Huckepack!

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Meine Mutter saß in ihrem Schlafzimmer, ihren Kopf hielt sie zwischen ihren beiden Händen. Weinte sie?

„Bist du soweit?" Ich schrak auf und sah den langen Flur herunter. Kennedy stand dort, in der Hand einen Korb. „Bin gleich da." Ich klopfte am Türrahmen und meine Mutter wischte sich die Tränen unter den Augen weg.

„Mum? Ist alles in Ordnung? Ich wollte nur sagen, Kenny und ich-."
„Ja, er hat mir schon erzählt das ihr etwas unternehmen wollt. Das ist so schön Baby." Sie kam zu mir und lächelte. Warum lächelte sie, wenn sie gerade noch geheult hatte? Ich sah hinter sie. Auf dem Bett lagen zwei Koffer. „Verreist du?", fragte ich misstrauisch. „Also, nein. Nein, Daddy, er ... er hat einen Termin außerhalb. Er muss den nächsten Flieger nach New York bekommen. Seine Arbeit. Du weißt ja."

Sofort war mir bewusst, dass sie log. Etwas stimmte nicht. Doch was es auch war, ich konnte mir keinen Kopf darüber machen. „Gut. Ich bin dann mal weg." „Viel spass euch beiden."

Langsam setzte ich mich in Bewegung und rollte den Flur nach unten, Richtung Haustür die offen stand. Julia kam mit mehreren Tüten herein. Ihr misslaunisches Gesicht ließ mich schweigen. Ich dachte an das letzte Gespräch zwischen uns. Als ich ihr sagte, ich wäre am liebsten wie ihr Sohn, gestorben, als in diesem Rollstuhl sitzen zu müssen. Vielleicht war ich damit etwas zu weit gegangen? Doch der Meinung war ich immer noch.

In Kennedys Auto sah ich mich mit gerunzelter Stirn um. Er schien ja ein ziemlicher Chaot zu sein. Vor mir auf dem Armaturenbrett lagen unbezahlte Parkstrafen. Im Fußraum lagen leere Becher und diverse andere Dinge, in denen offensichtlich mal etwas essbares transportiert worden war.

„Anschnallen bitte! Es geht los." Er schien gut gelaunt und ich versuchte einmal keinen meiner sarkastischen Sprüche raus zu hauen. Also schnallte ich mich brav an und schwieg einfach, über diesen ganzen Unrat, um mich herum.

Der Schwarzhaarige startete seinen silbernen Jeep und sofort setzte Musik ein. Aerosmith ließ mich regelrecht zusammen zucken. Lachend fuhr er los und bog auf sie Interstate Richtung ... Nein?

Meine Finger bohrten sich in meine kurze Bermuda, die, mit den Pinken Flamingos. Warum hatte ich ausgerechnet diese Hose anziehen müssen? Ging es mir durch den Kopf. Ich wollte an alles andere denken, nur nicht an diesen Ort. Er war mit mir auf dem Weg zum Strand.

Tatsächlich. Ich hatte recht gehabt. „Was machen wir hier?", wollte ich wissen. Er wusste ich wollte nicht schwimmen. „Laß dich einfach mal drauf ein, Kleiner. Stell nicht so viele Fragen und hab einfach vertrauen."
Ich schob beide Brauen zusammen und atmete genervt aus.

Meine Kinnlade fiel ungläubig nach unten, als er sich mit dem Rücken zu mir stellte und wirklich erwartete das ich auf ihn stieg. „Niemals. Das kannst du sowas von Knicken, Mann."

„Sei nicht so ein Arsch, Theodore. Mach schon. Heute wirst du huckepack genommen."
Ich biss mir auf beide Lippen und schüttelte widerwillig meinen Kopf.
„Bitte, verlang das nicht von mir."

Kennedy wandte sich mir zu, stemmte seine Hände links und rechts neben mir an den Wagen und sah mich mit seinem Duwirstmachenwasichsage Blick an.
„Keine Widerrede." Kurz musste ich die Augen schließen und schlucken. „Na gut", würgte ich heraus.

Meine Arme lagen um seinem Hals, er hatte meine Beine um seine Hüften gelegt und hielt mich. „Wenn du mich in den heissen Sand fallen lässt, dann schwöre ich dir, ich bringe dich um."

„Ach ja? Wie willst du das machen? Ich könnte wetten, ich bin schneller als du." Was er sagte ließ meine Mundwinkel zucken und kurz darauf lächeln. Er war so ein verdammter Arsch. Kurz zögernd legte ich meine Wange auf seiner Schulter ab und meine Nase strich über seine Halsbeuge. Sonnencreme mit Kokosduft.

Ich saß im warmen Sand. Kenny war noch mal zurück gegangen, um den Korb, eine Decke und wie es aussah ein Surfbrett zu holen. Was hatte er mit mir vor? Surfen fiel wohl sprichwörtlich ins Wasser.

Meine Blick richtete sich zurück zum Meer. Meine Finger gruben sich in den Sand, den ich mir langsam durch sie hindurch rieseln ließ. Wie lange hatte ich ihn nicht mehr gespürt? Der Wind, der vom Wasser heran wehte, spielte mit meinem braunen, lockigen Haaren. Ich schloß meine Augen und lauschte der Brandung, dem Kreischen der Möwen und dem etwas weiter entferntem Lachen von Kindern. Die Sonne küsste meinen nackten Oberkörper. Meine Haut hatte nach ihr gehungert und jede Pore nahm sie in sich auf.

Etwas fiel neben mir zu Boden und ich sah nach oben. „Bereit?" Ich schaute irritiert zu dem Longboard, das neben mir im Boden steckte.
„Bereit für was?"

„Bereit, den ersten Grund zu erfahren, warum es sich zu leben lohnt, Kleiner."

Six reasons to liveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt