Auf nach Hogwarts

40 5 0
                                        

[Kapitel wurde am 15.11.25 überarbeitet]

1992

Ginny blickte mit gemischten Gefühlen auf die Steinwand zwischen den Gleisen 9 und 10 am Bahnhof Kings Cross in London. Ihre Familie war nach dem Frühstück zusammen mit dem fliegenden Wagen ihres Vaters zum Bahnhof geflogen und war nun bei der Pforte zu Gleis neundreiviertel angekommen. Die Weasley war diesen Weg schon mehrmals mitgegangen, hatte jedes Mal gequengelt, dass sie auch endlich in den Hogwartsexpress einsteigen wollte. Die Antwort von ihren Eltern war jedes Jahr dieselbe gewesen.
>>Du bist noch zu jung. In ein paar Jahren darfst auch du nach Hogwarts<< oder >>Hab noch etwas Geduld, Ginny Schatz<<

Damals war Ginny enttäuscht gewesen, auch ein kleines bisschen Wut und Eifersucht auf ihre älteren Brüder hatte sie empfunden, einfach nur, weil ihr großer Moment noch nicht gekommen war.
Aber sie war geduldig gewesen und hatte gewartet. Und nun war der Augenblick gekommen. Der Tag, an dem sie, Ginevra Weasley endlich in den roten Hogwarts Express einsteigen und nach Hogwarts fahren würde.
Doch jetzt, da es endlich soweit war, fühlte die rothaarige Hexe sich nicht so großartig oder glücklich, wie sie es erwartet hätte, es war eher ein mulmiges Gefühl, dass die jüngste Weasley plagte, während sie so auf die Steinwand vor ihr starrte. Woher dieses Gefühl kam, konnte sie gar nicht sicher sagen, es war einfach da...Ob es an der Häusereinteilung lag? Fred hatte beim Autofahren ein paar Witze gerissen und auch eine „Prüfung" erwähnt, speziell für Erstklässler. „Dass hast du letztes mal schon gesagt. Und es gab keine Prüfung", hatte Ron sich beschwert. Trotzdem wollte Ginny dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf gehen. Unsicher blickte sie zu ihrer Mutter, die der rothaarigen jedoch beruhigend zuzwinkerte. „Komm schon, Ginny Schatz", sagte Molly ermutigend, „Du weißt doch, wie es geht, nicht wahr." Zur Erklärung ihrer Worte zeigte Ginnys Mutter auf die geheime Pforte, vor der die Familie stehengeblieben war.
Die Brüder der jüngsten Weasley waren bereits durch die Pforte gegangen, einzig Ron und dessen bester Freund Harry warteten noch hinter Molly und Ginny und plauderten fröhlich miteinander.
Die rothaarige Weasley nickte bloß, „Schon klar Mum.", murmelte sie und versuchte, ihr Unwohlsein nicht zu zeigen, „Einfach durchlaufen und nicht bremsen"
Etwas unsicher griff Ginny nach dem Griff ihres Gepäckwagens, atmete tief durch und lief langsam los, direkt auf die Mauer zu, erst langsam und dann etwas schneller. Sie hörte ihre Schritte auf dem gepflasterten Stein und das Blut, dass in ihren Ohren rauschte, während die Wand immer näherkam.

>>Du schaffst das Ginny. Du schaffst das. Das ist keine Wand. Das ist keine Wand, das weißt du doch<<

Ginny beschleunigte ihr Tempo erneut und rannte schließlich mit vollem Tempo auf die Wand zu, die die geheime Pforte verbarg.
In dem Moment, in dem Ginny die Wand erreicht hatte, wurde für einen Moment alles dunkel. Ein kalter Schauer durchfuhr die jüngste Weasley, während sie für einen Bruchteil einer Sekunde von völliger Schwärze umgeben weiterrannte. Dann blendete ein helles Licht ihre Augen, woraufhin die Weasley reflexartig versuchte zu bremsen und so auch ihren Wagen schließlich zum Stehen brachte.
Keuchend stützte Ginny sich auf dem Gepäckwagen ab und blickte sich dann staunend um. Sie erkannte das Gleis Neundreiviertel und den tiefroten Hogwartsexpress, den sie im letzten Jahr bei Rons erstem Jahr schon gesehen hatte. Aus dem Schornstein stieg bereits eine Rauchwolke empor und zahlreiche Schülerinnen und Schüler blickten aus den Fenstern oder verabschiedeten sich von ihren Eltern. Schritte erklangen hinter Ginny, als ihre Mutter sich neben sie stellte.
„Es ist doch immer wieder aufs Neue beeindruckend, meinst du nicht auch?" flüsterte ihre Mutter Ginny ins Ohr. Die rothaarige nickte wortlos. Denn genau das war es.
„So dann wollen wir mal", meinte Molly anschließend und klatschte zweimal in die Hände, „Lass uns deinen Koffer in den Zug bringen."


