Teil 17 - Durch den Sturm, durch die Nacht

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Der Sturm kam aus dem Nichts. Eben noch hatte der Wind sie mit mäβiger Geschwindigkeit vorangetrieben und plötzlich brach die Hölle los. Wolkenberge türmten sich auf, es krachte und donnerte und der Orkan verwandelte das Meer in eine brodelnde, Gischt speiende Unterwelt.

Jesse wurde aus seinem Dämmerschlaf gerissen und erwachte in einem Alptraum. Er rannte zurück an Deck, wo die Männer gerade versuchten, die Segel einzuholen. Der Wind peitschte ihnen das Salzwasser brennend in die Augen und die Wellen begannen bereits, über die Seiten des Schiffes zu schwappen.

Er brüllte Befehle, versuchte Ordnung in die wild durcheinanderwuselnde Mannschaft zu bringen. So schnell es ging, wurden Seile verteilt, mit denen sich die Männer an der Dragon festmachen sollten. Sobald dieser Sturm erst einmal über ihnen war, würden die Wellen einen nach dem anderen vom Deck spülen. Und sollte dieses Schiff untergehen, dann würden sie eben alle mit ihm am Grund des Ozeans enden.

Jesse hoffte, dass Esmeralda es zu Drake geschafft hatte. Die Möbel waren zwar alle fest verschraubt und hatten schon mehr als einem Sturm standgehalten, aber trotzdem war es nirgendwo auf dem Schiff wirklich sicher, vor allem wenn man nicht ganz bei Sinnen war.

Das Gewitter brach direkt in den Wolken über ihnen los. Blitze zuckten von einer Wolke zur anderen oder schlugen mit Macht ins Wasser ein. Jesse umklammerte das Steuerrad. Er fühlte das Schiff unter sich rollen, sie kämpften sich durch jedes Wellental und wurden von der darauffolgenden Welle überspült. Das Schiff drehte sich, neigte sich gefährlich zur Seite und Jesse hatte immer mehr Mühe, sich auf den Beinen zu halten.

Neben ihm, hinter ihm, überall wurden seine Männer, seine Freunde über die Planken geschleudert. Sie fielen aus der Takelage, bei dem Versuch, die Segel zu retten und wurden über Bord gespült, als die Kraft des Wasser sogar die Seile zerreissen lieβ.

Die Dragon ächzte unter der Belastung und als die nächste Welle zuschlug, wurde auch Jesse von seinem Platz gerissen. Das Ruder begann sich wild zu drehen, er wurde mit Wucht über das Deck geschleudert. Er versuchte aufzustehen, zurückzufinden. Sie hatten nur dann eine Chance, wenn jemand das Schiff kontrollierte, irgendwie gerade und auf Kurs hielt. Er schnappte nach Luft und schmeckte nur Salzwasser, er verhakte das Seil zwischen den Balken, aber der Sturm drängte ihn zurück und er knallte mit dem Kopf so heftig gegen eine Wand, dass ihm für einen Moment die Sinne schwanden.

Durch den peitschenden Regen war kaum noch etwas zu erkennen. Er holte wieder Luft und blinzelte durch das Wasser. Das Schiff bäumte sich auf, drehte sich wieder und richtete sich plötzlich neu aus. Das Holz knarrte und quietschte als sich der Bug in die Wellen dreht. Sie trieben nicht mehr wild über das schäumende Wasser, die Dragon schien der Herausforderung mit neuer Kraft zu begegnen.

Jesse traute seinen Augen kaum. Am Steuerrad stand ein Mann, so aufrecht es bei dem schneidenden Wind möglich war. Er hielt das Rad mit einer Kraft umklammert, die Jesse seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Seine pitschnassen Haare flatterten um seinen Kopf, seine Kleider blähten sich im Wind. Er war barfuss und stand so sicher auf diesen Planken, als wäre er mit ihnen verwachsen. Sein Gesicht war eine Grimasse der Entschlossenheit, er trotzte diesem Sturm, als wäre dies seine ganz persönliche Nemesis.

Kapitän Francis Drake. Der Kapitän, der vor ein paar Stunden noch teilnahmslos in seinem Bett gelegen hatte. Er war von oben bis unten dreckverschmiert, aber seine Augen leuchteten. Er wirkte wie ein Gespenst, ein rachedürstender Geist, der sich erhoben hatte. Er lenkte dieses Schiff durch den Sturm und die Dragon schien zu spüren, wer dort an ihrem Ruder stand. Gemeinsam würden sie diesen Kampf überstehen, oder gemeinsam untergehen.

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Als die Nacht vorbei war und der Morgen graute, zog sich auch der Sturm zurück. Jesse schaffte es schlieβlich zurück und fand seinen Kapitän förmlich mit dem Steuerrad verschmolzen. Er hatte sich mit einem Tau dort festgemacht und lag mehr als er stand. Er war eingeschlafen oder ohmächtig geworden, seine Haut sah fahl und eiskalt aus.

PiratenblutGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt