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Das Gefühl des Bereuens kam genauso schnell, wie kurz zuvor sie selbst. Sie griff nach ihrem Handtuch, ignorierte Marten und stapfte an ihm vorbei. Die Umkleidekabine war immer noch leer.

Marten kam hinter ihr her, schaute sie einen Moment still an. Er sah so aus als überlegte er, was er sagen sollte. Ihm fiel scheinbar nichts ein, denn er verließ die Umkleide mit seinen nassen Sachen.

Nina zog sich an, dann ließ sie sich auf der kleinen Bank nieder. Das hätte niemals passieren dürfen. Wie hatte sie so die Kontrolle verlieren können? Nach einer kleinen Ewigkeit verließ sie die Umkleide, blieb aber wie angewurzelt stehen. Marten stand an der Theke, hatte sich ebenfalls umgezogen.

"Wir sind jetzt quitt, aber sowas kann ich niemals wieder machen. Die anderen Frauen haben mich fast umgebracht, als ich gesagt habe, dass die Umkleide gesperrt ist. Generell könnte deine Kleine hier jetzt richtig Zirkus machen. Und wer würde ihr das übel nehmen?", sie hörte den Besitzer des Fitnessstudios reden. Nina schoss das Blut ins Gesicht. Marten hatte den Typen dazu überredet, die Umkleide zu sperren, damit er reinkommen konnte? Und der Typ hatte das auch noch zugelassen?

"Ich weiß.", Marten brummte leise.

"Krieg deine Emotionen mal ein bisschen unter Kontrolle, man. Sonst kannst du bald wieder zurück...", der Typ hinter der Theke erblickte Nina und verstummte schlagartig. Sie zog sich die Kapuze über den Kopf, dann senkte sie den Blick und ging wortlos an den beiden vorbei. Sie würde sicherlich nie wieder ein Schritt in dieses Studio machen.

"Nina.", sie hörte Martens Stimme, aber sie ignorierte das. Er würde sicherlich eh hinter ihr herkommen. Sie schulterte die Tasche, dann stieß die kraftvoll die Tür auf und verließ das Fitnessstudio. Es war kalt geworden, aber sie hatte es nicht weit bis nach Hause.

Sie lief einige Meter, erwartete jeden Moment Marten hinter sich zu hören, aber es geschah nichts. Sie entspannte sich immer mehr, als sie das Fitnessstudio immer weiter hinter sich ließ. Zuhause angekommen wankte sie bis zu ihrem Bett, ehe sie sich unter der Decke verkroch. Sie fühlte sich elend und erschöpft. Würde sie Marten das nächste Mal begegnen, konnte er sich warm anziehen. Er hatte einen schwachen Moment von ihr schamlos ausgenutzt. Sie vergrub ihr Gesicht in ihrem Kissen. Sie konnte sich einreden, dass es Martens Schuld war, aber sie wusste, dass sie ihn genauso gewollt hatte.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, tat ihr ganzer Körper weh. Er hatte Recht gehabt. Sie hatte völlig übertrieben. Lustlos zog sie sich an, ehe sie die Wohnung Richtung Supermarkt verließ. Sie würde einkaufen, dann würde sie anfangen nach Stellen zu gucken, auf die sie sich bewerben konnte. Sie freute sich darauf, nicht mehr zu studieren und endlich richtiges Geld zu verdienen. Sie hatte ihren Eltern lang genug auf der Tasche gelegen, obwohl sie nebenbei immer arbeiten gegangen war.

"Nina.", sie hörte ihren Namen, als sie gerade zwei Flaschen Wein in ihren Einkaufswagen legte. Sie erkannte die Stimme nicht auf Anhieb, drehte sich neugierig um. Hinter ihr stand eine Kommilitonin, Fiona, die sie immer sehr gemocht hatte. Sie erkannte sie kaum wieder, denn sie war aufgebrezelt und trug einen Ausschnitt bis zum Bauchnabel. So war sie in der Uni nie rumgelaufen.

"Hey. Was hast du denn vor?", fragte Nina und umarmte sie lächelnd.

"Ich hab Backstagekarten für das 187-Konzert heute Abend gewonnen.", sie wedelte mit der Proseccoflasche durch die Luft. Nina überlegte einen Moment, ob sie Fiona darauf hinweisen sollte, dass Wedeln mit einer Proseccoflasche keine gute Idee war, verkniff es sich aber.

" Du hörst das?", fragte sie stattdessen kritisch und Fiona nickte wild.

"Und wie. Und außerdem find ich die irre heiß. Da gibt's einen Kerl... Ich hoffe so sehr, dass der heute Abend auch da sein wird. Deswegen das Outfit... Weißt du?", Fiona deutete auf ihren Ausschnitt. Nina starrte sie schweigend an. Fiona war ihr immer so ruhig vorgekommen.

"Was für ein Kerl?", Nina versuchte entspannt zu klingen, aber sie hatte die Befürchtung, dass sie die Antwort kannte.

"Marten heißt der. Ist der Cousin von Bonez MC. Der war jetzt ein Jahr im Knast, deswegen geh ich stark davon aus, dass er heute Abend da sein wird und ein bisschen was nachholen will.", sie lachte aufgekratzt und zwinkerte Nina zu.

Nina trafen zwei Erkenntnisse schlagartig: Fiona hatte sich irgendwas eingeworfen, denn sonst wäre sie nicht so. Stille Wasser waren ja bekanntlich tief, aber Fiona würde eigentlich ihre Untiefen niemals so offen darstellen. Die zweite Erkenntnis beschäftigte sie jedoch deutlich mehr: Marten war anscheinend im Gefängnis gewesen. Sie keuchte leise, versuchte sich aber unter Kontrolle zu haben.

"Wieso war der denn im Knast?", fragte sie nebenher und lief neben Fiona zur Kasse.

"Drogen und Waffen und so, denke ich. Weiß auch nicht so genau. Ist gerade erst raus.", sie zuckte mit den Schultern. Nina blickte sie lange an, dann schüttelte sie den Kopf. War er damals wortlos verschwunden, weil er ins Gefängnis musste? Wieso hatte er ihr das nicht einfach gesagt?

"Ich wünsche dir viel Spaß. Lass es krachen.", Nina lächelte sie zwar an, aber in ihr sah es ganz anders aus. Sie fragte sich, ob sich schon immer Frauen so extrem an Marten rangeschmissen hatten. Und hatte er das in ihrer gemeinsamen Zeit wirklich ignoriert? Sie hatten zwar keine Beziehung gehabt, aber sie hatten sich darauf geeinigt, nicht mit anderen zu schlafen. Jetzt fiel es ihr schwer zu glauben. Und wenn er wirklich im Gefängnis gewesen war, ließ er doch jetzt sicherlich nichts anbrennen. Nina wurde es warm und kalt zugleich. Sie war eifersüchtig - sie wollte es sich ungern eingestehen, aber es war wahr. Noch schlimmer war aber, dass sie und Marten unter der Dusche nicht verhütet hatten. Sie hatte darüber nicht nachgedacht, jetzt traf sie der Gedanke allerdings wie ein Schlag ins Gesicht.

Calm after the storm Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt