22 - Sicily

1.4K 84 18
                                        

There are chords in the
hearts of the most reckless
which cannot be touched
without emotion.

- Edgar Allan Poe

Mein Herz klopft in einem unregelmäßigen Rhythmus gegen meine Brust. Nicht, weil ich Angst vor Nacer habe, sondern weil ich Angst um ihn habe. Dieses Mittagessen war aus verschiedenen Gründen eine Überraschung für mich. Ich habe immer geglaubt, dass Nacer und Luciano so etwas wie beste Freunde wären, aber mittlerweile kristallisiert sich heraus, dass die Beziehung der beiden zu bröckeln scheint. Nach dem Abendessen mit meinen Eltern habe ich nicht geglaubt, dass Nacer mich jemals verteidigen würde. Dass er jemals meine Partie ergreifen würde. Vielleicht hat er es aus Eigenmotivation getan, weil er realisiert hat, dass dieses Verhalten mir gegenüber alles andere als in Ordnung ist. Wahrscheinlich hat er es getan, damit Braedin nichts vermutet.

„Nacer!", versuche zu ihm durchzudringen, während er mich noch immer durch die Gegend zieht. Ich habe diese tödliche Stille vorher noch nie in ihm gesehen. Er ist dagesessen wie eine Statue, was mich an den Raben erinnert hat. Was mich wieder zu dem Tod seiner Eltern und den Verlust seiner Familie bringt. Nacer zieht mich durch die Gegend wie ein Unwetter, welches durch einen sonnigen Tag fegt. Absolut unberechenbar und auf gar keinen Fall aufhaltbar.

„Nacer!", wiederhole ich mich Nachdruck, während ich diesmal mit meiner freien Hand nach seinem Arm zu greifen versuche. Doch er zieht mich auch noch die letzten paar Meter zu seinem Auto, wo er mich dann sanft gegen die Fahrertüre presst. Mein Herz beginnt einen Marathon, während mein Mund staubtrocken wird. In seinen Augen glänzt Wahnsinn, aber eigentlich schimmert ständig etwas viel Stärkeres in ihnen. Ich habe ihn noch nie so verletzlich erlebt und während sein Körper sich nun gegen meinen drückt und seine Augen so intensiv in meine Blicken, während er dem Sturm in sich selbst nicht widerstehen kann und sich daher mitreißen lässt, bleibt keine Sanftheit mehr übrig.

Seine Lippen senken sich auf meine, wobei er alle Emotionen in den Kuss legt, welche in ihm schweben. Welche an die Oberfläche müssen, weil er sonst seinen Verstand verlieren würde. Ich spüre so viel Wut, Verletzlichkeit, aber mehr als alles andere ist da Einsamkeit. Er braucht diesen Kuss wie ich die Luft zum Atmen brauche. Er braucht diesen Kontakt, weil er sonst den Anschluss an die Realität verliert, weil er sich in sich selbst und seinen Gefühlen verlieren würde. Erst als seine Zunge gegen meine stößt, kann ich mir der Situation hingeben, weil mir bewusstwird, dass es mir genauso geht wie ihm. Ich bin genauso einsam wie er. Ich hasse es mindestens so sehr, dass ich einer Situation bin, mit welcher ich allein umgehen muss, obwohl ich keine Ahnung habe, wie ich es tun soll. Ich fühle mich so gedemütigt und unsicher, während mir gleichzeitig auch klar ist, dass es lächerlich ist, mich derartig beeinflussen zu lassen.

Nacer hat recht behalten, denn ich habe mir das Restaurant selbst erarbeitet, hart dafür gekämpft. Und das nicht nur akademisch, sondern auch emotional und moralisch. Während Luciano natürlich lernen musste, wie man ein Auto anständig fährt, hat er nie dagegen ankämpfen müssen, ein Außenseiter zu sein, weil ihm so etwas niemals angehängt wurde. Seine Wünsche sind immer akzeptiert worden. Er hat nicht unendlich viele Tränen vergossen, während er den Sinn in bestimmten Sachen gesucht hat, um sich zu vergewissern, dass er den richtigen Weg geht.

