Perplex starrte ich den dunkelhäutigen, glatzköpfigen Mann an, der plötzlich vor mir aufgetaucht war. Er trug Jeans, ein schlichtes T-Shirt und darüber eine blaue Jacke. Sein Blick strahlte Besorgnis aus.
"Lilith! Wo ist dein Vater?! Ich muss mit ihm sprechen!" Wow. Was für eine nette Begrüßung, Amenadiel. Kein Hallo, meine liebe Nichte, ich habe dich vermisst? Schließlich war es einige Zeit her, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Aber da er ziemlich gestresst aussah, obwohl sein kleiner Sohn Charlie nicht hier war und ihn am Schlafen hinderte, drückte ich mal ein Auge zu.
"Worum geht es denn?", fragte ich ruhig, während mein Onkel weiterhin hektisch versuchte, an mir vorbeizukommen.
"Das musst du nicht wissen." Okay, jetzt war ich beleidigt - sehr beleidigt. Ich schob die Unterlippe nach vorne und verschränkte die Arme vor die Brust. Ich war kein kleines Kind mehr. Ich hatte genauso das Recht zu erfahren, was los war, wie mein Vater.
"Und wieso nicht?", fragte ich gereizt und stellte mich Amenadiel immer wieder in den Weg, wenn er versuchte, an mir vorbeizugehen. Er hätte natürlich genauso gut über mich hinweg fliegen können, stattdessen gab er auf und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht.
"Na schön! Ich sag's dir. Aber du bringst mich danach zu deinem Vater."
"Sicher", grinste ich. Er hatte noch nie lange hartnäckig bleiben können.
"Michael ist in LA und gibt sich als Lucifer aus."
Meine Augen weiteten sich. Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn dann aber gleich wieder. Wenn ich ehrlich war, überraschte mich das nicht wirklich. Michael war Dads Zwillingsbruder und - wie soll ich das am besten sagen - ein Idiot. Er hatte schon immer in Dads Schatten gestanden und natürlich gefiel ihm das ganz und gar nicht. Er war eifersüchtig und tat alles dafür, um meinem Vater das Leben schwerzumachen. Als ich als kleines Mädchen im Himmel war, hatte er mir versucht, Angst einzujagen und mir irgendwelche Schauermärchen über Dad erzählt. Sein bester Versuch war, als er mir weismachen wollte, dass Dad Amenadiel geschickt hatte, um mich aus der Hölle loszuwerden. Das war das einzige Mal, dass ich mit meiner Entschlossenheit, dass mein Vater ein Guter war, gewankt hatte. Allerdings hatte Michael mich nie brechen können und als ich dann älter wurde, hatte er es aufgegeben. Dass er jetzt wieder auf der Bildfläche erschienen war, war alles andere als gut. Er führte irgendetwas im Schilde.
"Das ist nicht gut", murmelte ich, ohne Amenadiel dabei anzusehen. Schnell lief ich an meinem Onkel vorbei in Richtung Thronsaal. Dad musste sofort erfahren, was passiert war. Wir durften keine Zeit verlieren! Michael könnte gerade sonst was anstellen. Ich musste an Chloe Decker denken. Sie war Detective beim LAPD auf der Erde und Dads große Liebe; vielleicht sogar seine erste Liebe. Ich meinte, da gab es natürlich noch Eva von Adam und Eva und meine Dämonen-Mutter, aber ich glaubte, in die beiden Frauen war er nie richtig verliebt gewesen wie jetzt in Chloe. Mir machte das nichts aus - im Gegenteil, ich freute mich für ihn. Also ich würde mich freuen, wenn die beiden dann endlich mal zusammenkämen. So wie ich das mitbekommen hatte, hatten sie schon eine ganze Zeit lang zusammen gearbeitet und Mordfälle aufgedeckt. Ich wusste, dass sie sich dabei nähergekommen waren und der Detective - wie Dad Chloe immer liebevoll nannte - hatte dann auch irgendwann herausgefunden, dass er wirklich der Teufel war und dass das alles aus der Bibel wirklich existierte (nicht haargenau wie es da drin stand, aber ähnlich). Aber dann, gerade als sie kurz davor standen, es auf die Reihe zu bekommen, musste mein Vater zurück in die Hölle. Ihr hättet ihn sehen müssen - er war am Boden zerstört. Wenn Michael Chloe etwas antun würde... Dad würde ausrasten und ihn vernichten. Nicht wortwörtlich, aber die Lektion, die er Michael erteilen würde, wird den bösen Zwilling beim nächsten Mal zweimal überlegen lassen, ob er sich mit seinem Bruder anlegte.
Damit es gar nicht erst dazu kam, beschleunigte ich meine Schritte in Richtung Thronsaal. Amenadiel hörte ich hinter mir. Auf halbem Weg stieß ich allerdings abermals gegen jemanden. Was war nur heute mit mir los? Sonst sah ich doch auch immer, wo ich hinging. Dieses Mal war es jedoch nicht ein gestresster Onkel von mir, sondern mein Vater - der Teufel höchstpersönlich.
