Samstag, 10.10.2020
Nachdem wir die Schlafsäcke in dem von ihm gemieteten Zelt verstaut haben, haben wir zwei Klappstühle aus einer Hütte in der Nähe geholt und es vor das Lagerfeuer gestellt. Während Jordan versucht den Holzhaufen anzuzünden, packe ich die Reisetasche aus. Er hat Marshmallows, Süßigkeiten, Getränke und Sandwiches eingepackt. Lächelnd sehe ich zu ihm hoch, doch da er mit dem Rücken zu mir hockt, merkt er nicht, wie glücklich mich diese aufmerksame Geste macht. Er hat an alles gedacht, sogar an Plastikbecher, Servietten und Pappteller. Fröhlich summend breite ich die Sachen vor uns auf dem Boden aus, lege aber vorher noch eine Tischdecke darunter, sodass sie als Picknickdecke getarnt ist.
„Endlich", höre ich Jordan seufzen, als er schließlich neben mir Platz nimmt.
Die ausgelassene Stimmung der anderen Besucher färbt schnell auf mich ab, sodass ich mich gut gelaunt zurücklehne und eine Gruppe von Freunden dabei beobachte, wie sie vergnügt zum Takt der Musik tanzen.
„Es ist so schön hier", spreche ich leise und schaue gen Himmel. Der Mond steht strahlend zwischen all den wunderschönen Sternen und liefert uns die romantische Atmosphäre, von der ich mich verlocken lassen möchte.
„Ich bin froh, dass es dir gefällt", antwortet er und legt mir eine Decke über die Schultern. Ein zartes Lächeln huscht über seine rosigen Lippen.
„Danke."
„Was willst du essen? Hast du großen Hunger?", will er wissen und lehnt sich nach den Speisen auf dem Boden.
Ich schüttele den Kopf. „Marshmallows reichen." Jordan nickt und reicht mir einen der Metallstäbe aus dem Zelt und eine Tüte Marshmallows.
Eine Weile grillen wir unseren Snack und gehen unseren eigenen Gedanken nach. Keiner von uns sagt ein Wort, doch es liegt eine erdrückende Stimmung in der Luft. Es gibt noch so viel Unausgesprochenes zwischen uns, aber ich werde ihn zu nichts zwingen, zu dem er nicht bereit ist. Ich platze zwar vor Aufregung, aber als Blue Rose, und ja, sogar als Offizier O'Connor ist er immerzu geduldig und nachsichtig mit mir gewesen. Ihm das zurückzugeben, ist das Mindeste, das ich tun kann.
Es verstreichen Minuten, die sich anfühlen wie Stunden, als er endlich beginnt zu sprechen. „Ich bin vermutlich aufgeregter als du es bist", lacht er scherzhaft und sieht mit glasigen Augen in die lodernden Flammen.
„Das kann ich so nicht unterschreiben", witzele auch ich und mustere ihn von der Seite. Mein Blick fällt auf seinen Adamsapfel, der auf und ab springt. Plötzlich begegnen seine Augen meinen und es verschlägt mir geradezu den Atem. Die Luft, die ich habe inhalieren wollen, bleibt mir im Hals stecken. Vor nicht allzu langer Zeit hat er mich mit genau diesem Blick angesehen. Zärtlich und voller Verlangen. Ich erwische mich dabei, wie ich mir diese Zeit mehr als alles andere zurückwünsche.
Jordans Lippen verziehen sich zu einem schiefen Lächeln, das schnell in eine traurige Miene umschlägt. „Wo soll ich beginnen?"
„Am besten ganz am Anfang", kommentiere ich aufmunternd und wende mich ihm zu, um ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. „Wir kennen uns seit unserer Kindheit?"
Nun ist er es, der gedankenverloren in den Himmel starrt. Jordan sieht aus, als ringe er mit sich selbst und müsse seinen plötzlich verschwundenen Mut wiederfinden. Ich gebe ihm die Zeit, die er braucht, auch wenn ich kaum die Füße stillhalten kann.
Als er sich schließlich gesammelt hat, blende ich alle anderen Hintergrundgeräusche aus und konzentriere mich einzig und allein auf seine Worte. „Deine Mutter und meine Mutter sind beste Freundinnen gewesen. Sie kannten sich aus ihrer Jugendzeit und waren unzertrennlich, dementsprechend haben auch wir uns irgendwann kennengelernt. Du warst noch so klein, dass du dich nicht mehr an Nicolas und mich erinnern kannst, aber wir haben fast jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zusammen gespielt." Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem nostalgischen Lächeln. „2002 haben meine Eltern ein lukratives neues Jobangebot bekommen, das sie nicht ausschlagen konnten. Wir mussten also wegziehen und es hat sieben Jahre gedauert, bis ich dich wiedersehen konnte." Ein sehnsüchtiger Ausdruck liegt in seinen Augen, als er lächelnd in seinen Schoß schaut, bevor er wieder die Sterne betrachtet. „Du warst älter und hast mich nicht wiedererkannt, als ich dich im Vorbeigehen begrüßt habe. Ich habe mich aber auch nicht vorgestellt. Im Nachhinein bereue ich meine Entscheidung, es nicht getan zu haben. An dem Tag hatte deine Mutter mich eingeladen, um mich persönlich um einen Gefallen zu bitten. Ich war zu dem Zeitpunkt achtzehn." Plötzlich bricht seine Stimme ab, als er einen Kloß im Hals herunterzuschlucken scheint. „Sie hat mir Geschichten von dir erzählt. Was deine Hobbys sind, was du gerne isst, welche Gewohnheiten du hast, wer deine Freunde sind... Und vieles mehr. Es war, als hätte sie mich die Zeit mit dir nachholen lassen wollen, die ich versäumt habe. Als ich sie gefragt habe, warum sie mir das alles sagt, hat sie mich in ein Geheimnis eingeweiht." Seine Augen werden glasig und starren stur auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft. „Sie hat gesagt, dass sie vermutlich jemand umbringen wird. Ich weiß nicht wie sie auf den Gedanken gekommen ist, aber sie hatte recht. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich verstecken soll, dass sie wegrennen soll, aber alles, was sie dazu sagen wollte, war: Sie werden mich finden. Bis heute weiß ich nicht, wer sie sind, aber seither habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, es herauszufinden. Nicht nur deinetwegen, sondern hauptsächlich ihretwegen. Claudia ist wie eine Mutterfigur für mich gewesen. Nachdem wir weggezogen sind, hat sie regelmäßig bei uns angerufen, aber es ist nie ein persönliches Treffen zustande gekommen. Trotzdem hat sie uns nie vergessen und mir sogar ihre Tochter anvertraut. Sie wusste, wie gern ich dich habe. Vielleicht war sie auch einfach besessen von dem Gedanken an uns zusammen vor dem Altar, seit wir Kinder waren. Ich weiß es nicht." Jordan lacht leise auf und auch mir entkommt ein Kichern. Auch wenn der Gedanke daran, dass meine Mama gewusst hat, dass sie sterben wird, herzzerreißend ist, stimmt es mich dennoch glücklich, dass sie sich Jordan hat anvertrauen können. Mein Respekt für diesen Mann wächst von Sekunde zur Sekunde mehr. Ich kann spüren, dass er eine wichtige Person in ihrem Leben gewesen ist, auch wenn er theoretisch in ihren Augen noch ein Jugendlicher gewesen ist. „Sie hat mir von ihrem Plan erzählt, dir Briefe zu schreiben und gefragt, ob ich mitmachen würde. Zunächst wollte sie, dass ich mich dir persönlich vorstelle, damit du einen realen Freund an deiner Seite hast, aber das schien mir damals nicht richtig. Ich dachte, dass es dich überfordern würde, also wollte ich auch Briefe schreiben. So habe ich das Pseudonym Blue Rose ins Leben gerufen. Ich habe lange über einen Namen nachgedacht und mit Claudia getüftelt, das war dann die beste Option von allen. Ich wollte unbedingt eine Verbindung zu dir und deinem Namen und was könnte da besser sein als Rosen? Die Farbe Blau symbolisiert, wie du schon weißt, etwas Mysteriöses und genau das wollte ich sein – geheimnisvoll. Ich habe nicht vorgehabt, es so lange vor dir zu verheimlichen. Allerdings habe ich das Timing einfach verpasst. Jedes Mal, wenn ich die Pakete persönlich vor deiner Tür abgeliefert habe, wollte ich klingen und mich diesmal nicht hinter der Hauswand verstecken. Ich wollte stehenbleiben und dir sagen, wer ich wirklich bin, aber ich konnte nicht. Ich habe nicht so lange mitgemacht, weil ich mich verpflichtet fühle, sondern deinetwegen. Weil ich es will."
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Blue Rose - Band 2
RomanceNachdem Jordan eine klare Linie zwischen sich und Rose gezogen hat, gehen sie getrennte Wege. Doch es vergeht kein Tag, an dem sie nicht an den Mann denkt, in den sie verliebt ist. In Zeiten wie diesen ist sie es gewohnt, sich an Blue Rose zu wenden...