Ich weiß nicht einmal jetzt, ob ich das Richtige getan habe. Alles hätte anders ausfallen können, wenn ich meine Träume aufgegeben hätte. Ich hätte eine Familie. Ich würde akzeptiert werden. Vielleicht würde ich das, was ich täte, sogar lieben. Stattdessen habe ich die idealistischen Ansichten befolgt, dass die eigenen Träume die wichtigsten sind. Ich habe mein Umfeld für mich selbst aufgegeben und zum ersten Mal überhaupt fällt mir auf, wie egoistisch das ist. Natürlich hätte man auf mich achten können, aber ich habe genauso wenig auf mein Umfeld geachtet. Ich habe mich genauso wenig um die Dinge bemüht, welche nun zwischen mir und dem Rest der Familie nicht funktionieren. Ich versuche, diesen Gedanken weg zu küssen, allerdings löst sich Nacer sanft von mir.

Ich spüre erst, dass ich weine, als er mir die Tränen von den Wangen wischt. Auf seinem Gesicht ist kein Sturm mehr zu erkennen, viel eher hat er sich gefasst und in seinen Augen glänzt nur noch Mitleid.

„Oh, Sicily", beginnt er, doch ich winke nur ab, ehe mir alle Dämme brechen und ich schon wieder so einen schlimmen Nervenzusammenbruch habe, dass ich am nächsten Tag wahrscheinlich kaum noch meine Augen offen behalten kann. Mein Körper zittert, auch wenn ich meine Gefühle zu unterdrücken versuche. Seit Nacer bei mir wohnt, reagiere ich viel schlechter auf derartige Auseinandersetzungen. Vielleicht weil ich ein schlechtes Gewissen habe. Er hat keine Familie und ich bringe das Verhältnis zu meiner eigenen nicht in Ordnung. Ich bin so eine Versagerin, dass ich nicht aufhören kann zu weinen.

Nacer möchte mich in seine Arme ziehen, allerdings weiche ich ihm in letzter Sekunde aus. Ich kann nicht zulassen, dass er eine Kluft zwischen uns überwindet, welche eigentlich dringend überwunden werden müsste. Ich bräuchte diese Nähe. Ich bräuchte eine Umarmung, irgendein Zeichen dafür, dass ich nicht allein auf dieser Welt bin. Aber wie kann ich sie von jemandem erwarten, welcher sich alles wünscht, was ich habe, während ich es verderbe? Wie kann ich mir wünschen, von ihm umarmt zu werden, wenn ich weiß, dass sein Schmerz daher rührt, dass er mir helfen wollte? Zumindest wurde er dadurch daran erinnert.

Ich kann es einfach nicht verkraften, von jemandem meine Kraft zu ziehen, der sich wahrscheinlich fragt, was für eine Versagerin ich sein muss, um mich so gegen meine Familie zu stemmen. Die einzige Familie, die ich habe und vermutlich jemals haben werde. Denn wenn nicht einmal sie mich richtig lieben können, wie soll ich jemals Fuß in der Welt fassen können und jemanden finden, der mich von Herzen liebt und mich so akzeptiert wie ich bin? Es gibt so viele Menschen, die nichts haben und noch viel weniger eine Möglichkeit, etwas aus ihrer Situation zu machen, aber trotzdem glücklich sind, weil sie eine Familie haben.

Ich hätte eine Familie und ich hätte auch ausgezeichnete Möglichkeiten gehabt, aber ich habe mich dagegen entschieden, einfach weil eine verdammte Egoistin bin. Weil ich lieber meinen eigenen Weg gehe als mit den nächsten Menschen in meinem Leben gemeinsam einen Weg zu beschreiten.

Ich vergrabe das Gesicht in meinen Händen, während ich mit einem Mal jede einzelne Entscheidung bereue, welche ich jemals in meinem Leben getroffen habe. Welche mich an diesen Punkt gebracht hat, an welchem ich heute stehe. Und ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht wenigstens dahinterstehen kann, dass ich einen Weg gegangen bin, bei welchem mir eigentlich hätte klar sein sollen, dass er so endet.

Ein eher emotionaler Moment für Nacer und Sicily 😬

Aber ich habe schon bei YBWM ein Doppel-Update gebracht, da wir die 200K bei RIL geknackt haben, also werde ich es auch hier machen 😊

Weiterhin viel Spaß beim Lesen ❤️

[DOPPEL-UPDATE 1/2]

Racing HeartsWo Geschichten leben. Entdecke jetzt