Sechs Gründe

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Mit dem Gesicht nach unten, lag ich nun in Unterhose auf der Liege und Kennedy massierte meinen Rücken, die Arme und Beine. Am Ende der ganzen Prozedur lag ich auf dem Rücken und er bewegte meine Beine, als säße ich auf einem Fahrrad. Eins nach dem anderen. Er strecke es, winkelte es wieder an. Am Ende ölte er sie ein und massierte sie noch einmal.

Nicht ein einziges Mal, war er vor meinen Narben zurück geschreckt. Er ließ seine Finger immer und immer wieder über sie fahren, als wäre es das normalste der Welt. Er ekelte sich nicht vor ihnen.

Ich beobachtete ihn mit hinter dem Nacken verschränkten Armen. Mir fiel eine kleine Eigenart bei ihm auf. Wenn er sehr konzentriert etwas tat, biß er sich auf seine Zungenspitze. Dies ließ ihn ziemlich süß aussehen - fand ich. Außerdem pustete er sich ständig eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Aus seinem schönen Gesicht. Ja, er war wunderschön. Diese honigfarbenen Augen, umrahmt von diesen langen, schwarzen Wimpern.

Als er fertig war ging er zu dem Waschbecken, er stand mit dem Rücken zu mir und meine Augen scannten jeden Quadratzentimeter seines breiten Rückens und diesem verdammt heissen Arsch.

„Schade", murmelte ich, dabei war es unbeabsichtigt, dass er es hörte.
„Was sagst du?" Er trocknete seine Hände am Handtuch, das an der Wand hing und sah sich zu mir um.
„Schade", wiederholte ich.

„Schade, was?" Er nahm das Massageöl und schraubte die Flasche zu, um sie zurück in das Regal zu den andern Flaschen und Cremes zu stellen.

„Schade, dass du keine Erotikmassagen gibst. Ich hoffte, dass das meine Überraschung ist", kam es sarkastisch aus meinem Mund. Dabei meinte ich es tot ernst. Natürlich konnte ich ihn das nicht wissen lassen. Ich wusste nicht mal ob er überhaupt Schwul, Bi - oder Pansexuell war. Oder einfach nur langweilig Hetero.

Kennedy trat an mein Bett und lächelte mich an. „Du bist gerne unausstehlich, stimmt's? So willst du dir die Menschen vom Leib halten, die dich gern mögen."

„Nicht alle." Warum ich das so sagte und ihn dabei so intensiv ansah, wusste ich nicht. Vielleicht wollte ich, dass er es endlich weiß. Das ich nicht langweilig war.

Kurz schien ich ihn aus der gewohnten Ruhe gebracht zu haben, doch nur kurz, dann räusperte er sich schmunzelnd und schüttelte den Kopf. „Na los. Hoch mit dir und rein in die Schwimmhose."

Schwimm was?

„Never. Vergiss es." Meine Stimmung wechselte plötzlich und ich stemmte mich mit aller Kraft nach oben, packte beide Beine und schob sie mir von der Liege. „Bring mir den verdammten Rollstuhl und lass mich mit deinen beschissenen Einfällen in Ruhe." Stur sah ich in die Ecke in der dieser Metallhaufen auf Rädern stand.

Typisch Kennedy, verschränken sich seine muskulösen Arme vor seiner Brust und er sah mich genauso störrisch an wie ich den Rolli.

„Bitte. Bring mich in mein Zimmer, Kennedy."

Doch er dachte nicht im geringsten daran meinem Wunsch zu entsprechen. Stattdessen holte er eine Badehose aus seiner Trainingstasche und warf sie mir vor die Brust.

„Zieh die an und sei kein Feigling. Das passt nicht zu dir, Theodore."

Was wusste er schon von mir? Nichts! Rein gar nichts! „Warum bist du so ein penetrantes Arschloch? Verstehst du nicht, dass ich nicht schwimmen kann! Es geht nicht! Wegen denen hier! Ich werde nie wieder schwimmen können! Ich wünschte, ich wäre gestorben in dem Wrack!"

Meine bebende Stimme, ebbte in eine schluchzende.
Fuck, jetzt hatte er mich auch noch zum Heulen gebracht! Vor Wut krallten sich meine Finger in das leblose Fleisch meiner Beine.

Plötzlich spürte ich Kennedys Hände auf den meinen und meine Augen blickten an ihm empor. Sofort schlug mein Herz doppelt so schnell und meine blauen Augen hafteten an seinen Honigaugen.

„Sag mir sechs Gründe, warum du denkst ... lieber tot zu sein, als zu leben."

Was? War das sein scheiß ernst?

„Es reicht ein Einziger. Ich bin ein Krüppel, bis ans Ende meines Lebens. Nutzlos und eine Schande für meine Eltern. Wusstest du, dass sie mich in ein Pflegeheim stecken wollen?" Sein kryptischer Blick verriet alles. „Ja, das sind meine lieben Eltern. Sie schieben ihr einziges Kind ab, damit sie ihr Leben weiter genießen können. Ohne den Ballast auf zwei Rädern. Und jetzt sag du mir, welche sechs Gründe gibt es ... weiter leben zu wollen?" Ich wischte mit mit dem Handrücken unter der Nase entlang. Ich wollte nicht vor ihm weinen.

Sein Daumen strich über meinen Handrücken. Sein Blick hielt dem meinem stand. „Ich werde dir sechs Gründe zeigen ... für die es sich zu leben lohnt, Theodore. Und dann, wenn du weißt für was es lohnt zu leben, reden wir noch einmal. Doch dafür musst du mir vertrauen und tun was ich von dir Verlage. Mehr wird es dich nicht kosten. Nur etwas Vertrauen." Er schien es wirklich ernst zu meinen. Was war er bloß für ein Mensch? Ich wurde aus ihm nicht schlau. Ich meine, was ging es ihn an? Ich überlegte eine ganze Weile hin und her.

Langsam zog ich meine Hand aus der seinen und dennoch nickte ich unmerklich. Gut. Etwas Vertrauen, das war zu verkraften - dachte ich.

Six reasons to liveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt