Lycaon lehnte seinen Kopf gegen die harte Höhlenwand und zog die Decke enger um sich. Die Luft war ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit und während draußen der Regen unermüdlich vom Himmel prasselte, werkelte Zaden hier drinnen an einem Feuer herum, das versuchte ihnen wenigstens etwas Wärme zu spenden.
Sie waren mittlerweile schon seit gut drei Tagen unterwegs, trotzdem hatte er sich noch nicht an das Gefühl gewohnt, wirklich gar nichts über seine Umgebung zu wissen und gleichzeitig zu wissen, dass es sinnlos wäre, zu versuchen dies zu verändern. Bevor er es auch nur geschafft hätte sich die Position von einem Baum oder Stein zu merken, würden sie schon wieder aufbrechen.
Zaden ließ sich neben ihn nieder.
„Hier", sagte er und drückte Lycaon eine warme Holzschüssel in die Hand. „Ich habe den Hasen, den ich heute gefangen hatte, etwas über dem Feuer gegart. Ich hoffe es schmeckt. Könnte vielleicht noch etwas heiß sein."
„Danke", erwiderte Lycaon und hob für Zaden die Decke an, damit er mit darunter schlüpfen konnte. Er lehnte den Kopf an die Schulter seines Gefährten und begann gedankenverloren an dem Fleisch zu knabbern, während er mit halbem Ohr dem Regen und Zadens Atmung lauschte. Das war, bis der Gedanken an seine Familie seinen Verstand durchkreuzte und sein Herz sich schmerzhaft zusammenzog. Er fuhr sich mit seiner freien Hand über den Brustkorb. Das schmerzhafte Gefühl von Heimweh war einfach nur schrecklich.
„Alles okay?", fragte Zaden besorgt.
„Ja, hab nur an was gedacht."
„Und woran hast du gedacht?"
Lycaon ließ die halbvolle Schüssel in seinen Schoß sinken. „An die gemeinsamen Abendessen mit meiner Familie. Ich-" Er seufzte. „Ich habe immer gedacht, sie seinen nervtötend. Aber erst jetzt, wo ich nicht mehr an ihnen teilnehmen kann, bemerke ich erst, wie sehr ich sie doch gemocht und die Zeit mit meiner Familie genossen habe."
„Ich verstehe, was du meinst. Bei manchen Sachen merkt man erst, wie wichtig sie einem doch sind, wenn sie nicht mehr da sind", sagte Zaden und legte ihm den Arm um die Schulter, um ihn noch näher an sich zu ziehen. „Vermisst du deine Familie arg?"
Lycaon nickte. „Ja, aber ich habe auch nicht erwartet, dass der Abschied leicht werden würde. Ich war immerhin bisher mein ganzes Leben von ihn allen umgeben. Von meiner Familie genauso wie von Maewyn und Ronan. Da ist es nur verständlich, dass ich sie vermissen und Heimweh verspüre."
„Mhm ... und wie ist es bisher für dich, nichts über deine Umgebung zu wissen?"
„Ungewohnt. Sonst hatte ich ja immer wenigstens eine ungefähre Ahnung, aber hier, gar nichts. Es ist komisch und ich fühle mich gleichzeitig so verletzlich", antwortete Lycaon ehrlich.
„Darum brauchst du dir nichts allzu viele Gedanken machen. Ich werde nicht zulassen, dass dir irgendwas zustößt", sagte Zaden. „Aber du weißt, dass wir zu jedem Zeitpunkt noch umdrehen können? Egal, wann, wo oder wieso. Wenn dein Heimweh zu groß wird, können wir zu jedem Zeitpunkt wiederumdrehen. Wenn du dich in meinem Rudel gar nicht zurecht findest, können wir zu jedem Zeitpunkt zurückgehen. Du musst nur ein Wort sagen. Das weiß du, oder?"
„Ja, das weiß ich. Du hältst mir die gleiche Rede, seitdem wir uns kennengelernt haben, und ich finde es sehr lieb von dir, dass du all diese Schritte bereit wärst zu gehen, aber ich brauche den Neuanfang und auf dich wartete ein Beta-Posten."
„Wofür brauchst du einen Neuanfang?"
„Um endlich aus meinem Schneckenhaus herauszukommen", erwiderte er. „In meinem alten Rudel würde ich mich nie daraus hervortrauen. Eigentlich jeder weiß dort über meine Blindheit und davon, dass ich von mir selbst denke, dass ich nichts kann, Beschied-"
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Let Me Trust You First
RomanceAufzuwachsen ohne sehen zu können, hat Lycaon gelehrt, dass er sein Vertrauen nicht einfach so leichtfertig an jeden erstbesten verschenken darf und, dass Vorsicht oft besser ist als Nachsicht. Das Gleiche gilt auch als er auf seinen Seelengefährten...