"Luce!", rief Amenadiel und trat vor. "Gut, dass ich dich endlich gefunden habe. Du musst zurück zur Erde."
Dad sah genauso verwirrt aus, wie ich noch vor wenigen Minunten. "So sehr mich dein Besuch auch freut, Bruder", sagte er lächelnd. "Wir wissen beide, dass ich nicht zurück kann."
"Michael ist in LA", lässt mein Onkel die Bombe platzen und ich konnte förmlich sehen, wie Dads Gesichtszüge zur Wut entglitten. Wahrscheinlich wusste er schon, dass sein Zwillingsbruder nur Ärger bedeuten konnte. Sogar mir war das ja von Anfang an klar gewesen.
"Was hat er getan?", fragte Dad zischend und biss die Zähne grimmig aufeinander.
"Soweit ich weiß..., bis jetzt noch nicht sehr viel. Er gibt sich als du aus."
"Oh, dieses miese, jämmerliche Drecksstück." Seine Augen funkelten wild. "Niemand gibt sich als der Teufel aus und kommt ungeschoren davon." Man konnte förmlich sehen, wie es in seinem Hirn ratterte, während er überlegte, was er gegen seinen Zwilling machen konnte. Sein Blick fiel erst auf Amenadiel, dann auf mich und wieder zu meinem Onkel. "Amenadiel!", sagte er schließlich. "Halt hier die Stellung! Lilith und ich werden hoch fliegen." Oh, wow, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hätte gedacht, dass ich noch ewig betteln müsste, um mitkommen zu dürfen, aber das machte es natürlich bei Weitem einfacherer.
Mein Onkel war da jedoch nicht ganz so begeistert: "Wieso kann Lilith nicht auf die Hölle aufpassen?", beschwerte er sich und ich wollte schon etwas Schnippisches erwidern, doch Dad war schneller:
"Weil ich will, dass sie mitkommt. Ist das nicht offensichtlich?" Damit breitete er auch schon seine Flügel aus, doch ich war noch nicht soweit. Ich musste noch an jemanden denken, den ich unmöglich hier zurücklassen konnte. Das würde er mir nie verzeihen. Außerdem hatte er sich eine Pause verdient; so wie Dad ihn die ganze Zeit herumkommandiert und mit Aufgaben überhäuft hatte.
"Warte!" Ich hielt meinen Vater am Ärmel seines Jackets zurück. "Was ist mit Asmo?"
"Was soll mit ihm sein?"
Ich verdrehte die Augen. "Na, ich will, dass er mitkommt. Was denn sonst?"
Dad sah mich genervt und verärgert an. "Der Dämon bleibt hier!", sagte er bestimmt, doch so leicht gab ich nicht auf.
"Er ist mein Freund. Ich muss ihn mitnehmen. Du würdest Chloe auch nicht zurücklassen." Es war mies von mir, diese Karte auszuspielen, aber ich hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Asmo musste einfach mitkommen.
Dads Blick verfinsterte sich und direkt bereute ich es ein Stück, den Detective angesprochen zu haben. "Das ist etwas ganz anderes", knurrte er. "Und wie du weißt, habe ich sie zurückgelassen. Ich musste..." Er sah mit wildem Blick zu Boden und weder Amenadiel noch ich wagten, auch nur ein Wort zu sprechen. Seine weißen Flügel versperrten immer noch den Gang und ich konnte erkennen, wie ein Dämon hinter ihm wartete, dass er vorbeigehen konnte. Zum Glück sprach er seinen Herr nicht an, das hätte alles nur noch schlimmer gemacht.
Eine ganze Weile schwiegen wir alle, dann hob Dad endlich den Kopf. "Na schön", gab er schließlich murrend nach und auf meinem Gesicht breitete sich ein breites Lächeln aus. Kurzerhand umarmte ich meinen Vater und drückte ihm einen Kuss auf die bartige Wange.
"Danke!"
Er schnaubte nur ungehalten und sah an mir vorbei. Innerlich wusste ich aber, dass er nicht ganz so verärgert war, wie er sich gab. Ich glaubte, er verstand wenigstens ein kleines bisschen, warum ich Asmo mitnehmen musste. Vielleicht hatte er aber auch nur eingewilligt, weil ich seine liebreizende Tochter war und er mir nichts ausschlagen konnte. Meinem Charme konnte eben keiner widerstehen - das hatte ich von Dad.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und lief zurück zu meinem Freund. Er würde sich bestimmt freuen, wenn er erfuhr, dass wir einen kleinen Urlaub auf der Erde einlegen werden.
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Tochter des Teufels 2 (Lucifer ff)
FanfictionMichael ist ein hinterlistiges, mannipulatives Arschloch und zu allem Unglück Lucifers Zwillingsbruder. Er ist eifersüchtig auf eben diesen und will sein Leben in jeder erdenklichen Weise zur Hölle machen. Obwohl der Teufel und seine Tochter Lilith...