Gemeinsam mit Molly und der Hilfe ihrer Brüder war das Verstauen des Koffers schnell erledigt und die Weasleytochter verabschiedete sich von ihrer Mutter. „Pass auf dich auf, mein Schatz", meinte die rothaarige und küsste ihre Tochter auf die Wange. Ginny wurde knallrot. „Mum!", beschwerte sie sich. „Schreib mir einen Brief, wenn du angekommen bist. Ich will alles wissen", drängte Molly und ignorierte dabei Ginnys warnenden Ton.
„Mum!", wiederholte die jüngste Weasley energisch, „Das ist peinlich", fügte sie noch hinzu. Ihre Mutter seufzte. „Schon gut. Pass auf dich auf ja?" wiederholte sie noch ein letztes Mal, bevor sie aus dem Zug stieg und sich auf dem Bahnsteig zu Ginnys Vater Arthur gesellte.

„Hey Ginny."

Beim Klang einer Stimme hinter ihr wandte die rothaarige nach einem letzten Blick zu ihren Eltern den Kopf um und erblickte ein ihr ebenfalls bekanntes Gesicht. Ein Lächeln huschte Ginny übers Gesicht.
„Hallo Tatia", begrüßte sie das braunhaarige Mädchen aus der Winkelgasse.
Tatia Greyback lehnte im Gang rechts von Ginny an der Wand und empfing die Weasley mit einem Grinsen.
„Das war deine Mum, nicht wahr?", fragte die braunhaarige und nickte in die Richtung, in die Molly verschwunden war. Ginny verdrehte die Augen und spürte, wie sie wieder rot wurde. „Ja das war meine Mum,", murmelte sie etwas peinlich berührt. Wieso musste ihre Mutter sie immer so vor anderen blamieren? >>Sie kann es einfach nicht lassen<< dachte sie und verdrehte innerlich die Augen.
Tatia schien diese Tatsache jedoch nicht zu kümmern, sondern wechselte gleich das Thema.
„Na, bist du schon aufgeregt?", wollte die braunhaarige wissen. Ginny nickte bloß aufgeregt, ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht der Weasley. „Und wie", meinte sie aufgeregt. „Auf was freust du dich am meisten?" wollte sie dann wissen. Bei diesen Worten bildete sich auf Tatias Stirn eine kleine Falte, während sie augenscheinlich nachdachte und für einen Moment schwieg. „Ich freue mich auf den Moment, wenn ich Hogwarts zum ersten Mal sehe.", meinte sie dann, „Oh und auf die Häusereinteilung natürlich. Auf meinen Gemeinschaftsraum...den Unterricht". Tatia seufzte verträumt.
Und da war es wieder.
Das ungute Gefühl, dass Ginny seit der Winkelgasse verfolgte, wenn jemand über die Häusereinteilung sprach.
Der Gedanke nicht nach Gryffindor zu kommen, war so präsent, wie nie zuvor.
Dann erinnerte sich die Weasley an das Tagebuch und an Toms aufmunternde Worte von vorheriger Nacht.

>>Dann bist du wahrscheinlich anders als deine Familie. Etwas Besonderes, wie ich finde.<<

Ginny fühlte sich danach immerhin ein klein wenig besser, als vorher, auch wenn das unwohle Gefühl nicht ganz verschwand.
„Ich freue mich auch darauf, wenn ich zum ersten Mal Hogwarts sehe", stimmte die rothaarige Tatia anschließend zu. „Und ich bin gespannt auf die Lehrer dort."
Die braunhaarige grinste breit.
„Los komm mit. Gehen wir uns ein Abteil suchen."


Tatia und Ginny hatten Glück. Beinahe am Ende des Zuges fanden die beiden tatsächlich noch ein leeres Abteil, in dem sie ihr Gepäck abstellten. Tatia machte sich gleich in Richtung Imbisswagen auf und so blieb Ginny einen Moment lang alleine im Abteil zurück.
Da der Rothaarigen langweilig war beschloss sie ein wenig mit Tom zu schreiben. Als sie das Tagebuch aus ihrem Koffer geholt und es aufgeschlagen hatte, war sie sich gar nicht sicher, wie oder wo sie anfangen sollte, weswegen sie einfach das erste schrieb, was ihr so durch den Kopf ging.
>>Hallo Tom. Wie geht es dir<< 

Das ist der WegGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt