Das Mittagessen ist kurz davor, sich zu einer Katastrophe zu entwickeln. Der kleine Vierertisch hat auf den ersten Blick gemütlich auf mich gewirkt, aber mittlerweile frage ich mich, ob es vielleicht ein Fehler war, sich hierhin zu setzen. Es hat zu wenig Platz, um genug Raum für sich beanspruchen zu können und ich spüre, dass dies das Einzige ist, was Sicily momentan braucht. Allgemein wirkt das Restaurant plötzlich klein auf mich.
Die Wände, welchen in einer cremigen Farbe gestrichen ist, wirken edel, aber auch einladend, während sie mit Auszeichnungen und Fotografien des Golfclubs versehen sind. Ich frage mich, ob irgendwann auch ein Foto von Sicily und mir da hängen wird, verwerfe diesen Gedanken allerdings gleich wieder. Golfen ist verdammt kompliziert und dass sie sich bisher so gut schlägt, ist nur Anfängerglück.
Mein Blick wandert weiter und erfasst die wenigen Tische, welche im Raum aufgestellt ist. Durch die Lautsprecher erklingt leise Musik, während von den Nachbartischen, welche besetzt sind, Gespräche zu vernehmen sind. Ein paar Gesichter habe ich hier schon letztes Mal gesehen, andere wiederrum wirken vollkommen fremd auf mich. Jedenfalls lassen sie mich alle in Ruhe, was gut ist. Das ist ein Grund, weshalb ich das Golfen so mag. Man begegnet nicht allzu vielen Leuten, kann sein Ding durchziehen und dabei seinen Frieden haben. Das ist etwas, was ich bei einem Rennen niemals haben werde. Dort kann ich mich nicht entspannen, auch wenn Rennfahren das ist, was ich liebe. Eine kleine Unachtsamkeit, ein winziger Fehler könnten mir das Leben kosten.
Sicily sieht mindestens so konzentriert aus, wie ich es tue, wenn ich mich hinter dem Steuer befinde. Ihre Knöchel treten weiß hervor, so fest umklammert sie ihr Besteck. Vielleicht, weil sie glaubt, dass sie hier keinen Anker hat. Sie weiß es. Wenn ich ihr Freund wäre, würde ich ihr helfen können, nur schon, weil ich dann ihr Anker wäre. Aber das bin ich nicht.
„Ich finde es so faszinierend, dass ich dich endlich richtig kennenlernen kann, Sicily. Ich habe schon so viel von dem Vultaggio-Familienmitglied gehört, welches fast nie bei einem Rennen zu sehen ist."
Braedin schenkt Sicily ein falsches Lächeln, für welches ich ihm am liebsten den Arm auskugeln würde. Natürlich verwirkliche ich diesen Gedanken nicht, sondern werfe ihm nur einen warnenden Blick zu.
„Vielleicht hast du dann auch schon viel von dem einzigen Vultaggio-Familienmitglied gehört, welches nicht alles in die Wiege gelegt bekommen hat?"
Meine Stimme klingt strenger und kälter als ich es beabsichtigt habe, aber nachdem ich mit Sicilys Familie einmal zu Abend gegessen habe, scheint es mir die einzige richtige Antwort zu sein. Meine Augen flackern kurz zu Luciano, dessen Gesicht plötzlich eine Eiszeit ausstrahlt, bis ich mich wieder auf Braedin konzentriere. Braedin und ich haben über die Jahre eine ziemlich gute Beziehung zueinander aufgebaut, auch wenn eigentlich nur auf einer professionellen Ebene. Er ist so etwas wie mein persönlicher Coach, obwohl er eigentlich der Manager von Pasquale und mir ist. Er weiß, wenn er besser schweigen sollte und wenn er die Situation richtig beurteilt, wird er merken, dass er jetzt besser die Klappe über Sicily und die Beziehung zu ihrer Familie hält.
„So? Was machst du denn beruflich? Ich habe dich in dem Restaurant gesehen, aber mir ist nicht ganz klar geworden, was du dort tust", lenkt Braedin das Gespräch also unauffällig in eine andere Richtung. Sicily braucht ein paar Sekunden, bis sie wieder in der Realität ankommt, also stupse ich mit meinem Knie sanft gegen ihres, um den Prozess zu beschleunigen.
„Mir gehört das Restaurant", antwortet sie knapp. Dabei klingt sie nicht annähernd so stolz und angeberisch, wie sie es eigentlich tun sollte.
„Es ist mit Abstand das exklusivste Restaurant Englands", füge ich also hinzu, damit sie endlich wieder ein wenig an Selbstbewusstsein gewinnt. Ich kenne diese weiche, unterwürfige Seite von ihr normalerweise gar nicht und das ist auch gut so. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn sie ständig so wäre. Einmal mehr frage ich mich, wo die starke und selbstbewusste Frau bleibt, welche sie mir gegenüber immer ist. Ich hasse es meistens, dass sie so stur und hartnäckig ist, aber momentan finde ich es viel schlimmer, wenn sie dabei ist, sich von irgendwelchen Männern niedermachen zu lassen, welche in keiner Hinsicht besser sind als sie.
„Ah. Du wohnst in so einer kleinen Wohnung, da vermutet man so etwas gar nicht."
Sicily zuckt auf diesen Kommentar hin nur mit den Schultern. Dass sich Schweigen über dem Tisch ausbreitet, ist allerdings die perfekte Gelegenheit für Luciano, sich wieder einzumischen.
„Das Restaurant ist genau gleich wie jeder andere exklusive Ort in England. Sicily spielt das alles sehr gerne in den Himmel, aber es ist nichts Besonderes. Dafür hätte sie den Familiennamen nicht benutzen müssen."
Braedins Augen weiten sich für einen Moment, bis er seinen Schock über Lucianos Worte unter Kontrolle hat, während bei Sicily wieder genau das Gleiche geschieht wie vor einigen Wochen. Nur bin ich nicht mehr derselbe Mensch, wenn ich mir genau überlege, wie die Situation momentan aussieht. Ich werde nämlich nicht schweigen, wenn ich vorgebe, ihr Freund zu sein.
„Nur weil du ohne deinen Namen nichts bist, musst du noch lange nicht auf Sicily herumtrampeln, wenn sie es schafft mit ihren eigenen Bemühungen Erfolge zu haben."
Ich bemühe mich um einen ruhigen Ton, aber mir ist bewusst, dass ich nur noch wenige Sekunden die Fassung wahren kann, ehe ich Luciano eine Faust ins Gesicht ramme. Es könnte zwar das Ende meiner Karriere bedeuten, aber was bringt mir schon eine Karriere, wenn ich dafür meinen Charakter aufgeben muss? Ich denke nicht, dass meine Eltern jemals stolz auf mich gewesen wären, wenn sie geglaubt hätten, dass Sicily meine Freundin ist und dabei zugesehen hätten, wie ihr Bruder sie in jeder einzelnen Konversation demütigt. Wie ich nichts dagegen mache.
Ich habe Luciano seit meiner Kindheit immer für einen guten Freund gehalten. Er hat mir immer geholfen und ich werde ihm immer für die Reise danken, welche er damals mit seinen Eltern für mich organisiert hat. Aber ich darf nicht zulassen, mich von meiner Dankbarkeit kontrollieren zu lassen. Schließlich wohne ich bei Sicily und sie erfüllt mir ebenfalls einen riesigen Gefallen. Meine Dankbarkeit gilt momentan ihr.
„Ach halt doch die Klappe, Nacer. Was verstehst du denn schon von einem Namen und einer Familie?", entgegnet Luciano wutentbrannt, worauf Braedin sofort scharf die Luft einzieht. Familie. Ich brauche einige Sekunden mehr, weil mein Kopf nicht verarbeiten kann, was mir Luciano gerade vorgeworfen hat. Er selbst wird kalkweiß, während Sicily aufsteht, was ich nur am Rande meines Bewusstseins mitbekomme. Sie sagt etwas zu ihrem Bruder und Braedin. Auch das verstehe ich nicht. Ich kann nicht einmal wütend sein auf Luciano. Eine Welle der Trauer reißt mich so intensiv mit sich, dass ich mit mir ringen muss, um die Kontrolle nicht komplett zu verlieren.
Ich würde gerne ausrasten, etwas zertrümmern, angefangen mit den hässlichen Worten, welche mir Luciano gerade aufgetischt hat, aber ich fühle mich so gelähmt, dass ich das Gefühl habe, kein einziges Glied bewegen zu können. Da ist nichts außer einer allumfassenden Stille, eines Gefühls der unendlichen...Einsamkeit. Ich fühle mich so allein, trage so viel Schmerz in mir, dass es beinahe unerträglich ist, noch zu atmen. Mein direkter Augenkontakt zu Luciano wird gebrochen, als man meinen Kopf nach links dreht.
Als Sicily meinen Kopf nach links dreht. Ihre Lippen bewegen sich, aber ich vernehme ihre Worte nicht. Sie hat die Stirn gerunzelt und selbst so sieht sie wundervoll aus. Ich wünschte, dass mir das nicht ausgerechnet in diesem Moment auffallen müsste, aber ich kann nicht verhindern, dass meine Gedanken in diese Richtung wandern. Ihre Lippen sehen so weich aus, wie ich sie in Erinnerung habe, obwohl ich mir auch ziemlich sicher bin, dass sie bestimmt auch anders sein könnten. Mein Kopf beginnt erneut, sich zu drehen, aber diesmal wegen ihr.
Was verstehst du denn schon von einem Namen und einer Familie? Name. Familie. Familie. Die Worte schweben durch meinen Kopf, während ich nur noch sie sehe. Ich stehe wie mechanisiert auf, packe sanft ihre Hand und ziehe sie dann durch den Raum. Dieses Golf-Treffen ist für mich sowas von vorbei. Es gibt nämlich nur noch eine Sache, die ich momentan brauche.
Ich brauche sie. Ich brauche Sicily.
Und ich brauche noch eine weitere Woche Ferien 😭
Wie hat euch das Kapitel gefallen?
Was wird wohl als nächstes geschehen?
Lasst gerne eure Theorien da und dann lesen wir uns am nächsten Wochenende wieder 😊
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Racing Hearts
RomanceNacer ist der Prinz der Rennbahn. Sicily ist die Prinzessin der Gourmetwelt. Eine gespielte Beziehung. Unkompliziert - zumindest bis Gefühle ins Spiel kommen und die beiden komplett aus der Bahn werfen. START: 30/05/22 ENDE: 17/03/23
