelte mich im Landeanflug zurück. Das war meine Spezialität.

Ein großer, mächtiger weißer Tiger sprang an die Spitze der Gruppe. Innerhalb kürzester Zeit wurden der Fuchs und der Dachs von den Tigern umringt, als wollten sie sie beschützen.

„Von mir geht keine Gefahr aus", versprach ich und hob meine Hände.

Hinter mir hörte ich Runa landen. Schnell trat sie neben mich und setzte ein Lächeln auf, von dem sie annahm, es wäre einladend.

Der muskulöse Tiger gab ein leises, kehliges Brummen von sich, ehe er sich aufbäumte und verwandelte. Auf einmal stand ein älterer Mann mit grauem Haar und eisblauen Augen vor mir. Sein Gesicht wirkte angespannt, tiefe Falten zierten es, und er sah aus wie einer, der in seinem Leben viel durchgemacht hat. Außerdem viel mir die adrette Kleidung auf. Graue Lederhose, schwarzes Leinenhemd, darüber eine nachtblaue Weste. Genau dort hing etwa auf Brusthöhe eine silberne Brosche in der Form eines Tigerkopfes.

„Mein Name ist J'Khar", stellte er sich zwar ruhig, aber eindringlich vor. „Ich bin -"

„Der Berater der Königin!", unterbrach Runa ihn und klang dabei wie ein aufgeregtes Kleinkind. Als sie sich ihres vorlauten Verhaltens bewusst wurde, fasste sie sich erschrocken an den Mund und nuschelte: „Tut mir Leid!"

J'Khar bedachte sie mit einem warmen Blick. Er lächelte zwar nicht, aber er schaffte es, ihr nur mit seinen Augen verständlich zu machen, dass er es ihr nicht übel nahm.

Der Lasin hatte etwas autoritäres an sich, aber auf eine gute Weise. In gewisser Hinsicht erinnerte er mich ein wenig an Iba, der man einfach folgte, ohne sie zu hinterfragen, weil sie einem das Gefühl gab, dass es das Richtige war.

Ich erinnerte mich an das, was Aestor vor einigen Monaten gesagt hatte.

Sollte eintreffen, was ich befürchte, werde ich Lasins nach Hinhan schicken müssen, um sich hier zu verstecken.

„Aestor schickt euch", mutmaßte ich und mein Blick wanderte über die kleine Gruppe.

J'Khar nickte, für einen Augenblick schien er überrascht. „Kennst du ihn?"

Ich nickte. „Heute ist euer Glückstag. Ich kenne ihn nicht nur, wir können euch auch nach Hinhan bringen, wo ihr in Sicherheit seid."

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